Idee und Inhalt meines Buches

"Jede entsprechend weit fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden" (Zitat von Arthur C. Clarke)


Diese Idee hat mich nicht mehr losgelassen bis ich schließlich damit begonnen habe ein Buch darüber zu schreiben. Es geht um virtuelle Welten, die so perfekt simuliert sind, dass sie von der realen Welt nicht mehr zu unterscheiden sind. Da in der virtuellen Welt alles möglich ist, gibt es in meinem Buch sowohl Zukunftstechnologie, wie sie in Science Fiction Romanen zu finden ist, als auch typische Fantasy Elemente wie Magie, Fabelwesen und Fantasiewelten.

In meinem Blog werde ich nicht nur über den Fortschritt meines Buches berichten, sondern auch allgemein zu SciFi und Fantasy Themen.

Gerne lasse ich mich hierbei von euch inspirieren.

Wer mag, kann mich gerne direkt kontaktieren: roy.ofinnigan@t-online.de

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Montag, 28. Dezember 2015

Ökotherapie - Kurzgeschichte von Roy O'Finnigan - Teil 2/2



© Agsandrew | Dreamstime.com


Und hier folgt der mit Spannung erwartete 2. Teil:
(Hier der Link für Alle, die den 2. Teil noch nicht kennen)



»Keine Sorge. Du bekommst ein professionelles Team. Die bringen dich sicher rein und wieder raus. Ein Kinderspiel für sie.«
Oh verdammt, denke ich. Worauf habe ich mich da nur eingelassen? »Es muss doch noch eine andere Lösung geben. Hast du denn keine Angst um mich?«, mach ich einen letzten Versuch, meine Frau umzustimmen.
»Nein wieso?«, fragt sie. »Ich liebe dich. Glaubst du, ich würde dich unnötigen Risiken aussetzen?«
Ich bin versucht, ja zu sagen, aber ich weiß, wie diese Diskussionen enden. Deshalb sage ich nichts.
Die nächsten Stunden vergehen schnell mit Vorbereitungen für den Einsatz. Ehe ich zum Nachdenken komme, sitze ich in einem flüsterleisen Hubschrauber und gleite lautlos über die Stadt. Die Operation wird von einem muskelbepackten Außenagenten, Typ Navy-Seal geleitet. Ihm unterstehen ein Kampfroboter, dessen Statur der des Agenten in nichts nachsteht, und einem zierlich gebauten Androiden undefinierbaren Geschlechts.
Es ist weit nach Mitternacht als wir endlich über dem Dach des Versicherungsgebäudes schweben. Direkt unter uns ist ein Lüftungsschacht. Ein anderes Team hat gerade das Schutzgitter abmontiert und zieht sich zurück. 
Der Kampfroboter geht zu der offenen Tür des Helikopters. Plötzlich wird er unsichtbar. Den verdeckten Hintergrund auf die Kleidung zu projizieren gilt als das Neueste vom Neuem. Seit der Sache mit dem Metamaterial heute Nachmittag bin ich mir nicht mehr sicher, ob das noch stimmt. Trotzdem, für unsere Zwecke wird es reichen, hoffe ich. Der Roboter wartet noch einen Moment und springt hinunter. Ich sehe es an den Schlieren, die seine Bewegungen verraten.
Dann bin ich dran. Der Androide nimmt mich am Arm und zieht mich zum Ausgang. Er aktiviert meine Tarnung. Ich bin jetzt vollständig auf die Anzeige meiner AR-Brille angewiesen. Ich schaue hinunter. Mir stockt der Atem. Da unten drehen sich die Propeller des Lüfters so schnell, dass ich keine Lücke erkennen kann. »Nicht hinuntersehen«, rät er mir. Am besten schließen Sie die Augen und entspannen sich.«
Als er mich umklammert werden meine Knie weich. Er hält mich so fest, dass ich nur nach oben schauen kann. Ist vielleicht auch besser so, denke ich. Dann springt er.
Gleich werden wir von dem Propeller zerfetzt. Es kann gar nicht anders sein. Alles in mir verkrampft sich. Ich halte den Atem an. Wir fallen endlos. Plötzlich spüre ich einen heftigen Luftstoß und schon sind wir durch. Wir fallen weiter. Nun schnell nach unten kommen, um den Kameras so wenig Bilder wie möglich zu liefern.
Mit einem Ruck öffnet sich unser Fallschirm. Die Landung folgt fast unmittelbar danach. Geräuschlos federt mein mechanischer Partner unseren Aufprall ab. Der Roboter bewahrt mich davor mir die Beine zu brechen.
Noch bevor ich irgendetwas tun kann zieht mich der Androide in den seitlich abzweigenden Lüftungsschacht um Platz für unseren Anführer zu machen. Ich bin erleichtert als ich das Ploppen seines Fallschirms höre und er sicher landet.
Ohne auf ihn zu warten zieht mich mein Maschinen-Partner weiter. Ich krieche so schnell wie möglich hinter ihm her. Vor uns täuscht der Kampfroboter alle Sensoren so, dass wir unbemerkt in den Serverraum gelangen.
»Du hast vier Minuten«, erinnert mich der Navy-Seal unnötigerweise, als er sich von der Lüftungsöffnung in den Raum herunterlässt. Ich logge mich bereits in die interne Versicherungs-Cloud ein.
Mein Passwortknacker, den ich an einen freien Port anschließe, findet innerhalb von Sekunden das Passwort eines führenden Mitarbeiters heraus. Das ist natürlich kein Zufall. Unsere Quantencomputer hatten stundenlang anhand sozialer Profile die wahrscheinlichsten Passwörter errechnet und in dem kleinen Gerät abgespeichert. Es reicht, wenn eines davon passt.
Nachdem ich Zugang zu den Daten habe mache ich mich auf die Suche nach relevanten Informationen. Auch das ist vorbereitet. Elomines Algorithmen suchen gezielt nach Material, das zu unserem Fall passt. Die meiste Zeit beobachte ich nur. Hin und wieder greife ich ein und fordere zusätzliche Daten an.
Rasend schnell werden Bilder, Dokumente und Videos in meiner Augmented Reality abgespielt. So schnell, dass selbst ich Zweifel habe ob ich das alles behalten kann. Je mehr Fakten ich anschaue, umso fassungsloser bin ich. Ich hatte bereits eine Ahnung, was die Versicherung treibt, aber das Ausmaß des Skandals schockiert mich.
Ich bemerke nicht, wie der Einsatzleiter nervös auf und abgeht. Immer wieder schaut er auf die Uhr. Die Roboter haben sich am Ausgang positioniert. Er tippt mir auf die Schulter. »Die vier Minuten sind um.«
Der Download steht bei 98%. »Noch fünf Sekunden«, dann habe ich a ...«
Ich bekomme keine fünf Sekunden. Der Sicherheitsdienst gönnt sie mir nicht. Ich habe keine Ahnung, wie sie uns entdeckt haben, aber sie stürmen gleichzeitig über den Lüfungsschacht und die Tür in den Serverraum.
Der Außenagent bellt einen Befehl und macht sich mit dem Androiden aus dem Staub. Diese Roboter sind optimiert für Schnelligkeit. Ich bin enttäuscht, dass der Außenagent sich der übermenschlichen Fähigkeiten der Maschine bedient, um sich in Sicherheit zu bringen.
Wenigstens der Kampfroboter gibt sein Bestes. Er benutzt seinen massiven Körper, um mir Deckung zu geben. Querschläger spritzen durch den Raum und zerstören wertvolle Systemressourcen.
Die Maschine ist jedem seiner Gegner haushoch überlegen. Gegen die Überzahl hat sie auf Dauer jedoch keine Chance. Systematisch setzen sie ihn mit gezielten Schüssen außer Gefecht.  Schließlich werde ich mit einem klebrigen Fangnetz gefangen genommen. Obwohl ich wehrlos am Boden liege, betäuben sich mich mit einem Taser.
Das Erste, was ich spüre, sind Schmerzen am ganzen Körper. Das muss von den Muskelkrämpfen kommen, die der Elektroschock auslöste. Ich sitze auf einem einfachen Bürostuhl. Mir gegenüber thront der Vorstand der Versicherung hinter seinem Schreibtisch. Er ist perfekt gestylt. Er hat bestimmt einen englischen Schneider. Links und rechts von mir stehen zwei deutlich schlechter gekleidete Kampfroboter. Ihre Waffen sind auf mich gerichtet.
»Was haben Sie in unserer Datenbank zu suchen?« kommt der Chef des Konzerns ohne Umschweife zum Punkt. Offenbar bezieht sich die feine englische Art lediglich auf seinen Zwirn. Seine Umgangsformen scheinen nicht von der Insel zu sein.
Ich verzichte auf eine witzige Antwort. Aus Angst fällt mir sowieso kein passender Spruch ein. Ich entscheide mich dafür, ihn mit der Wahrheit zu konfrontieren.
»Ihre Versicherung spart sich teure Behandlungskosten, indem sie eine kostengünstige Heilung vortäuscht und die Menschen virtuell weiterleben lässt bis sie sterben. Ganz oben auf ihrer Liste stehen teure Volkskrankheiten wie Depressionen, Kreislauferkrankungen und Krebs. Ein vorzeitiges Ableben der Patienten wegen Nichtbehandlung nehmen Sie billigend in Kauf.
Ich hätte nicht gedacht, dass meine Zusammenfassung so eine Reaktion bewirkt. Der Konzernlenker staunt, als besuche ihn der Nikolaus. Er gönnt mir das Schauspiel nur für einen kurzen Moment, dann hat er sich wieder im Griff.
»Sie irren sich. Wir tun nichts dergleichen. Im Gegenteil. Dank unseres großzügig bemessenen Leistungskatalogs bekommen unsere Klienten eine erstklassige Behandlung.
»Leugnen ist zwecklos«, kontere ich das Versicherungswerbeblabla. Ich habe die Beweise aus ihrer Datenbank bereits an meine Redaktion übermittelt.«
Der Versicherungschef grinst diabolisch. »Sie bluffen. Wir wissen, für welche Organisation Sie arbeiten, und dass keine Daten nach draußen gelangt sind. Die Daten von ihrem Cloudscanner haben wir gelöscht. Übrigens ein nettes Spielzeug. Aber bei 3000 Grad Celsius ist es doch etwas weich geworden. So wie ihr Tarnanzug und die anderen Ausrüstungsgegenstände.«
Deshalb sitze ich also ich in einem Trainingsanzug hier: gute Qualität, aber durch das Logo der Versicherung verschandelt. Damit er nicht auf dumme Gedanken kommt, mache ich ein betroffenes Gesicht. »Früher oder später wird die Sache auffliegen.«
»Da können Sie lange darauf warten«, gibt sich der Versicherungsboss gelassen. Wir sorgen dafür, dass das nicht passiert. In zwölf Stunden haben wir unsere Datenbank bereinigt und alle Spuren beseitigt. Dann können Sie ihre Verschwörungstheorien propagieren, soviel Sie möchten. Kein vernünftiger Mensch wird Ihnen glauben.«
Ich zögere mit einer Antwort. Wer sich ein dermaßen stylisch-futuristisches Vorstandbüro leisten kann, muss Geld wie Heu haben, denke ich. »Haben Sie das wirklich nötig? Ihre Versicherung verdient auch ohne diesen Betrug an den Menschen genug.«
»Da irren Sie sich. Die Kosten steigen und steigen. Ständig werden neue Behandlungsmethoden erfunden. Eine teurer als die andere. Sobald es etwas Neues gibt, wollen es die Menschen haben. Wissen Sie was? Ich verstehe die Leute sogar. Ich will auch immer das Beste vom Besten. Aber 35.000 Euro pro Monat für Medikamente, die Lungenkrebsmetastasen verhindern, kann nicht jeder bekommen«
Ich wundere mich über die Offenheit des Vorstandsvorsitzenden. Vielleicht kann ich noch etwas aus ihm herauskitzeln. »Das mit den steigenden Kosten ist doch ein alter Hut. Ich muss allerdings zugeben, dass die Idee die Patienten in Versorgungstanks einzulagern und virtuell weiterleben zu lassen originell ist. Stammt sie von Ihnen?«
»Originell?«, donnert mich der Top Manager an. »Sie ist genial. Muss sie auch. Ist ja schließlich von mir.«
Er bewegt sich in die richtige Richtung. Gleich habe ich ihn, schießt es mir durch den Kopf. »Dann können Sie mir ja sicher erklären, wie Sie das hinkriegen, dass die Angehörigen glauben, sie lebten mit den Todgeweihten immer noch zusammen.«
Er zögert. Ich halte den Atem an. Wird seine Eitelkeit siegen? »Warum nicht?«, setzt er an und beugt sich vor. »Sie werden sich nachher eh nicht mehr erinnern. »Wir täuschen die Behandlung vor, versetzen den Patienten in ein leichtes Koma und schließen ihn an ein lebenserhaltendes System an. Wir lesen seine Gedanken und stimulieren das Gehirn. Was er für real hält, sind in Wahrheit nur Träume.«
Seine Bemerkung über mein Erinnerungsvermögen macht mir Sorgen. Ich muss Zeit gewinnen. »Und die übertragen Sie auf die Lebenspartner?«
Er schüttelt den Kopf. »So weit ist die Technologie noch nicht. Wir werten typische Verhaltungsmuster aus. Die mappen wir auf einen Avatar. Eine Software animiert den, und lässt ihn ein »normales« Leben leben.
Ich verstehe, was er meint. Das ist wie in einem Computerspiel mit selbständig agierenden Spielfiguren. Da fällt mir ein, dass die Versicherungs-Holding vor ein paar Jahren den Spielehersteller ’World of Cyberdreams’ gekauft hat. Vermutlich mussten sie das Programm nicht mal groß anpassen.
Ich gebe mich skeptisch. »Aber wir reden hier nicht von einem Computerspiel, sondern vom wahren Leben. Wie überzeugen Sie die Leute davon, dass das auch real ist?«
Die Augen des Vorstands beginnen zu leuchten. »Das ist der Knackpunkt, nicht wahr? Sie können sich nicht vorstellen, wie das gehen soll. Die Lösung dieses Problems war ganz allein meine Idee.«
Er macht eine künstliche Pause, um mich beeindruckt zu sehen. Ich tue ihm den Gefallen. Offenbar ist er zufrieden und fährt fort.
Wir spielen die Szenen in die Augmented Reality der Lebenspartner ein.«
»Ah, jetzt wird mir klar wofür sie den Transkranealen Stimulator brauchen. Er sorgt dafür, dass die Leute immer in der Augmented Reality bleiben und die Kontaktlinsen Tag und Nacht tragen.«
»Nicht nur das«, ergänzt das selbsternannte Genie. »Er erzeugt durch Stimulation der entsprechende Areale im Gehirn echte Gefühle. Erst dadurch wird es für die Lebenspartner real.«
»Das funktioniert?«, gebe ich mich unwissend.
»Und wie! Wussten Sie, dass man damit sogar Zustände wie im Drogenrausch hervorrufen kann? Die Leute werden high, ohne Drogen zu nehmen.«
»Das ist echt praktisch. Haben Sie schon daran gedacht, das zu vermarkten?«
Er macht ein Gesicht, als hätte er mich beim Blick in sein nicht jugendfreies Schlafzimmer ertappt. Das ist nicht gut. Meine Mission hängt davon ab, ihn am Sprechen zu halten. Am besten versuche ich es mit einer Provokation. Das wirkt bei narzistischen Top Executives immer. »Ganz so perfekt ist Ihr System aber noch nicht. Da sind Ihnen ein paar Fehler unterlaufen.«
Die Herausforderung zeigt Wirkung. Er springt auf und stürmt auf mich zu. »Keine Fehler. Alles funktioniert perfekt.«
»Nein!«, beharre ich. Manche Leute sind einfach so verschwunden. Praktisch vor den Augen ihrer Lebenspartner oder Freunde. Sie können mir nicht erzählen, dass das so gewollt ist.«
Er zögert einen Moment. Anscheinend ist es ihm peinlich. »Ach das. Dafür müssen wir ihnen sogar dankbar sein. Die virtuellen Personen sollen unauffällig verschwinden, wenn das physische Original stirbt. Manchen Situationen ist der Algorithmus nicht gewachsen gewesen. Aber wir sind der Ursache auf den Grund gekommen. Meine Programmierer verbessern den Algorithmus bereits. Sobald dieses Problem gelöst ist, können wir die Einsatzgebiete praktisch beliebig hochskalieren.
»Freut mich, dass ich helfen konnte. Mein Honorar in solchen Fälle beträgt 10% vom Umsatz.«
Der Boss funkelt mich an, als hätte ich den Kaviar vom Buffett weggeschnappt, bevor er zugreifen konnte. »Sie werden enttäuscht sein«, zischt er leise. »Nachdem wir Ihr Gedächtnis gelöscht haben, werden wir Sie der Polizei übergeben. Einbruch in Verbindung mit Datendiebstahl ist ein Kapitalverbrechen. Selbst wenn ...«
Was immer er sagen wollte geht in der nachfolgenden Explosion unter. Mit einem lauten Knall fliegt die gepanzerte Tür aus den Angeln und tobt ihre kinetische Energie an einem der Kampfroboter aus. Das veranlasst ihn seine Pistole abzufeuern.
Die Kugel bohrt sich in mein Bein. Ich spüre den Aufschlag aber seltsamerweise keine Schmerzen. Gleichzeitig schleudert mich die Druckwelle von meinem Stuhl. Ich fliege in hohem Bogen über den Konzernlenkerschreibtisch. Alles unter mir spielt sich wie in Zeitlupe ab.
Aus den Rauchschwaden taucht unser Androide auf. Ich bin froh, ihn zu sehen, obwohl ich sein explosives Auftreten etwas übertrieben finde. In jeder Hand hat er eine Maschinenpistole. Gleichzeitig feuert er auf den anderen Kampfroboter und auf die Kameras im Raum. Im direkten Vergleich mit der Kampfmaschine zeigt sich seine überlegene Schnelligkeit. Er hat sein Magazin geleert bevor der schwerbewaffnete Roboter seine Waffen in Position bringen kann.
Hinter dem Androiden taucht der Außenagent auf. Er sieht etwas mitgenommen aus. Als ich auf dem Versicherungslogo aufpralle, ist der magische Moment vorbei. Das massive Firmensymbol denkt nicht daran, meinen Aufschlag zu dämpfen. Ich kann ihm seine Loyalität nicht verübeln. Immerhin begleitet es mich auf dem Weg nach unten.
Ich weiß nicht wie lange ich bewusstlos war. Als ich wieder zu mir komme blicke ich in das Gesicht unseres Androiden. Bunte Lichter tanzen um sein Gesicht. Er eilt durch einen engen Tunnel und trägt mich auf seinen Armen. »Was ist passiert«, frage ich.
Ich verstehe seine Antwort nur teilweise. Mein Kopf ist wie in Watte gepackt. Er sagt etwas von Schmerzmitteln, Rippenbrüchen und dass sie mich herausbringen und ich gleich in Sicherheit sei. Zumindest glaube ich, ihn so verstanden zu haben.
Ich sehe, wie der Agent den Versicherungsvorstand am Kragen schleift. Der Teamleiter humpelt, aber das beeinträchtigt ihn kaum beim Laufen. Er dreht sich zu mir um. Unsere Augen treffen sich. Ich weiß was er mir sagen will. Er hat seinen Job gemacht und mich heil rein und raus gebracht. Nun liegt es an mir zu beweisen, dass mein fotografisches Gedächtnis die Mühe wert war.
Dann wird mir wieder schwarz vor Augen. Das nächste, was ich höre, ist eine besorgte Frage. Die Stimme der Frau kommt mir bekannt vor.
»Lebt er noch?«

Mittwoch, 9. Dezember 2015

Ökotherapie - Kurzgeschichte von Roy O'Finnigan - Teil 1/2







Nach längerer Abstinenz gibt es mal wieder eine Kurzgeschichte von mir. Ich habe sie geschrieben als ich eine Auszeit von meinem Buch „Nanobots“ brauchte, um Abstand zu gewinnen. Wer „Nur der Tod macht frei“ gelesen hat, kennt einige der Akteure bereits.

Sperber ist verzweifelt. Seine Frau ist verschwunden. Einfach so. Sie ging ins Schlafzimmer und löste sich dort in Luft auf. Vor den digitalen Augen der Hausüberwachungskamera.
Die Polizei kann ihm nicht helfen. Deshalb sind die Spezialisten von „AntiPRISM“ seine letzte Hoffnung.

Ich wünsche viel Spaß beim Lesen.

P. S. Über Feedback und Kommentare würde ich mich sehr freuen.




Ökotherapie




»Lebt er noch?«
»Keine Sorge, den kriegen wir schon wieder hin. Keine der Verletzungen ist lebensgefährlich«, höre ich den Med-Androiden sagen. Ich halte das für eine Lüge. Entweder hat die Maschine einen katastrophalen Fehler im Diagnoseprogramm oder sie sagt das nur, um mich zu beruhigen. So wie ich mich fühle, kann die Aussage keinesfalls medizinisch fundiert sein.
Als ich das nächste Mal zu Bewusstsein komme, sehe ich meine Frau. Erleichtert lächelt sie mich an. »Endlich bist du wach. Dann können wir gleich mit der Auswertung beginnen«, legt sie los ohne ein Wort über meinen Zustand zu verlieren. Nachdem, was ich durchgemacht habe, hätte ich eine andere Begrüßung verdient.
»Bist du bereit?«, fragt sie und stülpt mir den Brainscanner über den Kopf. Offenbar bin ich zurück im Analyselabor unserer Agentur »AntiPRISM«. Hier entwickeln und erproben wir die neuesten Technologien für kundenspezifische Datenästhetik. Ich bin beunruhigt. Unsere Geräte sind allesamt Prototypen. Dementsprechend sieht es aus. Manch fliegender Aufbau wird nur notdürftig von Klebebändern und Kabeln zusammengehalten.
Angeblich sind die Apparate zum Memorecording zehnmal besser als die der NSA, aber ich traue der Sache nicht. Bei unseren Probeläufen ist bisher noch jedes Mal etwas schiefgegangen. Teilweise mit schmerzhaften Folgen für mich. Meine Frau scheint das nicht zu kümmern. »Versetz dich zurück«, sagt sie kühl, ohne auf meinem Zustand Rücksicht zu nehmen.
Mir geht das alles zu schnell. Ich bin höchstens zur Hälfte im Jetzt angekommen, da soll ich mich schon wieder in die Vergangenheit begeben? »Wohin?«, frage ich verwirrt.
»Na an den Anfang.« Ich kann ihr Gesicht nicht sehen, da sie im Hintergrund mit irgendeinem Gerät hantiert. Dafür spüre ich umso deutlicher, wie sie mit den Augen rollt. Zum Glück hat sie ein Einsehen mit mir. »Tut mir leid, dass wir so schnell machen müssen, aber sie haben bereits begonnen, die Spuren zu verwischen. Uns läuft die Zeit davon. Wenn das hier vorbei ist, werde ich alles wieder gut machen, Leon. Am besten du fängst mit der Szene an, als Sperber in unsere Agentur kam. Du erinnerst dich doch?«
Und wie ich mich erinnere. Ich habe ein fotografisches Gedächtnis. Ich merke mir alles. Am besten klappt es bei Dingen, die ich am liebsten vergessen möchte. Und bei Versprechen wie gerade eben.
Ich atme tief durch und konzentriere mich auf das Ereignis. Ein Bild taucht aus den Tiefen meines Gehirns auf. Erst vage und dann immer detaillierter. »Kannst du es sehen?«
Etwas verzögert antwortet sie: »Verschwommen. Wir sind noch am Kalibrieren. Mach' einfach weiter. Während du die Szene vor deinem inneren Auge abspielst, stellen wir die Geräte ein.«
Ich vertiefe mich in das Geschehen. Langsam versinkt die Gegenwart, ich bin wieder in der Vergangenheit.

Elomines Stimme reißt mich aus meiner Nachmittagsmeditation. »Leon mach‘ dich bereit, da kommt ein Kunde. Seine Frau ist verschwunden. Die Polizei kann sie nicht finden«, fasst sie seine Probleme zusammen, bevor er den Raum betritt.
Ich synchronisiere meine Augmented Reality mit Elomines und beobachte, wie unser Analyseprogramm die Informationen vervollständigt. Jeder, der sich unserer Agentur nähert, wird von Kameras erfasst. Anhand der biometrischen Daten, wie Gesicht, Körpergröße oder Gang ermitteln wir seine Identität. Wir haben Zugang zu allen Datenbanken der Welt. Naja, zu fast allen. Mit Hilfe der Daten stellen wir fest, wer unser Büro aufsucht und warum.
Wir haben die weltweit besten Algorithmen. Nur wenige Staaten kommen an die Leistungsfähigkeit unserer Analyseprogramme heran. Zum Glück wissen die das nicht, denn das meiste, was wir tun ist streng verboten. Doch solange uns niemand auf die Schliche kommt, spielt das keine Rolle.
Während meine Frau den Hintergrund unserer Klienten analysiert, sorge ich für deren Schutz. Im Moment sind sechs Drohnen in der Luft. Dann sind da noch neun Passanten. Schön brav tragen sie alle Augmented-Reality-Brillen. Einer der Passanten benutzt eine besonders starke Verschlüsselung. Das können sich nur Geheimagenten oder Versicherungsdetektive leisten. Ich aktiviere einen unserer Quantencomputer von D-Wave Systems. Gegen die 64.000 Q-Bits hat kein Verschlüsselungsalgorithums eine Chance. Während der Kunde unsere Agentur betritt, sehen ihn alle anderen weitergehen und um die Ecke verschwinden.
»Guten Tag, was kann ich für Sie tun?«, begrüßt ihn meine Frau.
Der Mann sieht sich in unserer exklusiven Empfangs-Lounge um. Er ist Mitte vierzig, athletisch, hat dunkle Haare und braune Augen. Er trägt eine Jeans, ein T-Shirt und darüber ein kariertes Hemd. Die Textilien haben schon bessere Zeiten gesehen. Meine Augmented Reality behauptet, er hätte 64.311,34€ auf seinem Konto. Damit kann er sich unsere Dienstleistungen nicht leisten. Elomine wird seinen Auftrag vermutlich trotzdem annehmen. Seine Story ist einfach zu interessant.
»Mein Name ist Sperber. Frank Sperber. Meine Frau ist vor einer Woche aus unserer Wohnung verschwunden. Eben war sie noch da, plötzlich ist sie weg. Spurlos. Die Polizei kann uns nicht weiterhelfen. Sie sagen das Ganze sei ein Rätsel. Eigentlich unmöglich.«
Elomine streicht sich wie immer ihre schwarze Strähne aus dem Gesicht. »Wann haben Sie sie denn das letzte Mal gesehen?«, fragt sie.
Ich sehe in der AR, dass meine Partnerin die Antwort schon kennt. Sie fragt nur der Form halber. Viele Menschen erschreckt es immer noch, wenn man sie unvorbereitet mit persönlichen Details und Tatsachen konfrontiert. Obwohl sie wissen, dass wir im Zeitalter der Totalüberwachung leben. Es gibt nichts, was nicht digital erfasst wird. Deshalb wissen wir auch immer, wie es unseren Kunden geht und welche Probleme sie haben.
Ich kann verstehen, daß Sperber zögert. Seine Story ist unglaubwürdig. Früher hätte man ihn sofort als Haupttatverdächtigen verhaftet.
»Sie ging ins Schlafzimmer. Ich hinterher. Als ich in das Zimmer komme, ist es leer. Auf dem Weg von der Tür zum Bett löste sie sich in Luft auf. Einfach so. Wie ein Geist. Zum Glück hat unsere Wohnraumüberwachung das aufgezeichnet.«
»Da können Sie mal sehen, wie wichtig es ist, alles zu überwachen«, kommentiert meine Frau. »Ohne das Video säßen Sie jetzt in U-Haft.«
Sperber nickt zustimmend. »Ich liebe meine Frau. Ich bin sicher, dass sie noch lebt. Sie muss es einfach. Man hat mir gesagt, ihre Agentur sei die Beste. Finden Sie sie!«
Elomine schaut ihn abschätzend an. »Sie können sich uns nicht leisten.«
Ein Schatten legt sich auf sein Gesicht. »Ich weiß. Aber ich gebe Ihnen alles, was ich habe.«
Meine Frau zaubert mit ihren Händen ein dreidimensionales Diagramm in die Luft zwischen sich und Sperber. Auf ihre typische Art zupft sie daran herum. »Hmmm. Normalerweise verlangen wir 50.000 Euro pro Tag plus Spesen. Aber ...«
Erwartungsvoll schaut er sie an. Ich ahne, was sie vorhat.
»... für Regierungsbeamte gibt es Sonderkonditionen. Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Sie zahlen uns 60.000 Euro und schulden uns einen Gefallen, den wir jederzeit einfordern können.«
Misstrauisch schaut er uns an. Zuerst mich, dann Elomine. »Sie verlangen doch nichts Illegales, oder?«
Elomine tut entsetzt. »Natürlich. Was den sonst? Alles, was wir tun ist, illegal. Wenn Sie eine vermisste Person legal suchen lassen wollen, müssen Sie zur Polizei gehen.«
Sperber ist plötzlich sehr blass. Er schwankt. »Ich ... muss mich setzen«, stammelt er und lässt sich in einen Sessel fallen, der genau dafür bereitsteht.
Ich weiß, wie er sich fühlt. Unser Roboter reicht ihm ein Glas Wasser. Er trinkt es in einem Zug leer. Danach fängt er sich. »Sie erpressen mich«, protestiert er im Tonfall eines empörten Staatsdieners.
Elomine zaubert ihren unschuldigsten Ausdruck aufs Gesicht. »Aber ganz und gar nicht. Ich habe Ihnen ein geschäftliches Angebot gemacht. Sie können annehmen oder ablehnen. Wenn Sie jetzt gehen, sind Sie nie hier gewesen. Das garantieren wir.«
Sperber atmet schwer. »Können Sie sie überhaupt finden?«
»Ja«, antwortet Elomine mit göttlicher Zuversicht. Darin ist sie unschlagbar. Wenn man sie so sieht, muss man ihr einfach alles glauben. Trotzdem teile ich ihren Optimismus nicht. Der Fall ist kompliziert.
Er seufzt. »Sie wissen, dass ich keine Wahl habe. Ich liebe meine Frau. Also gut.«

»Was hast du«, fragt sie mich, nachdem Sperber gegangen ist.
Ich lasse sie ein wenig zappeln und genieße den Anblick. Erwartungsvoll schauen mich ihre braunen Augen an. Sie ist mal wieder perfekt gestylt. Die Frühlingswiesenanimation auf ihrem Kleid passt sich ihrer Stimmung an. Ihre Ungeduld überträgt sich auf die Schmetterlinge, die aufgeregt von Blume zu Blume flattern. Bevor Elomine die Lipidoptera auf mich hetzt, beschließe ich fortzufahren.
»Es gibt eine Reihe ähnlicher Fälle, den Ersten vor knapp drei Jahren. Danach wurden es von Jahr zu Jahr mehr. Allein dieses Jahr waren es 436 Fälle.«
Sie nickt, ergreift meine Daten und breitet sie vor sich aus. Dann beginnen wir, darin herumzuwühlen.
»Alle Polizeiakten wurden manipuliert«, stellt sie fest.
»Ja«, bestätige ich. »Aber nur so, dass es den statistischen Auswertungen keine Häufungen auffallen. Die Tatsachen sind nicht verändert worden. Es ist immer das Gleiche. Die Personen verschwinden und tauchen nie wieder auf.«
»Moment!« Elomine greift einen Datensatz heraus und hält ihn in die Höhe. »Fast alle Personen hatten einen Krankenhausaufenthalt hinter sich, der nicht länger als 14 Monate zurückliegt.«
Eine Zeitlang sehen wir uns Videos im Zeitraffer an. Meistens handelt es sich um eine Krebsoperation oder eine Organverpflanzung. Weder die Videos von der OP noch die über das Leben der Personen nach der OP bis zum Verschwinden zeigen etwas Ungewöhnliches. Sie enden alle gleich. Eines Tages verlässt die Person ihre Wohnung, begibt sich in eine große Menschenmenge, geht darin verloren und taucht nie wieder auf.
Wir stöbern noch eine Zeitlang in den Daten. Plötzlich zieht Elomine einen Fall heraus.
»Hier, das solltest du dir mal ansehen. Dieser Fall passt in das Schema. Schwerer Verkehrsunfall. Wird wahrscheinlich gelähmt bleiben.«
Das ist mal wieder typisch. Elomine bleibt im Büro und ich bekomme den Außeneinsatz. Andererseits muss ich zugeben, dass mein fotografisches Gedächtnis mich dafür prädestiniert. Fälle wie dieser lassen sich selbst heute nur unter Ermittlung in der physikalischen Realität lösen.
»Also gut«, stimme ich zu. »Ich treffe mich mit seiner Freundin. Bis ich da bin, ist sie mit ihrer Vorlesung über Quantenphysik fertig. Danach hat sie einen Termin mit einem Vertreter der Versicherung ihres Freundes. Das trifft sich gut.«

Die Professorin sitzt mit dem Versicherungsagenten an einem Tisch in der Mensa. Ich habe noch nie eine so ausgeflippte Quantenphysikerin gesehen. Eigentlich habe ich überhaupt noch nie jemanden getroffen, der die Farbladungen der Quantenchromodynamik so konsequent umsetzt. Ein weiblicher Einstein mit rosa und neongrünen Strähnchen im Haar. Nur dass sie wesentlich besser aussieht als der Nobelpreisträger.  
Die beiden abzuhören ist nicht ganz einfach. Sie benutzen aktive Schallauslöschung und halten sich die Hände vor den Mund, damit man nicht von den Lippen ablesen kann.
Offenbar kennen sie nicht alle Tricks. Meine Ultra-HD Kamera ist durchaus in der Lage die Schwingungen der Kaffeetassen aufzulösen. Akustisch ist eine halbvolle Kaffeetasse kein Genuss aber es reicht, um jedes Wort zu verstehen.
Als ich höre, was der Versicherungsvertreter der Quantenphysikerin auftischt, stellen sich mir die Haare zu Berge. Er behauptet, die Operation ihres Freundes sei ein voller Erfolg gewesen. Schmerzensgeldzahlung lehnt er kategorisch ab, da ihr Freund in zwei Wochen bereits nach Hause darf. Pflege wird nicht notwendig sein. Die beiden streiten heftig.
Die Inhaberin des Lehrstuhls für Quantenphysik schlägt vor, das Verhalten der Versicherung mittels eines mehrdeutigen Werbepostings auf ihrem Blog ’Quantum Lifestile' zu dokumentieren. Bei über 20,000 Klicks im Monat würde die Sache die öffentliche Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdient.
Das scheint den Versicherungsvertreter zu beeindrucken. Als Zugeständnis bietet er ihr ein neuartiges Augmented-Reality-System an. Es besteht aus ultramodernen Kontaktlinsen und einem Transkranealen Stimulator. Er versichert, dieses System ermögliche ganz neue Erfahrungen in der virtuellen Welt. So real, als ob der andere physikalisch anwesend wäre. Sogar Berührungen können damit simuliert werden. Das sei praktisch gleichwertig mit einer sofortigen Entlassung ihres Freundes.
Die Quantenphysikerin schaut skeptisch auf die Gerätschaften, die er vor ihr auf dem Tisch ausbreitet. Das ist echt heißes Zeug. Die Kontaktlinsen kosten richtig viel Geld und das Gerät zur elektromagnetischen Stimulation von Gehirnarealen ist selbst mir neu. Zumindest in dieser Kompaktform, die man wie ein Stirnband tragen kann. Selbst Elomine kann darüber auf die Schnelle nichts in unseren Datenbanken finden.
Ich frage mich, was die Versicherung damit bezweckt. Ein böser Verdacht drängt sich mir auf. Ich erkundige mich bei meiner Frau, was sie davon hält.
»Ich weiß nicht so recht«, meint sie skeptisch. »Sperber hatte so etwas nicht. Falls das von Bedeutung ist, brauchen wir handfeste Beweise.«
Nachdem der Versicherungsvertreter gegangen ist, bleibt die Professorin unschlüssig sitzen. Ich habe eine Idee. Während ich zu ihrem Tisch unterwegs bin, verschafft mir Elomine in Windeseile eine neue Identität.
Ich stelle mich als Journalist einer auflagenstarken Tageszeitung vor. Eine, spezialisiert darauf in einer Schlagzeile Geschichten zu erzählen, für die andere eine halbe Seite brauchen. Offenbar ist meine Identität halbwegs glaubwürdig. Die Quantenphysikerin sieht mich an, als wäre ich Schrödingers Katze.
»Was wollen Sie?«, fragt sie misstrauisch.
»Das hängt ganz von Ihnen ab«, kontere ich. »Ich recherchiere schon eine Weile über die Kostenerstattungspraktiken einiger Versicherungen. Sie trafen sich gerade mit einem Vertreter, dessen Arbeitgeber mir in diesem Zusammenhang besonders aufgefallen ist. Ich habe natürlich nichts von Ihrem Gespräch mitbekommen aber Ihre Körpersprache zeigte, dass Sie nicht zufrieden sind.«
Ihr Ausdruck wird noch kritischer. Jetzt fühle ich mich sogar wie Schrödingers Katze. Halb tot und der Rest meines Lebens hängt am seidenen Faden. »Was wissen Sie über mich? Schnüffeln Sie etwa in meinen Daten?«
Ich setzte mein unschuldigstes Gesicht auf und gestikuliere beschwichtigend. »Ich weiß gar nichts. Ich habe mich nur an die Fersen dieses Versicherungsvertreters gehängt, um mit den Opfern in Kontakt zu kommen. Was Sie mir erzählen möchten, hängt ganz von Ihnen ab.«
Sie schaut mich eine Weile prüfend an. So flippig ihr Äußeres auch sein mag, hinter diesen Augen wohnt ein messerscharfer Verstand. Der kommt wohl zu dem Ergebnis, mir eine Chance zu geben. »Meine Geschichte kostet zwanzigtausend Euro«
Ich schaue sie bedauernd an. Den Ausdruck habe ich von Elomine abgeguckt. »Ich habe kein Budget für solche Geschichten. Es wäre wohl auch wenig glaubwürdig, wenn ich Ihnen was zahlen würde.«
»Schön und gut«, brummt sie. »Aber was habe ich dann davon?«
»Das ist doch offensichtlich. Wenn ihre Story dazu beiträgt, öffentlich Druck auf die Versicherung aufzubauen, dann haben Sie wesentlich bessere Chancen auf einen außergerichtlichen Vergleich.«
Sie sieht mich nachdenklich an. »Also gut«, stimmt sie zu. Sie entspannt sich und erzählt mir die ganze Geschichte.
»Ist Ihnen bei ihrem Freund in letzter Zeit etwas Ungewöhnliches aufgefallen?«, erkundige ich mich.
Sie schüttelt den Kopf. »Nein.« Sie zögert. »Vielleicht doch. Er wirkte etwas niedergeschlagen, seit sich herausstellte, dass sein Ansatz nicht funktioniert, den Widerspruch zwischen der Invarianz unter Raumzeit-Diffeomorphismen der Relativitätstheorie mit dem bevorzugten Referenzsystem, gegeben durch die kosmische Hintergrundstrahlung, mit Hilfe der Formdynamik in Einklang zu bringen.
Ich verstehe kein Wort von dem, was sie sagt. Aber, dass man von diesem Fachchinesisch leicht Depressionen bekommen kann, leuchtet mir ein.
»War ihr Freund ein sportlicher Typ?«, frage ich, um das Thema zu wechseln.
Sie schüttelt den Kopf. »Der? Nein. Der Tollpatsch stolpert sogar über seine eigenen Schuhbänder, wenn man nicht aufpasst. Wieso fragen Sie das?«
Ich zucke mit den Schultern. »Naja, ich muss ja auch etwas über ihn als Mensch schreiben. Mit einem doppelten Wirbelsäulenbruch wird er in Zukunft wahrscheinlich in seiner Bewegungsfreiheit erheblich eingeschränkt sein.«
»Ich hoffe nicht. Der Versicherungsvertreter sagte, dass er wieder vollständig gesund wird.«
»Das freut mich für Sie und ihn.« Meine Aufmerksamkeit wandert zu dem Transkranealen Stimulator. Sie folgt meinen Blick.
»Das habe ich von dem Versicherungsvertreter bekommen. Wissen Sie, was das ist?«
»Nein«, sage ich ehrlich. »Ich habe schon viel gesehen, aber so etwas noch nicht. Das muss ein Prototyp sein.«
Die Quantenphysikerin nimmt den Stirnreif in die Hand und betrachtet ihn von allen Seiten. Entschlossen setzt sie ihn auf. Gespannt wartet sie ab. Nichts passiert. Plötzlich weiten sich ihre Augen. Sie gibt einen überraschten Laut von sich. Dann verschwindet das Ding. Es ist als hätte es sich in Luft aufgelöst.
»Interessant«, sage ich. »Wie fühlt es sich an?«
»Was?«, fragt sie.
»Na das Stirnband zur Gehirnstimulation«, das Sie soeben aufgesetzt haben.
Die Professorin schaut mich verwundert an. Welches Stirnband? Ich trage kein Stirnband.«
In diesem Moment schaltet sich Elomine ein. »Lass es gut sein, Leon. Wir wissen jetzt alles, was wir wissen müssen. Der transkraneale Stimulator ist mit einem Metamaterial beschichtet. Das leitet das Licht um ihn herum, wenn er aktiviert wird. Gleichzeitig dämpft er gewisse Stellen im Gehirn so, dass man ihn nicht mehr spürt und offensichtlich sofort vergisst, dass man ihn trägt.«
Ich verstehe. Eine raffinierte Konstruktion. Freiwillig wird sie das Ding vermutlich nie wieder abnehmen. Ich verabschiede mich schnell und eile zu meinem Auto. »Hat Sperber auch so ein Ding getragen?«, frage ich Elomine.
»Weiß noch nicht. Das ist schwer herauszufinden. Die Analysen laufen noch.«
»Wie wäre es mit anrufen?«, schlage ich vor.
Elomine hält es nicht für nötig, darauf zu antworten. Stattdessen bekomme ich eine neue Aufgabe. »Es wird Zeit, der Versicherung einen Besuch abzustatten.«
»Einverstanden. Das wird aber nicht leicht. Ich kann ja nicht einfach hineinspazieren, Guten Tag sagen und mich dann in ihre interne Cloud einloggen.«
»Da hast du recht. Es ist sogar noch schwieriger, als du dir vorstellst.« Nach einer kurzen Pause fährt sie fort. »Du kennst doch 'Mission Impossible'.«
Mir wird flau im Magen. »Leider ja. Da gibt es doch diese Szene, wo der Agent Ethan Hunt von einem Hubschrauber aus in einen Lüftungsschacht springt. Nicht dein Ernst?«, frage ich beunruhigt. Aber Elomine scherzt mit solchen Sachen nicht.

...

Fortsetzung folgt



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