Idee und Inhalt meines Buches

"Jede entsprechend weit fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden" (Zitat von Arthur C. Clarke)


Diese Idee hat mich nicht mehr losgelassen bis ich schließlich damit begonnen habe ein Buch darüber zu schreiben. Es geht um virtuelle Welten, die so perfekt simuliert sind, dass sie von der realen Welt nicht mehr zu unterscheiden sind. Da in der virtuellen Welt alles möglich ist, gibt es in meinem Buch sowohl Zukunftstechnologie, wie sie in Science Fiction Romanen zu finden ist, als auch typische Fantasy Elemente wie Magie, Fabelwesen und Fantasiewelten.

In meinem Blog werde ich nicht nur über den Fortschritt meines Buches berichten, sondern auch allgemein zu SciFi und Fantasy Themen.

Gerne lasse ich mich hierbei von euch inspirieren.

Wer mag, kann mich gerne direkt kontaktieren: roy.ofinnigan@t-online.de

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Mittwoch, 30. Juli 2014

Atlantis - Teil 1

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Nach längerer Pause gibt's mal wieder was zu lesen.
Hiermit möchte ich Euch den ersten Teil meiner neuesten Kurzgeschichte "Atlantis" vorstellen.
Über Feedback und Kommentare würde ich mich sehr freuen.




Atlantis

Prolog


Gold. Heiß begehrt und seit jeher geschätzt. Nicht nur auf der Erde, sondern im gesamten Universum. Geraubt, erschlichen oder ehrlich erworben. Gierig gerafft oder kühl akquiriert. Verwendet als Schmuck, Geldanlage oder wegen seiner herausragenden Eigenschaften. Doch sein wertvollstes Attribut offenbart sich erst auf einer Entwicklungsstufe, welche die meisten intelligenten Lebewesen nie erreichen.
Gold ist eines der schwersten Elemente. Obwohl naheliegend ist es eine im Universum wenig bekannte Tatsache, dass man es in nennenswerten Mengen lediglich im Zentrum von Planetenkernen findet. Umso erstaunter ist das Photon am Rande des Sonnensystems, als vor ihm aus dem Nichts plötzlich eine gigantische Goldkugel auftaucht.
Die kolossale Masse krümmt den Raum. Gemäß den Gesetzen der Physik passt das Lichtquant seine Bahn dieser Verzerrung der Geometrie der Raumzeit an. Unweigerlich prallt es auf die harte Oberfläche und wird zurück ins Weltall reflektiert. Bestimmt, die Information über die Anwesenheit des seltenen Edelmetalls in die Welt zu tragen. Zusammen mit Myriarden anderer Lichtteilchen, die dem gleichen Schicksal unterliegen. Sie tragen eine Botschaft mit sich. Eine dunkle Bedrohung ist aufgetaucht. Ebenso finster, wie die Goldoberfläche glänzend. Eigentlich sollte das Photon das Ereignis beweinen. Doch Photonen tragen keine Trauer.


1.  Ankunft


»Wir sind da, Kapitän.«
»Na endlich!«, gibt sich der Kommandant erleichtert. Mit eleganten Bewegungen schlängelt er sich aus dem Ruhebereich und macht sich auf zur Brücke. »Haben Sie ein Signal von unserer Sonde?«, fragt er ungeduldig auf dem Weg dorthin über die Bordkommunikation.
 »Noch nicht, Sir. Die Sensoren suchen noch.«
»Auch gut. Die Sonde wird schon noch auftauchen. Vermutlich war der Treibstoff verbraucht oder sie haben sie gefunden und das Gold eingeschmolzen. Kümmern wir uns um unseren Auftrag. Macht den Gammastrahlenlaser klar und pulverisiert diesen Planeten. Aktivieren Sie den Planetenzerstörer, sobald er feuerbereit ist.«
Eine Vielzahl von Tentakelarmen macht sich daran, dem Befehl entsprechend, Einstellungen an den Touchscreens vorzunehmen.
Nichtsahnend zieht das smaragdgrüne Juwel seine Bahn durch die Weiten des Alls. Seit Äonen um sein Zentralgestirn kreisend, trotzt der Himmelskörper den Unbilden des Universums. Myriaden Meteoriten und Sonnenstürme konnten ihm nichts anhaben. Doch nun ist sein Schicksal besiegelt. Die Sonne, Patin seiner Geburt, wird in wenigen Stunden sein Ende bezeugen.
Gnadenlos bohrt sich der meterdicke Gammastrahl durch die Gesteinsschichten. Unvorstellbare Energiemengen jagen in den Kern des Gestirns. Gewonnen aus Sonnen, die ihr Leben geben mussten, die ultimative Kriegsmaschine zu ernähren.
Vor dem ewigen Schwarz der Unendlichkeit schweben zwei Kugeln. Von einem Sonnenstrahl getroffen präsentiert sich die goldene Perle als Schmuckstück. Sie ist so schön wie tödlich. Neben dem Planeten zeigt sie sich unbedeutend. Doch umso letaler ist ihr Gift. Das Kleinod injiziert es mit ihrem mordenden Stachel. Wie eine Mücke, die einen Elefanten sticht und ihm dabei ein tödliches Virus verpasst.
Auf der Oberfläche des Opfergestirns brechen Canyons auf und verschlingen Meere. Im Inneren treffen sie auf flüssige Lava. Riesige Geysire spucken das Wasser hinaus ins Weltall. Verdampfendes Gestein explodiert und schleudert Berge in den Kosmos.
Wer kann, versucht sich mit einem Raumschiff in Sicherheit zu bringen. Nur wenige können schnell genug startklar gemacht werden. Das Ziel der Flüchtenden ist der dritte Planet. Die Erde.
Dann explodiert der Kern und zerfetzt den Planeten, Kontinente brechen auseinander und mit ihnen die Landschaften aus denen sie bestehen. Eben noch ergossen sich Flüsse in Seen und Meere. Jetzt enden sie im Nichts. Siedlungen, Häuser und Paläste, reißt es in Stücke. Menschen, Tiere und Pflanzen werden ins All katapultiert und driften dort dem sicheren Tod entgegen. Das Innerste wird nach außen gekehrt, um in den Weiten des Universums Vergessen zu finden.
Vor dem Hintergrund funkelnder Lichtpünktchen illuminieren Jupiter und Sonne die Katastrophe. Als fühlten Mutter und Vater mit ihrem Kind, verdüstern sie ihr Licht. Des Göttervaters Ringe tragen Trauer, die Strahlen der Sonne werden gebrochen von Staub und Gas des gestorbenen Sprösslings. Zusammen beklagen sie die Todesstunde eines Himmelskörpers.
                             

                                                ***

»Nur für das Logbuch. Wie heißt eigentlich der Planet, den wir soeben in Stücke geblasen haben?«, fragt der Kapitän.
»Das Übersetzungsprogramm hat den Namen aus den aufgezeichneten Radioübertragungen extrahiert. Die Bewohner nannten ihn »Atlantis«.
»Atlantis«, sinniert der Kapitän, während er mit einem seiner Tentakel eine Geste macht, die beim Menschen dem Reiben des Kinns entspricht. »Gibt es noch andere Planeten mit intelligentem Leben in diesem Sonnensystem?«
»Nein. Aber womöglich ist es einigen Bewohnern von Atlantis gelungen, sich auf den dritten Planeten zu retten.« Zwischen dem Chef des Raumschiffes und seinem Offizier erscheint eine dreidimensionale Darstellung des Sonnensystems. Die erwähnten Raumschiffe und ihre Routen sind markiert. Der Kapitän bewundert heimlich die Konzentrationsfähigkeit seines Untergebenen, die Darstellung so lange und mit dieser Detailschärfe, aufrecht zu halten. Bewusst lässt er sich Zeit das Szenario zu betrachten.
»Darum kümmern wir uns später. Noch immer nichts von unserer Sonde?«
»Nein, Kapitän. Die Suche läuft noch«, antwortet der Offizier sichtlich erleichtert, dass die Abbildung nicht mehr gebraucht wird. Als Reaktion fällt das Löschen etwas ungestüm aus. Die Anwesenden betrachten irritiert die überall in der Kommandozentrale verglimmenden Pixelreste. Der Kommandant tut so, als hätte er das Missgeschick nicht bemerkt.
»Gut. Lasst uns beginnen das Gold aus dem Planetenkern einzusammeln.«

Inmitten der Trümmer des geborstenen Sonnentrabanten schwebt der Übeltäter. Lichtstrahlen reflektieren von der goldenen Oberfläche des Weltenzerstörers und tragen die Trauer ins Universum. Die Todsünde der Tat auf ewig anklagend. Tausende kleiner Objekte lösen sich aus dem Kilerraumschiff und fliegen davon. Auf der Suche nach dem Wertvollsten, was der ehemalige Planetenkern zu bieten hat. Gold jagt Gold, sammelt es ein und bringt es zurück zum Mutterschiff.
»Kapitän, wir haben unsere Sonde gefunden«, verkündet der 1. Offizier zufrieden.
»Gut gemacht«, lobt der Kommandant der aggressivsten Rasse des Universums. »Bringt den Sender an. Falls die Flüchtlinge sich so weit erholen, dass sie die Sonde finden, wird er uns darüber informieren.«
»Sir, sollen wir den dritten Planeten mit den Überlebenden nicht besser auch gleich vernichten?« In Erwartung einer positiven Antwort nähern sich etliche Fangarme den dafür notwendigen Steuerelementen.
Die Frage scheint einen sensiblen Punkt beim Kapitän zu berühren. Er straft seinen untergebenen Offizier mit einem verachtenden Blick. „Haben wir denn genug Energie dafür?«
»Nein«, gibt dieser kleinlaut zu.
»Gut, dass es hier wenigstens einen gibt, der für alle mitdenkt. Wo wir gerade dabei sind, wie lange reicht unsere Energie noch?«
»Der 1. Offizier wertet gewissenhaft die Anzeigen aus und stellt Berechnungen an. »Wir können noch 63 Tage Gold sammeln. Dann reicht es gerade noch für den Flug zu Vela.«
»Nur für den Flug?«, der Führungsoffizier und Denker für alle verdreht die Augen. Seine Tentakel zuckend drohend.
»Nein Sir. Vela ist bereits instabil«, beeilt sich der Rangniedere zu erläutern. »Bei Ankunft bleibt uns noch ausreichend Energie, um die Supernovaexplosion vorzeitig auszulösen. Das dabei entstehende schwarze Loch produziert so viel negative Energie, dass wir unseren Speicher wieder voll aufladen können.«
Der Kapitän überprüft die Berechnungen. Nervös wartet der Eins-O auf sein Urteil. Der Analysierende unterbricht sein Studium gelegentlich mit kritischen Blicken, bei denen der 1. Offizier sich möglichst weit wegwünscht. Die Situation ist ihm so unangenehm, dass er sich in seiner Not sofort in ein schwarzes Loch gestürzt hätte, wäre eines in Reichweite gewesen.
»Na also, geht doch«, gibt sich der Oberste Denker gnädig.

2.  Der Fund


»Geht das nicht schneller?«, beschwert er sich.
»Natürlich. Wie viel Risiko bist du bereit einzugehen? Reichen dir 90 Prozent Wahrscheinlichkeit, an den Felsbrocken hier draußen zu zerschellen, oder sollen es 96 sein?«
Marvin starrt auf den jugendlichen Avatar. Wie immer sieht sie unwiderstehlich aus. »Zu viel brummt er. Lass es bei 76.«
Das Persona-Icon beschert ihm einen provozierenden Blick. »Dachte ich es mir doch. Wozu also die Frage?«
»Weil mir langweilig ist. Seit Tagen kreuzen wir hier herum, ohne etwas Brauchbares zu finden. Mir geht die Lust und uns der Treibstoff aus.«
»Schon wieder so eine Fehleinschätzung«, wird er getadelt. »Der Treibstoff reicht noch für Jahre. Was ist los mit Dir? Brauchst du eine psychologische Sitzung?« Helena streicht durch die Haare ihres Avatars und lässt sie nach hinten fallen.
Der Sessel stöhnt unter dem Gewicht, als Marvin sich zurücklehnt und die Hände hinter dem Kopf verschränkt. »Möglich. Hast du heute Abend schon etwas vor?«
»Mal sehen«, lächelt sie ihn verführerisch an. Da ist noch der Bericht für die United Nations Space Mining Commission und dann ...«
»Helena“, beschwert sich Marvin. Sein Blick ruht eindeutig nicht auf ihrem perfekt gestylten Kussmund. »Was soll das?«, beschwert er sich. »Für den Bericht brauchst du nicht mehr als 1 Millisekunde. Laut Vertrag bist du für meine körperliche und geistige Gesundheit verantwortlich. du hast für mich jederzeit zur Verfügung zu stehen.«
»So, habe ich das?«, fragt sie mit einem Unterton in der Stimme, der einem normalen Menschen den kalten Angstschweiß auf die Stirn getrieben hätte. Marvin zeigte keine derartige Reaktion. Schweigend hält er ihrem Hypnoseblick stand. »Na ja«, lenkt er schließlich ein. »Nicht direkt. Aber du kennst ja meine Psyche. Außerdem bist du als meine Kapitänin für mich verantwortlich.«
»Beruhige dich. Eigentlich sollte ich nervöser sein als du. Für mich steht viel mehr auf dem Spiel. Dies ist die letzte Chance für mich und »Timaios Space Mining«. Wenn wir diesmal nichts finden ist es aus. Wenn wir zurückkommen, wird der Kredit fällig.«
„Für mich steht aber auch einiges auf dem Spiel. Ich brauche dringend …“
»Das ist ja interessant“, unterbricht sie ihren Piloten, während sie sich den virtuellen Anzeigen zuwendet.
»Marvin fährt hoch und richtet sich in seinem Sessel auf. Was ist interessant«, fragt er. Plötzlich ist er hellwach und aktiviert mit hektischen Bewegungen sämtliche Sensoren. Ich kann nichts sehen.
»Warte einen Moment. Gleich sind wir nahe genug, dass meine Schätzungen überprüft werden können.«
Marvin wundert sich nach all den Jahren noch immer darüber wie Helena Sachen aufspürt, lange bevor sie die Sensoren physikalisch erfassen können. Sie nennt es Intuition. Er versteht es nicht.
Der gut gebaute Pilot studiert die eingehenden Daten. Sein Gesicht drückt Erstaunen aus. Der Felsbrocken ist unregelmäßig geformt. An sich ist das hier draußen nichts Ungewöhnliches. Aber im Verhältnis zum Volumen muss er über einen schweren Kern verfügen. Ein sehr schwerer Kern mit einer Dichte von 18,1 Gramm pro Kubikzentimeter.
Das ist nach seinem Geschmack. Gebannt beobachtete er, wie der Computer die Informationen aktualisiert. Mit schrumpfender Entfernung präzisieren die Daten. »Jackpot«, murmelt der Pilot.
»Abwarten«, meint Helena nüchtern. »Noch sind wir zu weit weg. Das kann alles Mögliche sein.«
»Das glaubst du doch selbst nicht. So gute Daten hatten wir noch nie.«
Helena beugt sich nach vorn und stützt sich auf seinem Kommandopult auf. Dabei gewährt sie ihm einen tiefen Einblick. »Genau. Sie sind zu gut, um wahr zu sein. Ich will nur verhindern, dass du wieder enttäuscht wirst. Erinnerst du dich an 2057 MA? Danach hast du allein 22 Sitzungen gebraucht, bis du wieder in der Lage warst, dich in den Pilotensessel zu setzen.«
»Erinnere mich nicht daran. Schalt’ die Scheinwerfer ein, damit ich sehen kann, womit wir es zu tun haben.«
Sie folgt seinem Blick. Ihr Ausschnitt scheint es ihm angetan zu haben. »Du kriegst im Moment schon genug zu sehen. Das Flutlicht ist reine Energieverschwendung«, tadelt Helena. »Da draußen gibt’s noch lange nichts zu sehen. Wir sind immer noch 874 Kilometer entfernt.«
Marvin brummt etwas Unverständliches, beharrt aber nicht auf das zuschalten der Scheinwerfer. Trotz der Verlockung vor ihm wendet er sich den Anzeigen zu. Die Daten verändern sich kaum noch. »Noch 22 Minuten«, verkündet er unnötigerweise.
»Ich weiß«, entgegnet Helena geduldig und besteigt mit lasziven Bewegungen das Kommandopult. Sie macht es sich dort in einer klassischen Pin-up Pose gemütlich. Die darüber schwebenden dreidimensionalen Anzeigen machen bereitwillig Platz. Nachdem er noch immer nicht die erwartete Reaktion zeigt lässt sie die Glasplatte da, wo ihre Hüfte und ihr Ellbogen aufliegen, mit einem Knacken zerspringen.
»Helena, lass den Unsinn«, ermahnt er sie.
Sie erwägt zusätzlich die Situation mit künstlichen Pheromonen anzuheizen, entscheidet sich aber dagegen. Sie will ihren Piloten nur so weit ablenken, dass er die mögliche Enttäuschung leichter wegstecken kann, wenn sie nichts finden. Seufzend hebt sie die Hand und beschreibt mit dem Zeigefinger einen Kreis. In der Luft erscheint das errechnete Modell des Asteroiden. Sie bläst dagegen, und lässt es zu ihm hinüberschweben.
»Äußerst ungewöhnlich, diese Form«, kommentiert Marvin. »2,4 Kilometer lang, 900 Meter breit und 400 Meter dick«, fasst er zusammen. »Hast du …?«
»Der Computer rechnet noch«, fällt sie ihm enttäuscht ins Wort. Helena zieht einen Schmollmund, gleitet vom Steuerpult herab und streicht demonstrativ über ihren hautengen Astronautenjumpsuit. Die Illusion des zersprungenen Bildschirms verschwindet. »Bis jetzt haben wir kein Szenario, wie ein Asteroid mit diesen Abmessungen entstehen kann«, fährt sie nüchtern fort.» Das gibt eine Sensation. Die Astrophysiker werden ihre Lehrbücher über die Entstehung von diesen Gesteinsbrocken umschreiben müssen.«
»Nicht mein Problem«, bemerkt der Pilot abwesend.
»Wie bist du eigentlich auf den Namen Timaios gekommen?« Fragt Marvin, da ihm gerade nichts Besseres einfällt.
»Es ist ein Name, der in der Atlantis-Sage vorkommt. Du weißt, ich lese gerne solche Geschichten.«
Leichtes Vibrieren am Pilotensessel zeigt Marvin an, dass Helena die Bremsraketen gezündet hat. Er ruft ein Menü auf und aktiviert die Scheinwerfer. Die Lichtfinger verlieren sich im endlosen Schwarz des Weltalls. Als ob es was nützen würde, stellt er das Zoom auf Maximum und beugt sich vor bis seine Nase fast das Display berührt. »Noch immer nichts«, grummelt er enttäuscht.
Er wuchtet sich aus seiner Sitzgelegenheit geht zum Fenster und starrt hinaus. Kalte Lichtpunkte starren zurück. Nicht das, was er sehen will.
Helena unterdrückt einen Seufzer. Marvin ist einer der Besten Piloten, die so tief im Asteroidengürtel nach wertvollen Schwermetallen suchen. Aber er ist auch jung und ungeduldig. Ihm fehlt einfach die Erfahrung jahrelangen Prospektierens. Hüftschwingend schleicht sich Helenas Avatar zu Marvin und schmiegt sich von hinten an ihn. Mit ihren Armen umschlingt sie seine Brust. »99,9 Prozent der Zeit verbringt man damit, wertloses Gestein zu sondieren«, flüstert sie ihm ins Ohr. Danach starren beide wortlos aus dem Fenster.
Endlich taucht etwas im Licht der Scheinwerfer auf. Photonen prallen auf das Gestein von 2057 MA und werden zurückgeworfen. Kameras empfangen die Lichtquanten und wandeln sie in elektrische Signale um. Marvin und Helena staunen mit weit geöffneten Augen über das, was sie sehen.
»Das sieht aus wie …«, versucht Marvin es zu beschreiben.
»Nein«, widerspricht Helena. »Das sieht nicht aus wie, das ist eindeutig eine Mauer mit Fenstern.«
Marvin kann es immer noch nicht fassen »Das kann nicht sein.« Krampfhaft sucht er nach einer natürlichen Erklärung. »Der Asteroid wurde von einem anderen abgespalten. Das, was aussieht, wie eine Mauer ist dabei zufällig entstanden.«
»Mit rechteckigen Fenstern in regelmäßigen Abstand, dreieckigen Giebeln und eindeutig dorischen Säulen? Nein mein Freund. Das sind die Überreste eines Palastes.« Helena sagt das so überzeugt, dass Marvin es schließlich akzeptiert.
»Lass uns landen. Das müssen wir uns näher ansehen.«
Natürlich, was denn sonst? Denkt Helena. Dann ist ihre Konzentration gefordert. Sie löst sich von ihm und setzt sich ans Steuerpult. Aufgrund der geringen Masse ist die Schwerkraft vernachlässigbar. Deshalb ist für so eine Landung viel Fingerspitzengefühl erforderlich. Elegant gleicht Helena sich der Geschwindigkeit und Rotation des Asteroiden an, bis sie wenige Meter über einem Platz schwebt.
Daraufhin aktiviert sie die Anker. Von Sprengladungen angetrieben bohren sich Stahlspeere mit Widerhaken in das Pflaster. Dann spannen sich die Seile, bis das Raumschiff auf dem Boden aufsetzt. Erst jetzt werden Helena die Dimensionen des Platzes bewusst. Ihr Gefährt ist nicht gerade klein aber im Vergleich zu dem Palast, wirkt es auch nicht größer als ein parkendes Auto auf einer Flugzeugrollbahn.
Wie ein Insekt, das auf Beute lauert, kauert es auf dem Boden. Es wurde als Minenschiff für den Asteroidengürtel konzipiert. Das heißt, im Wesentlichen handelt es sich um eine Ansammlung von Werkzeugen, Greifarmen und sonstigen Geräten, die zum Abbau von Erzen und Gestein benötigt werden. Zweckmäßig, um einen Antrieb, eine Energieversorgung sowie einem großzügigen Aufenthaltsbereich für Menschen herum arrangiert. Ein Musterbeispiel nüchtern technisch-funktioneller Eleganz, die lediglich hartgesottene Techniker ästhetisch finden. Alle anderen kommen beim Anblick der Helena innerhalb kürzester Zeit zu einem einstimmigen Urteil: ‚hässlich‘.
Helena ist sich dessen bewusst. Als Frau schmerzt sie das. Sobald es ihre finanziellen Mitteln erlauben, wird sie ihrem Gefährt ein angemessenes Outfit spendieren. Gewissermaßen ein Modellkleid vom angesehensten Designer der Welt.
Marvin verlässt das Raumschiff und geht von der Rampe zu einem Brunnen. Zumindest hält er die Steinskulptur dafür. Die Sohlen seiner Geckoschuhe sind mit unzähligen winzigsten Härchen beschichtet. Wie die Haftballen der gleichnamigen Tiere kleben sie auf allen Oberflächen.
Helena beobachtet ihn vom Raumschiff aus, wie er sorgfältig darauf achtet immer einen Fuß auf dem Boden zu halten, damit er nicht den Kontakt verliert. Wieder einmal beglückwünscht sie sich zu ihrer Wahl. Marvin bewegt sich äußerst geschickt. Er spaziert auf dem Asteroiden umher als wäre er zu Hause in seinem Wohnzimmer.
Auf den ersten Blick hält der Pilot die Skulpturen des Brunnens für Delphine. Erst auf den Zweiten sieht er Unterschiede. Marvin bleibt staunend davor stehen. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich dieses Kunstwerk in einer Stadt auf der Erde, vorstellen zu können.
»Helena, siehst du das?«, fragt er unnötigerweise.
»Natürlich«, antwortet sie geduldig. »Meine Sensoren zeigen an, dass sich 52 Meter und 26 Grad links von Dir eine Öffnung befindet.«
»Eine Öffnung wohin?«
Helena verdreht in Gedanken die Augen. »Geh einfach hin und schau’s dir an. Aus diesem Winkel kann ich auch nichts weiter erkennen.«
Marvin macht sich auf den Weg. Als er näher kommt, sieht er ein Loch. Der Pilot leuchtet hinab. Ein Steinquader hat das Pflaster durchschlagen und steckt circa zehn Meter unterhalb des Platzes im Boden.
»Das muss ich mir genauer ansehen.« Der Pilot macht vorsichtig einen Schritt nach vorne so, dass er über dem Loch schwebt. Dann benutzt er seine Handdüse, um sich in den ehemaligen Untergrund zu begeben.
Er findet sich in einem rechteckigen Raum wieder. Säulen stützen die Decke. Die Wände sind mit Ornamenten bemalt. Im Schein seiner Lampe tauchen vor allem die Farben Blau und Gold auf. In der Mitte jeder Wand ist ein Ausgang. »Welchen soll ich nehmen?«
»Den rechts von dir«, antwortet Helena, während sie gleichzeitig einen Pfeil in seine Augmented Reality einblendet. »Der müsste zum Massenschwerpunkt dieses Asteroiden führen.«
Während ihr Pilot den Gang entlang wandert, nimmt sie sich Zeit über die Erbauer dieses eindrucksvollen Gebäudes zu machen. Wer waren sie, wie sahen sie aus, wie lebten sie? Sollte sie Ehrfurcht und Staunen empfinden? Sie kann es nicht. Ihre Gedanken kehren immer wieder zu dem zurück, was hoffentlich am Ende des Ganges darauf wartet, gefunden zu werden.
Sie weiß nicht genau, wie Marvin tickt, aber ihrer Meinung nach ist er definitiv nicht der richtige die historische Tragweite ihrer Entdeckung zu würdigen. Beweise für außerirdisches Leben? Wen interessiert das?
Wenige Minuten später ist ihr Begleiter am Ende des Gangs angekommen. Vor ihm eine Wand aus Stahl flankiert von Wächtern aus Stein. Beiläufig stellt er fest, dass sie menschlich aussehen. Ihre Körper verfügen über jeweils zwei Arme und Beine. Die Gesichter kann er nicht sehen, da die Köpfe von einem Helm umschlossen sind.
Die Krieger strecken jeweils eine Hand vor. Eine versteinerte Warnung weiterzugehen. In der anderen halten sie einen Dreizack. Die Hände haben fünf Finger, wie Menschen. Marvin nimmt es zur Kenntnis. Sein Interesse gilt anderen Dingen. Er ignoriert die Warnung und legt seinen Universalsensor auf die Stahlwand.
Kurz darauf erhält er das Analyseergebnis. Eisen, 1,5 Prozent Kohlenstoff sowie Spuren von Chrom, Vanadium, Mangan, Kobalt und Nickel. »Damaszener Stahl«, konstatiert Helena. Extrem hart und gleichzeitig biegsam genug, um auch bei größten Belastungen nicht zu brechen. Darunter pures Gold. Bis auf einen Hohlraum in der Mitte besteht das Innere aus 95-prozentigem Gold.
Marvin nickt zufrieden. Seine Augen streichen suchend über die Metallplatte. Er kann weder eine Fuge entdecken, noch eine Möglichkeit sie zu öffnen. »Verschwenden wir keine Zeit«, beschließt er. »Lass uns das Prachtstück so, wie es ist, zum Mond schicken. Dort können wir es in Ruhe zerlegen.«
»Niemals. Mit dem Palast drum herum wird es sofort von der United Nations Space Mining Commission beschlagnahmt.«
»Nur, wenn sie es entdecken«, meint Marvin unbekümmert.
»Viel zu riskant«, warnt Helena. Seit vor ein paar Jahren ein Asteroid, aus Versehen auf der Erde einschlug, ist die UNaSMiC richtig penetrant geworden. Sie überwachen jedes Steinchen einzeln. Und sei es noch so klein.«
»Also gut. Und wie sieht dein Plan aus?«


                                               ***
 

Marvin und Helena verfolgen aus sicherer Entfernung vom Raumschiff aus, wie sich der Laser in den Felsen bohrt. Flüssiges Gestein spritzt ins Weltall. Gefolgt von schmutzig grauem Nebel, der aus dem Bohrloch schießt. Dem Piloten fällt auf, dass der Dunst pulsiert als würde er leben. Helena bewegt den Laserstrahl mit chirurgischer Präzision und beginnt den Schatz freizulegen.
Ohne Vorwarnung explodiert der Asteroid. Helena spürt, wie ein elektromagnetischer Impuls durch das Raumschiff rast. Es fühlt sich an wie tausend glühend heiße Nadeln, die sich gleichzeitig in ihren Organismus bohren. Helena wird bewusstlos. Ihr Schmerzschrei hallt noch lange durch die verwaisten Gänge.
Als sie wieder zu sich kommt, sind alle Systeme ausgefallen und die Notbeleuchtung an. »Marvin«, fragt Helena mehrmals ohne eine Antwort zu erhalten. Sicher wurden seine Systeme durch die Schockwelle ebenso deaktiviert wie die des Schiffes, schlussfolgert sie. Helena setzt Prioritäten. Marvin muss warten während sie sich bemüht die Steuerung des Raumschiffs wieder hochzufahren. Es gelingt ihr nicht.
Die Kapitänin versucht, sich an die Architektur des Steuersystems zu erinnern. Ohne die Unterstützung des Bordcomputers fällt es ihr schwer. Doppelt redundant hätte das System nicht vollständig ausfallen dürfen. Wenigstens funktioniert ihre eigene Energieversorgung noch. Die des Raumschiffs scheint ausgefallen zu sein. Helena vermutet, dass sich die Hülle elektrisch aufgeladen hat und deshalb die Versorgungsspannung neutralisiert.
Sie überlegt sich, mit der Rettungskapsel abzusetzen. Es ist aber niemand in der Nähe, der sie aufnehmen könnte.
Wie wird man überschüssige Ladung im Weltall wieder los? Fragt sich Helena. Das einzige Objekt in der Nähe, an dem sie sich erden könnte, ist ohne Antrieb unerreichbar. Ihre Möglichkeiten zu agieren sind auf die Funktionen des Raumschiffs beschränkt. Die sind im Moment stark reduziert.
Dann erinnert sie sich. Für Notfälle wie diesen gibt es eine besondere Schaltung, die die elektrisch aufgeladene Hülle neutralisiert. Normalerweise wird das automatisch gemacht. Jetzt muss sie den Mechanismus manuell betätigen.
Kurz darauf fahren die Systeme wieder hoch. Noch während sie damit beschäftigt sind, schickt Helena einen Wartungsroboter zu Marvin, um ihn wieder zu aktivieren. Vergeblich.
 

                                         ***

Helena blickt auf die Kugel, die vor dem Raumschiff schwebt, ohne sie wahrzunehmen. Das stählerne Grau passt zu ihrer Stimmung. Ihre Gedanken sind bei ihrem Piloten. Dies ist ihre zweite gemeinsame Tour zum Asteroidengürtel auf der Suche nach wertvollen Rohstoffen. Sie erinnert sich an das erste Interview mit Marvin. Zuerst ist sie skeptisch, als die Jobvermittlung einen intelligenten Androiden vorschlägt. Trotzdem lässt sie sich zu einem Gespräch überreden. Es ist das erste Mal in ihrem Leben, dass sie sich länger mit einer Maschine unterhält.
Sie braucht einen Piloten. Nach all den Jahren im Weltall hat die Strahlung ihren Tribut gefordert. Die Ärzte sagen ihr Körper würde eine weitere Mission nicht überleben. Wegen der Radioaktivität. Helena entscheidet sich von ihrem Körper zu trennen, und die lästige Hülle auf der Erde zurückzulassen. Die Operation ist riskant.
Die Freiheiten der unendlichen Weiten sind es ihr wert. Als ihr Gehirn mit dem Computer des Raumschiffs verbunden wird, ist sie überrascht über die Sinneserweiterung. Ihre neuen Möglichkeiten und Wahrnehmungen sind unbeschreiblich.
Marvin passt perfekt zu ihr und zur Mission. So perfekt, wie der geometrische Körper vor dem Raumschiff im Weltall. Intelligente Maschinen wie er müssen selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen. Ein Preis für die Bürgerrechte, die sie seit ein paar Jahren genießen.
Die Kugel hat 432,225 Meter Durchmesser, davon eine 10,748 Meter dicke Stahlhülle und darin 76,1552 Billionen Kilogramm Gold. Ein Fund, weit jenseits der Vorstellungen jeden Prospektors.
Damit hätte Marvin bis zum Ende seiner Existenz ausgesorgt. Sie ebenso. »Im Vergleich zu den 290 Millionen Kilogramm Gold auf der Erde sind wir jetzt unermesslich reich«, erzählt Helena. Wohl wissend, dass Marvin sie nicht hören kann. Sie hofft, dass seine Speicher noch intakt sind. Dass er auf der Erde wiederbelebt werden kann.
»Was wirst du mit all dem Geld machen?«
Marvin hat einmal von einer eigenen Insel mit Traumhaus, Privatjet und eigener Landebahn gesprochen. »Das kannst du dir jetzt spielend aus der Portokasse leisten. Zumindest solange wir nicht zu viel Gold auf einmal auf den Markt werfen, da sonst der Preis ins Bodenlose stürzt.«
Helena vermisst ihren Lebensgefährten. Der Schmerz lähmt. Aber außer ihr gibt es niemanden auf dem Raumschiff, der handeln kann. Sie ist das Raumschiff. Alles hängt jetzt von ihr ab.
Immer noch starrt sie auf die Sphäre. »Welches Geheimnis birgst du?« Aschgrau starrt der Fund zurück. Schließlich reißt sie sich von dem Anblick los und beginnt die nächsten Schritte zu planen. Einen kleinen Schritt nach dem nächsten. Mehr geht nicht. Der Goldschatz muss unauffällig zum Mond gebracht werden. Dort kann er in Ruhe zerlegt werden. Sie sammelt Gesteinsbrocken, um das Objekt zu tarnen, weist einen Roboter an, die Triebwerke zu montieren und schickt das Paket auf die Reise. Begleitet von Hoffnungen. Hoffnung für sich, Marvin und ihren Sohn.












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Kommentare:

  1. Aloha!

    Diese Geschichte hat mir wesentlich besser als deine andere Geschichte gefallen. Die Sache mit dem zerstörten Planeten, dem neuen Antrieb und dem Raumschiff-Avatar sind sehr interessant. Mir sind ein paar Zeichensetzungsfehler in dem Text aufgefallen, vielleicht solltest du bei der wörtlichen Rede nochmal drüberlesen. Bin gespannt, wie es weitergeht und werde demnächst die Fortsetzung lesen.

    - Pandora

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  2. Herzlichen Dank für das Feedback!
    Mittlerweile habe ich die ganze Geschichte gepostet. Man findet sie auf der rechten Spalte unter "Navigation"

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Virtual Space Composition

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