Idee und Inhalt meines Buches

"Jede entsprechend weit fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden" (Zitat von Arthur C. Clarke)


Diese Idee hat mich nicht mehr losgelassen bis ich schließlich damit begonnen habe ein Buch darüber zu schreiben. Es geht um virtuelle Welten, die so perfekt simuliert sind, dass sie von der realen Welt nicht mehr zu unterscheiden sind. Da in der virtuellen Welt alles möglich ist, gibt es in meinem Buch sowohl Zukunftstechnologie, wie sie in Science Fiction Romanen zu finden ist, als auch typische Fantasy Elemente wie Magie, Fabelwesen und Fantasiewelten.

In meinem Blog werde ich nicht nur über den Fortschritt meines Buches berichten, sondern auch allgemein zu SciFi und Fantasy Themen.

Gerne lasse ich mich hierbei von euch inspirieren.

Wer mag, kann mich gerne direkt kontaktieren: roy.ofinnigan@t-online.de

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Kurzgeschichte "Atlantis" aus "Computerdiktatur"

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Atlantis ist Teil von "Computerdiktatur". Das eBook ist bei Amazon, Thalia, Weltbild, XinXii für alle gängigen eBook Reader erhältlich.




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Nach längerer Pause gibt's mal wieder was zu lesen.
Hiermit möchte ich Euch den ersten Teil meiner neuesten Kurzgeschichte "Atlantis" vorstellen.
Über Feedback und Kommentare würde ich mich sehr freuen.




Atlantis

Prolog


Gold. Heiß begehrt und seit jeher geschätzt. Nicht nur auf der Erde, sondern im gesamten Universum. Geraubt, erschlichen oder ehrlich erworben. Gierig gerafft oder kühl akquiriert. Verwendet als Schmuck, Geldanlage oder wegen seiner herausragenden Eigenschaften. Doch sein wertvollstes Attribut offenbart sich erst auf einer Entwicklungsstufe, welche die meisten intelligenten Lebewesen nie erreichen.
Gold ist eines der schwersten Elemente. Obwohl naheliegend ist es eine im Universum wenig bekannte Tatsache, dass man es in nennenswerten Mengen lediglich im Zentrum von Planetenkernen findet. Umso erstaunter ist das Photon am Rande des Sonnensystems, als vor ihm aus dem Nichts plötzlich eine gigantische Goldkugel auftaucht.
Die kolossale Masse krümmt den Raum. Gemäß den Gesetzen der Physik passt das Lichtquant seine Bahn dieser Verzerrung der Geometrie der Raumzeit an. Unweigerlich prallt es auf die harte Oberfläche und wird zurück ins Weltall reflektiert. Bestimmt, die Information über die Anwesenheit des seltenen Edelmetalls in die Welt zu tragen. Zusammen mit Myriarden anderer Lichtteilchen, die dem gleichen Schicksal unterliegen. Sie tragen eine Botschaft mit sich. Eine dunkle Bedrohung ist aufgetaucht. Ebenso finster, wie die Goldoberfläche glänzend. Eigentlich sollte das Photon das Ereignis beweinen. Doch Photonen tragen keine Trauer.



1.  Ankunft


»Wir sind da, Kapitän.«
»Na endlich!«, gibt sich der Kommandant erleichtert. Mit eleganten Bewegungen schlängelt er sich aus dem Ruhebereich und macht sich auf zur Brücke. »Haben Sie ein Signal von unserer Sonde?«, fragt er ungeduldig auf dem Weg dorthin über die Bordkommunikation.
 »Noch nicht, Sir. Die Sensoren suchen noch.«
»Auch gut. Die Sonde wird schon noch auftauchen. Vermutlich war der Treibstoff verbraucht oder sie haben sie gefunden und das Gold eingeschmolzen. Kümmern wir uns um unseren Auftrag. Macht den Gammastrahlenlaser klar und pulverisiert diesen Planeten. Aktivieren Sie den Planetenzerstörer, sobald er feuerbereit ist.«
Eine Vielzahl von Tentakelarmen macht sich daran, dem Befehl entsprechend, Einstellungen an den Touchscreens vorzunehmen.
Nichtsahnend zieht das smaragdgrüne Juwel seine Bahn durch die Weiten des Alls. Seit Äonen um sein Zentralgestirn kreisend, trotzt der Himmelskörper den Unbilden des Universums. Myriaden Meteoriten und Sonnenstürme konnten ihm nichts anhaben. Doch nun ist sein Schicksal besiegelt. Die Sonne, Patin seiner Geburt, wird in wenigen Stunden sein Ende bezeugen.
Gnadenlos bohrt sich der meterdicke Gammastrahl durch die Gesteinsschichten. Unvorstellbare Energiemengen jagen in den Kern des Gestirns. Gewonnen aus Sonnen, die ihr Leben geben mussten, die ultimative Kriegsmaschine zu ernähren.
Vor dem ewigen Schwarz der Unendlichkeit schweben zwei Kugeln. Von einem Sonnenstrahl getroffen präsentiert sich die goldene Perle als Schmuckstück. Sie ist so schön wie tödlich. Neben dem Planeten zeigt sie sich unbedeutend. Doch umso letaler ist ihr Gift. Das Kleinod injiziert es mit ihrem mordenden Stachel. Wie eine Mücke, die einen Elefanten sticht und ihm dabei ein tödliches Virus verpasst.
Auf der Oberfläche des Opfergestirns brechen Canyons auf und verschlingen Meere. Im Inneren treffen sie auf flüssige Lava. Riesige Geysire spucken das Wasser hinaus ins Weltall. Verdampfendes Gestein explodiert und schleudert Berge in den Kosmos.
Wer kann, versucht sich mit einem Raumschiff in Sicherheit zu bringen. Nur wenige können schnell genug startklar gemacht werden. Das Ziel der Flüchtenden ist der dritte Planet. Die Erde.
Dann explodiert der Kern und zerfetzt den Planeten, Kontinente brechen auseinander und mit ihnen die Landschaften aus denen sie bestehen. Eben noch ergossen sich Flüsse in Seen und Meere. Jetzt enden sie im Nichts. Siedlungen, Häuser und Paläste, reißt es in Stücke. Menschen, Tiere und Pflanzen werden ins All katapultiert und driften dort dem sicheren Tod entgegen. Das Innerste wird nach außen gekehrt, um in den Weiten des Universums Vergessen zu finden.
Vor dem Hintergrund funkelnder Lichtpünktchen illuminieren Jupiter und Sonne die Katastrophe. Als fühlten Mutter und Vater mit ihrem Kind, verdüstern sie ihr Licht. Des Göttervaters Ringe tragen Trauer, die Strahlen der Sonne werden gebrochen von Staub und Gas des gestorbenen Sprösslings. Zusammen beklagen sie die Todesstunde eines Himmelskörpers.
                             

                                                ***

»Nur für das Logbuch. Wie heißt eigentlich der Planet, den wir soeben in Stücke geblasen haben?«, fragt der Kapitän.
»Das Übersetzungsprogramm hat den Namen aus den aufgezeichneten Radioübertragungen extrahiert. Die Bewohner nannten ihn »Atlantis«.
»Atlantis«, sinniert der Kapitän, während er mit einem seiner Tentakel eine Geste macht, die beim Menschen dem Reiben des Kinns entspricht. »Gibt es noch andere Planeten mit intelligentem Leben in diesem Sonnensystem?«
»Nein. Aber womöglich ist es einigen Bewohnern von Atlantis gelungen, sich auf den dritten Planeten zu retten.« Zwischen dem Chef des Raumschiffes und seinem Offizier erscheint eine dreidimensionale Darstellung des Sonnensystems. Die erwähnten Raumschiffe und ihre Routen sind markiert. Der Kapitän bewundert heimlich die Konzentrationsfähigkeit seines Untergebenen, die Darstellung so lange und mit dieser Detailschärfe, aufrecht zu halten. Bewusst lässt er sich Zeit das Szenario zu betrachten.
»Darum kümmern wir uns später. Noch immer nichts von unserer Sonde?«
»Nein, Kapitän. Die Suche läuft noch«, antwortet der Offizier sichtlich erleichtert, dass die Abbildung nicht mehr gebraucht wird. Als Reaktion fällt das Löschen etwas ungestüm aus. Die Anwesenden betrachten irritiert die überall in der Kommandozentrale verglimmenden Pixelreste. Der Kommandant tut so, als hätte er das Missgeschick nicht bemerkt.
»Gut. Lasst uns beginnen das Gold aus dem Planetenkern einzusammeln.«

Inmitten der Trümmer des geborstenen Sonnentrabanten schwebt der Übeltäter. Lichtstrahlen reflektieren von der goldenen Oberfläche des Weltenzerstörers und tragen die Trauer ins Universum. Die Todsünde der Tat auf ewig anklagend. Tausende kleiner Objekte lösen sich aus dem Kilerraumschiff und fliegen davon. Auf der Suche nach dem Wertvollsten, was der ehemalige Planetenkern zu bieten hat. Gold jagt Gold, sammelt es ein und bringt es zurück zum Mutterschiff.
»Kapitän, wir haben unsere Sonde gefunden«, verkündet der 1. Offizier zufrieden.
»Gut gemacht«, lobt der Kommandant der aggressivsten Rasse des Universums. »Bringt den Sender an. Falls die Flüchtlinge sich so weit erholen, dass sie die Sonde finden, wird er uns darüber informieren.«
»Sir, sollen wir den dritten Planeten mit den Überlebenden nicht besser auch gleich vernichten?« In Erwartung einer positiven Antwort nähern sich etliche Fangarme den dafür notwendigen Steuerelementen.
Die Frage scheint einen sensiblen Punkt beim Kapitän zu berühren. Er straft seinen untergebenen Offizier mit einem verachtenden Blick. „Haben wir denn genug Energie dafür?«
»Nein«, gibt dieser kleinlaut zu.
»Gut, dass es hier wenigstens einen gibt, der für alle mitdenkt. Wo wir gerade dabei sind, wie lange reicht unsere Energie noch?«
»Der 1. Offizier wertet gewissenhaft die Anzeigen aus und stellt Berechnungen an. »Wir können noch 63 Tage Gold sammeln. Dann reicht es gerade noch für den Flug zu Vela.«
»Nur für den Flug?«, der Führungsoffizier und Denker für alle verdreht die Augen. Seine Tentakel zuckend drohend.
»Nein Sir. Vela ist bereits instabil«, beeilt sich der Rangniedere zu erläutern. »Bei Ankunft bleibt uns noch ausreichend Energie, um die Supernovaexplosion vorzeitig auszulösen. Das dabei entstehende schwarze Loch produziert so viel negative Energie, dass wir unseren Speicher wieder voll aufladen können.«
Der Kapitän überprüft die Berechnungen. Nervös wartet der Eins-O auf sein Urteil. Der Analysierende unterbricht sein Studium gelegentlich mit kritischen Blicken, bei denen der 1. Offizier sich möglichst weit wegwünscht. Die Situation ist ihm so unangenehm, dass er sich in seiner Not sofort in ein schwarzes Loch gestürzt hätte, wäre eines in Reichweite gewesen.
»Na also, geht doch«, gibt sich der Oberste Denker gnädig.


2.  Der Fund


»Geht das nicht schneller?«, beschwert er sich.
»Natürlich. Wie viel Risiko bist du bereit einzugehen? Reichen dir 90 Prozent Wahrscheinlichkeit, an den Felsbrocken hier draußen zu zerschellen, oder sollen es 96 sein?«
Marvin starrt auf den jugendlichen Avatar. Wie immer sieht sie unwiderstehlich aus. »Zu viel brummt er. Lass es bei 76.«
Das Persona-Icon beschert ihm einen provozierenden Blick. »Dachte ich es mir doch. Wozu also die Frage?«
»Weil mir langweilig ist. Seit Tagen kreuzen wir hier herum, ohne etwas Brauchbares zu finden. Mir geht die Lust und uns der Treibstoff aus.«
»Schon wieder so eine Fehleinschätzung«, wird er getadelt. »Der Treibstoff reicht noch für Jahre. Was ist los mit Dir? Brauchst du eine psychologische Sitzung?« Helena streicht durch die Haare ihres Avatars und lässt sie nach hinten fallen.
Der Sessel stöhnt unter dem Gewicht, als Marvin sich zurücklehnt und die Hände hinter dem Kopf verschränkt. »Möglich. Hast du heute Abend schon etwas vor?«
»Mal sehen«, lächelt sie ihn verführerisch an. Da ist noch der Bericht für die United Nations Space Mining Commission und dann ...«
»Helena“, beschwert sich Marvin. Sein Blick ruht eindeutig nicht auf ihrem perfekt gestylten Kussmund. »Was soll das?«, beschwert er sich. »Für den Bericht brauchst du nicht mehr als 1 Millisekunde. Laut Vertrag bist du für meine körperliche und geistige Gesundheit verantwortlich. du hast für mich jederzeit zur Verfügung zu stehen.«
»So, habe ich das?«, fragt sie mit einem Unterton in der Stimme, der einem normalen Menschen den kalten Angstschweiß auf die Stirn getrieben hätte. Marvin zeigte keine derartige Reaktion. Schweigend hält er ihrem Hypnoseblick stand. »Na ja«, lenkt er schließlich ein. »Nicht direkt. Aber du kennst ja meine Psyche. Außerdem bist du als meine Kapitänin für mich verantwortlich.«
»Beruhige dich. Eigentlich sollte ich nervöser sein als du. Für mich steht viel mehr auf dem Spiel. Dies ist die letzte Chance für mich und »Timaios Space Mining«. Wenn wir diesmal nichts finden ist es aus. Wenn wir zurückkommen, wird der Kredit fällig.«
„Für mich steht aber auch einiges auf dem Spiel. Ich brauche dringend …“
»Das ist ja interessant“, unterbricht sie ihren Piloten, während sie sich den virtuellen Anzeigen zuwendet.
»Marvin fährt hoch und richtet sich in seinem Sessel auf. Was ist interessant«, fragt er. Plötzlich ist er hellwach und aktiviert mit hektischen Bewegungen sämtliche Sensoren. Ich kann nichts sehen.
»Warte einen Moment. Gleich sind wir nahe genug, dass meine Schätzungen überprüft werden können.«
Marvin wundert sich nach all den Jahren noch immer darüber wie Helena Sachen aufspürt, lange bevor sie die Sensoren physikalisch erfassen können. Sie nennt es Intuition. Er versteht es nicht.
Der gut gebaute Pilot studiert die eingehenden Daten. Sein Gesicht drückt Erstaunen aus. Der Felsbrocken ist unregelmäßig geformt. An sich ist das hier draußen nichts Ungewöhnliches. Aber im Verhältnis zum Volumen muss er über einen schweren Kern verfügen. Ein sehr schwerer Kern mit einer Dichte von 18,1 Gramm pro Kubikzentimeter.
Das ist nach seinem Geschmack. Gebannt beobachtete er, wie der Computer die Informationen aktualisiert. Mit schrumpfender Entfernung präzisieren die Daten. »Jackpot«, murmelt der Pilot.
»Abwarten«, meint Helena nüchtern. »Noch sind wir zu weit weg. Das kann alles Mögliche sein.«
»Das glaubst du doch selbst nicht. So gute Daten hatten wir noch nie.«
Helena beugt sich nach vorn und stützt sich auf seinem Kommandopult auf. Dabei gewährt sie ihm einen tiefen Einblick. »Genau. Sie sind zu gut, um wahr zu sein. Ich will nur verhindern, dass du wieder enttäuscht wirst. Erinnerst du dich an 2057 MA? Danach hast du allein 22 Sitzungen gebraucht, bis du wieder in der Lage warst, dich in den Pilotensessel zu setzen.«
»Erinnere mich nicht daran. Schalt’ die Scheinwerfer ein, damit ich sehen kann, womit wir es zu tun haben.«
Sie folgt seinem Blick. Ihr Ausschnitt scheint es ihm angetan zu haben. »Du kriegst im Moment schon genug zu sehen. Das Flutlicht ist reine Energieverschwendung«, tadelt Helena. »Da draußen gibt’s noch lange nichts zu sehen. Wir sind immer noch 874 Kilometer entfernt.«
Marvin brummt etwas Unverständliches, beharrt aber nicht auf das zuschalten der Scheinwerfer. Trotz der Verlockung vor ihm wendet er sich den Anzeigen zu. Die Daten verändern sich kaum noch. »Noch 22 Minuten«, verkündet er unnötigerweise.
»Ich weiß«, entgegnet Helena geduldig und besteigt mit lasziven Bewegungen das Kommandopult. Sie macht es sich dort in einer klassischen Pin-up Pose gemütlich. Die darüber schwebenden dreidimensionalen Anzeigen machen bereitwillig Platz. Nachdem er noch immer nicht die erwartete Reaktion zeigt lässt sie die Glasplatte da, wo ihre Hüfte und ihr Ellbogen aufliegen, mit einem Knacken zerspringen.
»Helena, lass den Unsinn«, ermahnt er sie.
Sie erwägt zusätzlich die Situation mit künstlichen Pheromonen anzuheizen, entscheidet sich aber dagegen. Sie will ihren Piloten nur so weit ablenken, dass er die mögliche Enttäuschung leichter wegstecken kann, wenn sie nichts finden. Seufzend hebt sie die Hand und beschreibt mit dem Zeigefinger einen Kreis. In der Luft erscheint das errechnete Modell des Asteroiden. Sie bläst dagegen, und lässt es zu ihm hinüberschweben.
»Äußerst ungewöhnlich, diese Form«, kommentiert Marvin. »2,4 Kilometer lang, 900 Meter breit und 400 Meter dick«, fasst er zusammen. »Hast du …?«
»Der Computer rechnet noch«, fällt sie ihm enttäuscht ins Wort. Helena zieht einen Schmollmund, gleitet vom Steuerpult herab und streicht demonstrativ über ihren hautengen Astronautenjumpsuit. Die Illusion des zersprungenen Bildschirms verschwindet. »Bis jetzt haben wir kein Szenario, wie ein Asteroid mit diesen Abmessungen entstehen kann«, fährt sie nüchtern fort.» Das gibt eine Sensation. Die Astrophysiker werden ihre Lehrbücher über die Entstehung von diesen Gesteinsbrocken umschreiben müssen.«
»Nicht mein Problem«, bemerkt der Pilot abwesend.
»Wie bist du eigentlich auf den Namen Timaios gekommen?« Fragt Marvin, da ihm gerade nichts Besseres einfällt.
»Es ist ein Name, der in der Atlantis-Sage vorkommt. Du weißt, ich lese gerne solche Geschichten.«
Leichtes Vibrieren am Pilotensessel zeigt Marvin an, dass Helena die Bremsraketen gezündet hat. Er ruft ein Menü auf und aktiviert die Scheinwerfer. Die Lichtfinger verlieren sich im endlosen Schwarz des Weltalls. Als ob es was nützen würde, stellt er das Zoom auf Maximum und beugt sich vor bis seine Nase fast das Display berührt. »Noch immer nichts«, grummelt er enttäuscht.
Er wuchtet sich aus seiner Sitzgelegenheit geht zum Fenster und starrt hinaus. Kalte Lichtpunkte starren zurück. Nicht das, was er sehen will.
Helena unterdrückt einen Seufzer. Marvin ist einer der Besten Piloten, die so tief im Asteroidengürtel nach wertvollen Schwermetallen suchen. Aber er ist auch jung und ungeduldig. Ihm fehlt einfach die Erfahrung jahrelangen Prospektierens. Hüftschwingend schleicht sich Helenas Avatar zu Marvin und schmiegt sich von hinten an ihn. Mit ihren Armen umschlingt sie seine Brust. »99,9 Prozent der Zeit verbringt man damit, wertloses Gestein zu sondieren«, flüstert sie ihm ins Ohr. Danach starren beide wortlos aus dem Fenster.
Endlich taucht etwas im Licht der Scheinwerfer auf. Photonen prallen auf das Gestein von 2057 MA und werden zurückgeworfen. Kameras empfangen die Lichtquanten und wandeln sie in elektrische Signale um. Marvin und Helena staunen mit weit geöffneten Augen über das, was sie sehen.
»Das sieht aus wie …«, versucht Marvin es zu beschreiben.
»Nein«, widerspricht Helena. »Das sieht nicht aus wie, das ist eindeutig eine Mauer mit Fenstern.«
Marvin kann es immer noch nicht fassen »Das kann nicht sein.« Krampfhaft sucht er nach einer natürlichen Erklärung. »Der Asteroid wurde von einem anderen abgespalten. Das, was aussieht, wie eine Mauer ist dabei zufällig entstanden.«
»Mit rechteckigen Fenstern in regelmäßigen Abstand, dreieckigen Giebeln und eindeutig dorischen Säulen? Nein mein Freund. Das sind die Überreste eines Palastes.« Helena sagt das so überzeugt, dass Marvin es schließlich akzeptiert.
»Lass uns landen. Das müssen wir uns näher ansehen.«
Natürlich, was denn sonst? Denkt Helena. Dann ist ihre Konzentration gefordert. Sie löst sich von ihm und setzt sich ans Steuerpult. Aufgrund der geringen Masse ist die Schwerkraft vernachlässigbar. Deshalb ist für so eine Landung viel Fingerspitzengefühl erforderlich. Elegant gleicht Helena sich der Geschwindigkeit und Rotation des Asteroiden an, bis sie wenige Meter über einem Platz schwebt.
Daraufhin aktiviert sie die Anker. Von Sprengladungen angetrieben bohren sich Stahlspeere mit Widerhaken in das Pflaster. Dann spannen sich die Seile, bis das Raumschiff auf dem Boden aufsetzt. Erst jetzt werden Helena die Dimensionen des Platzes bewusst. Ihr Gefährt ist nicht gerade klein aber im Vergleich zu dem Palast, wirkt es auch nicht größer als ein parkendes Auto auf einer Flugzeugrollbahn.
Wie ein Insekt, das auf Beute lauert, kauert es auf dem Boden. Es wurde als Minenschiff für den Asteroidengürtel konzipiert. Das heißt, im Wesentlichen handelt es sich um eine Ansammlung von Werkzeugen, Greifarmen und sonstigen Geräten, die zum Abbau von Erzen und Gestein benötigt werden. Zweckmäßig, um einen Antrieb, eine Energieversorgung sowie einem großzügigen Aufenthaltsbereich für Menschen herum arrangiert. Ein Musterbeispiel nüchtern technisch-funktioneller Eleganz, die lediglich hartgesottene Techniker ästhetisch finden. Alle anderen kommen beim Anblick der Helena innerhalb kürzester Zeit zu einem einstimmigen Urteil: ‚hässlich‘.
Helena ist sich dessen bewusst. Als Frau schmerzt sie das. Sobald es ihre finanziellen Mitteln erlauben, wird sie ihrem Gefährt ein angemessenes Outfit spendieren. Gewissermaßen ein Modellkleid vom angesehensten Designer der Welt.
Marvin verlässt das Raumschiff und geht von der Rampe zu einem Brunnen. Zumindest hält er die Steinskulptur dafür. Die Sohlen seiner Geckoschuhe sind mit unzähligen winzigsten Härchen beschichtet. Wie die Haftballen der gleichnamigen Tiere kleben sie auf allen Oberflächen.
Helena beobachtet ihn vom Raumschiff aus, wie er sorgfältig darauf achtet immer einen Fuß auf dem Boden zu halten, damit er nicht den Kontakt verliert. Wieder einmal beglückwünscht sie sich zu ihrer Wahl. Marvin bewegt sich äußerst geschickt. Er spaziert auf dem Asteroiden umher als wäre er zu Hause in seinem Wohnzimmer.
Auf den ersten Blick hält der Pilot die Skulpturen des Brunnens für Delphine. Erst auf den Zweiten sieht er Unterschiede. Marvin bleibt staunend davor stehen. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich dieses Kunstwerk in einer Stadt auf der Erde, vorstellen zu können.
»Helena, siehst du das?«, fragt er unnötigerweise.
»Natürlich«, antwortet sie geduldig. »Meine Sensoren zeigen an, dass sich 52 Meter und 26 Grad links von Dir eine Öffnung befindet.«
»Eine Öffnung wohin?«
Helena verdreht in Gedanken die Augen. »Geh einfach hin und schau’s dir an. Aus diesem Winkel kann ich auch nichts weiter erkennen.«
Marvin macht sich auf den Weg. Als er näher kommt, sieht er ein Loch. Der Pilot leuchtet hinab. Ein Steinquader hat das Pflaster durchschlagen und steckt circa zehn Meter unterhalb des Platzes im Boden.
»Das muss ich mir genauer ansehen.« Der Pilot macht vorsichtig einen Schritt nach vorne so, dass er über dem Loch schwebt. Dann benutzt er seine Handdüse, um sich in den ehemaligen Untergrund zu begeben.
Er findet sich in einem rechteckigen Raum wieder. Säulen stützen die Decke. Die Wände sind mit Ornamenten bemalt. Im Schein seiner Lampe tauchen vor allem die Farben Blau und Gold auf. In der Mitte jeder Wand ist ein Ausgang. »Welchen soll ich nehmen?«
»Den rechts von dir«, antwortet Helena, während sie gleichzeitig einen Pfeil in seine Augmented Reality einblendet. »Der müsste zum Massenschwerpunkt dieses Asteroiden führen.«
Während ihr Pilot den Gang entlang wandert, nimmt sie sich Zeit über die Erbauer dieses eindrucksvollen Gebäudes zu machen. Wer waren sie, wie sahen sie aus, wie lebten sie? Sollte sie Ehrfurcht und Staunen empfinden? Sie kann es nicht. Ihre Gedanken kehren immer wieder zu dem zurück, was hoffentlich am Ende des Ganges darauf wartet, gefunden zu werden.
Sie weiß nicht genau, wie Marvin tickt, aber ihrer Meinung nach ist er definitiv nicht der richtige die historische Tragweite ihrer Entdeckung zu würdigen. Beweise für außerirdisches Leben? Wen interessiert das?
Wenige Minuten später ist ihr Begleiter am Ende des Gangs angekommen. Vor ihm eine Wand aus Stahl flankiert von Wächtern aus Stein. Beiläufig stellt er fest, dass sie menschlich aussehen. Ihre Körper verfügen über jeweils zwei Arme und Beine. Die Gesichter kann er nicht sehen, da die Köpfe von einem Helm umschlossen sind.
Die Krieger strecken jeweils eine Hand vor. Eine versteinerte Warnung weiterzugehen. In der anderen halten sie einen Dreizack. Die Hände haben fünf Finger, wie Menschen. Marvin nimmt es zur Kenntnis. Sein Interesse gilt anderen Dingen. Er ignoriert die Warnung und legt seinen Universalsensor auf die Stahlwand.
Kurz darauf erhält er das Analyseergebnis. Eisen, 1,5 Prozent Kohlenstoff sowie Spuren von Chrom, Vanadium, Mangan, Kobalt und Nickel. »Damaszener Stahl«, konstatiert Helena. Extrem hart und gleichzeitig biegsam genug, um auch bei größten Belastungen nicht zu brechen. Darunter pures Gold. Bis auf einen Hohlraum in der Mitte besteht das Innere aus 95-prozentigem Gold.
Marvin nickt zufrieden. Seine Augen streichen suchend über die Metallplatte. Er kann weder eine Fuge entdecken, noch eine Möglichkeit sie zu öffnen. »Verschwenden wir keine Zeit«, beschließt er. »Lass uns das Prachtstück so, wie es ist, zum Mond schicken. Dort können wir es in Ruhe zerlegen.«
»Niemals. Mit dem Palast drum herum wird es sofort von der United Nations Space Mining Commission beschlagnahmt.«
»Nur, wenn sie es entdecken«, meint Marvin unbekümmert.
»Viel zu riskant«, warnt Helena. Seit vor ein paar Jahren ein Asteroid, aus Versehen auf der Erde einschlug, ist die UNaSMiC richtig penetrant geworden. Sie überwachen jedes Steinchen einzeln. Und sei es noch so klein.«
»Also gut. Und wie sieht dein Plan aus?«


                                               ***
 

Marvin und Helena verfolgen aus sicherer Entfernung vom Raumschiff aus, wie sich der Laser in den Felsen bohrt. Flüssiges Gestein spritzt ins Weltall. Gefolgt von schmutzig grauem Nebel, der aus dem Bohrloch schießt. Dem Piloten fällt auf, dass der Dunst pulsiert als würde er leben. Helena bewegt den Laserstrahl mit chirurgischer Präzision und beginnt den Schatz freizulegen.
Ohne Vorwarnung explodiert der Asteroid. Helena spürt, wie ein elektromagnetischer Impuls durch das Raumschiff rast. Es fühlt sich an wie tausend glühend heiße Nadeln, die sich gleichzeitig in ihren Organismus bohren. Helena wird bewusstlos. Ihr Schmerzschrei hallt noch lange durch die verwaisten Gänge.
Als sie wieder zu sich kommt, sind alle Systeme ausgefallen und die Notbeleuchtung an. »Marvin«, fragt Helena mehrmals ohne eine Antwort zu erhalten. Sicher wurden seine Systeme durch die Schockwelle ebenso deaktiviert wie die des Schiffes, schlussfolgert sie. Helena setzt Prioritäten. Marvin muss warten während sie sich bemüht die Steuerung des Raumschiffs wieder hochzufahren. Es gelingt ihr nicht.
Die Kapitänin versucht, sich an die Architektur des Steuersystems zu erinnern. Ohne die Unterstützung des Bordcomputers fällt es ihr schwer. Doppelt redundant hätte das System nicht vollständig ausfallen dürfen. Wenigstens funktioniert ihre eigene Energieversorgung noch. Die des Raumschiffs scheint ausgefallen zu sein. Helena vermutet, dass sich die Hülle elektrisch aufgeladen hat und deshalb die Versorgungsspannung neutralisiert.
Sie überlegt sich, mit der Rettungskapsel abzusetzen. Es ist aber niemand in der Nähe, der sie aufnehmen könnte.
Wie wird man überschüssige Ladung im Weltall wieder los? Fragt sich Helena. Das einzige Objekt in der Nähe, an dem sie sich erden könnte, ist ohne Antrieb unerreichbar. Ihre Möglichkeiten zu agieren sind auf die Funktionen des Raumschiffs beschränkt. Die sind im Moment stark reduziert.
Dann erinnert sie sich. Für Notfälle wie diesen gibt es eine besondere Schaltung, die die elektrisch aufgeladene Hülle neutralisiert. Normalerweise wird das automatisch gemacht. Jetzt muss sie den Mechanismus manuell betätigen.
Kurz darauf fahren die Systeme wieder hoch. Noch während sie damit beschäftigt sind, schickt Helena einen Wartungsroboter zu Marvin, um ihn wieder zu aktivieren. Vergeblich.
 

                                         ***

Helena blickt auf die Kugel, die vor dem Raumschiff schwebt, ohne sie wahrzunehmen. Das stählerne Grau passt zu ihrer Stimmung. Ihre Gedanken sind bei ihrem Piloten. Dies ist ihre zweite gemeinsame Tour zum Asteroidengürtel auf der Suche nach wertvollen Rohstoffen. Sie erinnert sich an das erste Interview mit Marvin. Zuerst ist sie skeptisch, als die Jobvermittlung einen intelligenten Androiden vorschlägt. Trotzdem lässt sie sich zu einem Gespräch überreden. Es ist das erste Mal in ihrem Leben, dass sie sich länger mit einer Maschine unterhält.
Sie braucht einen Piloten. Nach all den Jahren im Weltall hat die Strahlung ihren Tribut gefordert. Die Ärzte sagen ihr Körper würde eine weitere Mission nicht überleben. Wegen der Radioaktivität. Helena entscheidet sich von ihrem Körper zu trennen, und die lästige Hülle auf der Erde zurückzulassen. Die Operation ist riskant.
Die Freiheiten der unendlichen Weiten sind es ihr wert. Als ihr Gehirn mit dem Computer des Raumschiffs verbunden wird, ist sie überrascht über die Sinneserweiterung. Ihre neuen Möglichkeiten und Wahrnehmungen sind unbeschreiblich.
Marvin passt perfekt zu ihr und zur Mission. So perfekt, wie der geometrische Körper vor dem Raumschiff im Weltall. Intelligente Maschinen wie er müssen selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen. Ein Preis für die Bürgerrechte, die sie seit ein paar Jahren genießen.
Die Kugel hat 432,225 Meter Durchmesser, davon eine 10,748 Meter dicke Stahlhülle und darin 76,1552 Billionen Kilogramm Gold. Ein Fund, weit jenseits der Vorstellungen jeden Prospektors.
Damit hätte Marvin bis zum Ende seiner Existenz ausgesorgt. Sie ebenso. »Im Vergleich zu den 290 Millionen Kilogramm Gold auf der Erde sind wir jetzt unermesslich reich«, erzählt Helena. Wohl wissend, dass Marvin sie nicht hören kann. Sie hofft, dass seine Speicher noch intakt sind. Dass er auf der Erde wiederbelebt werden kann.
»Was wirst du mit all dem Geld machen?«
Marvin hat einmal von einer eigenen Insel mit Traumhaus, Privatjet und eigener Landebahn gesprochen. »Das kannst du dir jetzt spielend aus der Portokasse leisten. Zumindest solange wir nicht zu viel Gold auf einmal auf den Markt werfen, da sonst der Preis ins Bodenlose stürzt.«
Helena vermisst ihren Lebensgefährten. Der Schmerz lähmt. Aber außer ihr gibt es niemanden auf dem Raumschiff, der handeln kann. Sie ist das Raumschiff. Alles hängt jetzt von ihr ab.
Immer noch starrt sie auf die Sphäre. »Welches Geheimnis birgst du?« Aschgrau starrt der Fund zurück. Schließlich reißt sie sich von dem Anblick los und beginnt die nächsten Schritte zu planen. Einen kleinen Schritt nach dem nächsten. Mehr geht nicht. Der Goldschatz muss unauffällig zum Mond gebracht werden. Dort kann er in Ruhe zerlegt werden. Sie sammelt Gesteinsbrocken, um das Objekt zu tarnen, weist einen Roboter an, die Triebwerke zu montieren und schickt das Paket auf die Reise. Begleitet von Hoffnungen. Hoffnung für sich, Marvin und ihren Sohn.






3.  Benachrichtigung


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[Anm. des Autors: Man verzeihe die verspätete Aktivierung des Übersetzungsprogramms Babelfisch 2047v 3.1. Die Nachricht von dem 53,6 Lichtjahre entfernten Planeten Wazramon kam unerwartet zu nachtschlafender Zeit.]
»… Signal wurde empfangen.«
»Die Atlanter sind wieder aufgetaucht? Jetzt schon? Ist das verifiziert worden?«
Die Stimme des Fragenden donnert durch die ehrwürdige Regenbogenhalle. Sowohl die Säulen als auch die Kuppel sind aus einem einzigen Diamanten geschnitten. Die unglaublich riesige Ansammlung von Kohlenstoff in seiner wertvollsten Form stammt von einem untergegangenen Planeten, dessen Name bereits vergessen war, bevor an den Edelstein Hand angelegt wurde.
»Ja, Admiral Gigantus. Es gibt keinen Zweifel.«
Der oberste Befehlshaber der Sternenflotte der aggressivsten Rasse des Universums benutzt drei seiner Tentakel, um eine dreidimensionale Darstellung des betreffenden Raumsektors aufzuspannen. In Ruhe betrachtet er die Szene. Schließlich wendet er seine Aufmerksamkeit wieder seinem Adjutanten zu. »Gut. Die Purge1717 soll startklar gemacht werden.«
Der Major hebt die Augenbrauen. [Anm. des Autors: Er drückt auf Art der Bewohner des Planeten Wazramon Erstaunen aus. Leider ist es mir nicht möglich, die tatsächliche Veränderung des entsprechenden Körperteils der im Wasser lebenden Mennerianer adäquat zu beschreiben.]
»Sir, Ist das unbedingt notwendig? Die Purge1414 sollte reichen.«
»Wir gehen kein Risiko ein, Major Rasino. Dass wir die Atlanter einmal besiegt haben heißt nicht, dass es diesmal wieder ein Kinderspiel wird. Das zeigt sich allein dadurch, dass sie früher wieder aufgetaucht sind, als erwartet. Obwohl wir ihren Heimatplaneten zerstört haben. Unser stärkstes Kampfschiff ist gerade gut genug.«
»Jawohl Sir!« »Allerdings ...«, fügt er nach einer kurzen Pause hinzu.
»Allerdings was?«, blafft ihn sein Vorgesetzter an.
»Sir, wenn wir die Purge1717 schicken, dann ist kein Schiff mehr mit Overkill 4 Bewaffnung in der Nähe. Falls wir angegriffen werden sollten, müssen wir uns mit Overkill 3 verteidigen.«
»Was soll das heißen, Major?«, echauffiert sich der Admiral. Vor lauter Aufregung schwebt er zur Kuppel hoch und blickt auf seinen Untergebenen herab. Über ihm bricht sich das Sonnenlicht in allen Farben. Bunte Fetzen jagen sich gegenseitig über die gewölbte Oberfläche. »Als ich in ihrem Alter war, hatten wir Overkill 2. Damit haben wir alles vernichtet, was es zu vernichten gab. Bei der Raumschlacht im westlichen Tarantelnebel waren wir nicht nur zahlenmäßig, sondern auch waffentechnisch unterlegen. Trotzdem haben wir einen grandiosen Sieg errungen. Auf die Intelligenz hinter der Waffe kommt es an. Die Waffe selbst ist sekundär. Strategie und Taktik! Sie sind noch zu jung, um zu wissen, wer damals das Kommando führte. Das sollten Sie nachholen«, kanzelt er seinen Adjutanten ab.
»Natürlich weiß ich das, Sir«, beeilt er sich zu sagen. Den legendären Sieg haben wir Ihrer genialen Strategie zu verdanken.“
»Gut! Wenigstens etwas, das Sie auf der Raumakademie gelernt haben. Ach und noch was, Major. Sorgen Sie dafür, dass die Sache so schnell wie möglich erledigt wird.«
»Sie autorisieren Warp 10?«
Admiral Gigantus quittiert die Frage mit einem stechenden Blick. »Warp 10 reicht nicht. Ich erwarte, dass unser Schiff in drei Jahren dort ankommt. Ich befehle Warp 15. Der Kapitän soll unterwegs tanken. Bei der Auswahl der Sonne unterliegt er keinen Einschränkungen.Bloß keine Umwege machen. Es gibt ja genügend von dem Zeugs.«
»Jawohl Sir«, verabschiedet sich Rasino.
Beim Verlassen der Halle verharrt der Major zwischen den Säulen. Sein Blick ruht auf dem Garten, der sich vor ihm ausbreitet. Ein Meisterwerk mit den schönsten Blumen und Pflanzen des Planeten. Lichtflecken tanzen auf den Blüten und Blättern. Er sieht zur Oberfläche hoch, wo die Sonnenstrahlen von den Wellen gebrochen werden.
Der Offizier katapultiert sich mit einem kräftigen Stoß seiner Fangarme von den Kristallsäulen und gleitet über das botanische Kunstwerk dahin. Zu dieser Tageszeit herrscht geschäftiges Treiben. Horden von Mennerianern strömen in die Halle oder verlassen sie eilig mit wichtigen Aufgaben.
Inmitten der Anlage nimmt ein tiefer Riss seinen Anfang. Wie die hässliche Narbe, im perfekten Antlitz eines hübschen Mädchens. Er stört und irritiert das Auge des Betrachters. Eine Narbe, die an die Ereignisse vor über 15231 Jahren erinnert. Trotz der vielen Zyklen kennt die Geschichte jedes Kind auf Wazramon. Der Major erinnert sich daran, wie er sie das erste Mal von seinen Eltern hörte. Von Generation zu Generation wird sie weitergeben, damit die Apokalypse nie in Vergessenheit gerät. Der Tag, an dem eine bis dahin unbekannte Rasse auftauchte und ein Ultimatum stellte. Sie forderten sämtliches Gold des Planeten und drohten mit der völligen Zerstörung.
Die Mennerianer ahnten nicht, dass die Fremden ihre Forderung wörtlich meinten. Sie wollten nicht das bisschen Gold, das die Mennerianer bis dahin von der Oberfläche gefördert hatten, sondern vor allem das Gold aus dem Planetenkern.
Hilflos mussten sie mit ansehen, wie ihr Planet angebohrt und das Gold aus dem Kern extrahiert wurde. Der Prozess ging nicht spurlos an Wazramon vorüber. Nur widerwillig gab er seinen Schatz preis. Er wehrte sich mit Planetenbeben und spuckte Lava ins Weltall. Tiefe Risse taten sich auf und verschlangen riesige Teile des Meeresbodens. Inseln versanken, während an anderer Stelle neues Land aufstieg. Milliarden Mennerianer wurden Opfer der Katastrophe. Mit knapper Not konnten sie damals ihre Zivilisation retten.
Erst viele Jahre später erfuhren sie mehr über die Frevler. Ein Satellit hatte alles aufgezeichnet. Die Auswertung der Daten offenbarte ihnen ein Geheimnis. Das wahre Geheimnis von Gold. Sie beschlossen es sollte für immer ihr Geheimnis bleiben. Niemand sollte je davon erfahren. Sie würden alles tun, dass keine andere Rasse jemals einen Entwicklungsstand erreichte, auf dem sie den wirklichen Wert von Gold herausfinden konnten.
Sie wussten nicht, wer die Fremden waren und woher sie kamen. Aber sie schworen, sie zu finden und sich an ihnen zu rächen. Noch immer, selbst nach über 15000 Jahren schwor jeder Mennerianer diesen Schwur. Ohne Ausnahme. Wie jeder von ihnen hoffte Rasino, dass die Frevler zu seiner Lebzeit erwischt wurden. Vielleicht bei dieser Mission.

4.  Zwei Jahre später

»Mum, es ist halb vier Uhr morgens. Wieso rufst du mich um diese Zeit an?«
»Entschuldige, ich wollte nur sichergehen, dass du zu Hause bist und ich dich dort erreiche.«
Der junge Mann reibt sich die Augen. »Welcher Schlüssel?«
»Sieben.«
Rigo Kscieszyk schießt hellwach aus dem Bett. Das Mädchen neben ihm protestiert, dreht sich um und schläft weiter. Immer wenn seine Mutter einen der kostbaren Quanten-Kryptokeys verlangt, hat sie eine wichtige Botschaft. Sie muss etwas Wertvolles gefunden haben.
Rigo beschließt, dass Lina erst mal nichts davon wissen muss. Er eilt ins Arbeitszimmer und weckt seinen Rechner aus dem Sleep Mode. Wenige Sekunden später steht die verschlüsselte und nicht abhörbare Verbindung mit seiner Mutter. »Schieß los«, fordert er atemlos.
Helena erzählt ihrem Sohn über den Fund von 2057 MA und dem Gold.
»Mum, habt ihr den Verstand verloren, du und Marvin? Ihr könnt doch nicht den Beweis für außerirdisches Leben so mir nichts dir nichts vernichten!«
»Mein Sohn, von außerirdischem Leben können wir keine Rechnungen bezahlen. Du weißt genau, dass der Kredit für das Raumschiff in genau zwölf Monaten, zwei Wochen und drei Tagen fällig wird. Von den 994 Millionen Euro fehlen uns noch 870 Millionen. Wenn auch nur ein Bit von dieser Story durchsickert, wird unser Fund sofort beschlagnahmt. Dann sind wir mehr als bankrott.«
»Trotzdem Mum. Geld ist nicht alles …«
»Für uns schon. Hast du dir mal überlegt, wie dein Leben aussieht, wenn du als Lohnsklave auf einer Mondkolonie für die AstroMining Inc. arbeiten musst? Wenn dein sowieso schon karger Lohn gepfändet wird, dir lediglich das Standardessen bleibt und du mit sieben anderen auf einem Zimmer hausen musst? Und das bis ans Ende deines Lebens?«
Rigo sieht ein, dass seine Mutter über die besseren Argumente verfügt. »Also gut, was soll ich tun?«
Helena erklärt ihren Plan. Er ist kompliziert.
»Aber Mum, das bedeutet ja, dass ich die nächsten zwölf Monate auf dem Mond verbringen muss.«
»Ah hast du endlich eine Freundin gefunden? Wie heißt sie?«
»Lina. Mum, ich …«
»Nimm sie mit«, befiehlt Helena.
»Das geht nicht. Lina ist ein Partygirl. Auf so eine Mission in die Einsamkeit geht die niemals mit.«
»Papperlapapp! Du hast keine Wahl. Entweder sie kommt mit oder du verlierst sie sowieso.«
»Ich will sie nicht verlieren. Sie sieht hammermäßig aus. So eine finde ich nie wieder.«
»Sieh’ es mal so. Wenn sie freiwillig mitkommt und bleibt, liebt sie dich. Wenn nicht, wäre aus euch sowieso nichts geworden.«
Rigo schüttelt den Kopf ob der Kaltschnäuzigkeit seiner Mutter. Er fragt sich, ob das jahrelange Zusammenleben mit Maschinenintelligenz im Raumschiff nicht auf ihre Psyche abfärbt.
Ein Geräusch im Schlafzimmer lässt ihn auf die Uhr schauen. Gleich würde der Wecker klingeln. Zeit das Gespräch zu beenden.
»Wann kommst du?«, fragt er.
»Kurz, nachdem das Paket in Sicherheit ist.«
»Kannst du nicht früher kommen? Mit diesem Schatz brauchen wir nie mehr zu arbeiten.«
»Das ist viel zu riskant. Jeder Prospektor, der zurückkommt, bevor der Treibstoff alle ist, erregt Verdacht. Das weißt du doch. Rigo hör mir zu! Wir dürfen nicht den kleinsten Fehler machen. Hast du verstanden?«
Natürlich versteht Rigo, was von ihm erwartet wird. Trotzdem fühlt er sich unwohl bei der Sache. Sie erwartet, dass er den Platz seines Vaters einnimmt. Sie hat ihn nie gefragt und ihm nie die Chance für eine Alternative gegeben.
Dies würde seine erste Mission zum Mond ohne seinen Vater werden. Er hatte nicht vor, sie alleine durchzuführen. Rigo warf einen Blick auf die Frau in seinem Bett. Wie jung sie im Schlaf aussieht. Fast noch ein Mädchen. Trotzdem war sie nur zwei Jahre jünger als er.
Sie tat ihm leid. Doch er musste auch an sich denken. Auf keinen Fall würde er alleine zum Mond fliegen.

 

5.  Überraschungen

»Du Schuft«, schimpft Lina wütend. »Du bist ja so gemein« Du hast mir nicht gesagt, dass du mich zur einsamsten Stelle der Welt verschleppst. Sektor QY23C ist ja über 2000 Kilometer von hier, auf der Rückseite des Mondes.“
Lina macht eine Szene, mit der sie die Aufmerksamkeit aller Anwesenden im Restaurant »Earthlight« auf sich zieht. Rigo ist das nur recht.
»Schatz, es tut mir leid. Aber der Asteroid muss unterwegs abgelenkt worden sein. Das kommt hin und wieder vor.«
»Dann lenk ihn zurück. Oder bist du zu doof dafür?«
»Jetzt werd’ nicht beleidigend«, gibt Rigo lauter werdend zurück. »Ich habe die Flugbahn bereits so weit wie möglich korrigiert.«
»Dann bleibe ich hier«, schnaubt die junge Frau wütend.
»Bitte, wenn du das Hotel selbst bezahlst«, zeigt er trocken die Konsequenzen. »Hast du dir schon mal überlegt, was du die nächsten 12 Monate alleine in dieser Herberge machen wirst?«
»Dann will ich auf der Stelle wieder zurück zur Erde.«
»Wenn du den Vertrag brichst, bekommst du nichts vom Gewinn ab.«
Lina faucht wütend. »Das wagst du nicht. Ich verklage dich.«
Rigo blickt sie wortlos an, sagt aber nichts. Das Mädchen springt auf und schießt nach oben. Ihr Freund und die anderen Gäste nehmen den Anfängerfehler wortlos zur Kenntnis.
Lina kocht vor Wut. Nicht nur, dass sie von Rigo hereingelegt wurde, nun passiert ihr nun auch noch das Missgeschick. Zum Glück lacht niemand. Es gelingt ihr, die Fassung zu bewahren. Mit wütendem Gesichtsausdruck und verschränkten Armen wartet sie ab. Es dauert bis sich der Impuls an der Schwerkraft des Mondes abgearbeitet und sie wieder Boden unter den Füßen hat. Dann flitzt sie aus dem Restaurant. Das Essen bleibt unberührt.
Die zwei Minenarbeiter an der Bar haben die Szene verfolgt. Die Strahlung und die trockene Luft der Mondhabitate hat ihre Haut vorzeitig altern lassen. Sie ist schrumpelig und wirft mehr Falten als Sterne von der Rückseite des Mondes aus zu sehen sind. »Das Mädchen tut mir leid. Er hat sie reingelegt.«
»Der Junge ist schlau. Mit der würde ich auch gerne die nächsten zwölf Monate allein verbringen. Die Maschinen machen die Arbeit und sie kann nirgendwo hin. Zum nächsten Nachbarn sind es knapp 2000 Kilometer.«
»Beneidenswert. So jung müsste man noch mal sein.«
»Was soll das heißen? Du bist doch gerade erst 60 geworden.«

***

»Du könntest ruhig auch mal das Steuer übernehmen«, fordert Rigo.
Lautlos rollt eine Flotte von riesigen Bergbaumaschinen über die Mondoberfläche. Seit hunderten Kilometern liefern sich Krater und Gesteinsbrocken einen Wettbewerb, wer die eintönigste Landschaft hervorbringen kann. Sie geben das sichere Versprechen, dass es die nächsten 1500 Kilometer so bleiben wird. Lina kämpft mit dem drängenden Bedürfnis, aus der Enge der Kabine und der Monotonie der Landschaft ausbrechen zu müssen. Notfalls ohne Raumanzug.
»Wieso? Das Monster fährt doch von alleine«, giftet Lina immer noch sauer zurück. »Oder hast du Angst, vom Gegenverkehr überrollt zu werden?«
»Red‘ keinen Unsinn. Sicherlich fahren unsere Maschinen von alleine. Aber das nicht zu überwachen ist viel zu riskant. Die Gegend ist noch nicht erschlossen und schlecht kartographiert.«
Lina wirft einen abschätzenden Blick auf die Steuerkonsole. Die Bedienelemente verwirren sie. In ihr regt sich Widerstand. Anstelle sich in den lunaren Kasinos zu vergnügen soll sie nun auch noch arbeiten. Wozu hat sie eigentlich all die schicken Outfits mitgenommen, wenn Rigo der Einzige ist, der sie darin bewundert. «Für sowas bin ich nicht angezogen.«
Rigo schüttelt den Kopf und grinst. »Quatsch. Dein Dancefloor Outfit ist hervorragend dafür geeignet. Du musst lediglich noch das Headset aufsetzen, damit der Computer deine Gedanken für die Steuerung interpretieren kann.«
»Von solcher Arbeit steht nichts in meinem Vertrag.«
Rigo zuckt die Schultern. »Wie du willst. Machen wir halt eine Pause. Umso länger dauert es, bis wir den Job erledigt haben.«
Lina macht ein Gesicht als hätte sie in einen Apfel gebissen und dann einen halben Wurm entdeckt. Der Junge hat Mitleid mit seiner Freundin und nimmt sie in den Arm. Lina ist so verstört, dass sie ihn gewähren lässt. Tränen kullern über ihre Wangen.
»D … Du hast mir versprochen, dass wir zumindest die Wochenenden in den lunaren Vergnügungsparks verbringen werden«, presst sie schluchzend hervor. »Jetzt müssen wir an den abgelegensten Ort des Universums. Ich halte das nicht aus.«
Lina presst ihr Gesicht an seine Schulter und Rigo spürt wie ihre Tränen sein T-Shirt durchnässen. Er versucht sie zu beruhigen und streichelt ihr über den Rücken. »Ich weiß. Aber es geht nicht anders. Ich konnte es dir nicht vorher sagen, aber Helena und Marvin haben den Jackpot geknackt.«
»Den Jackpot? Was heißt das?«, fragt sie verwundert.
»Sie haben im Asteroidengürtel Millionen Tonnen von Gold gefunden. Es ist der größte Goldfund, der überhaupt jemals gemacht wurde. Wir sind unermesslich reich. Allein dein Anteil beträgt 5 Milliarden Euro.«
All das Elend und Qual sind schlagartig verschwunden. Vor Rigo steht ein überglücklich strahlendes Partygirl. »F … fünf Milliarden?«
Plötzlich wird sie ernst. Misstrauisch blickt sie ihren Freund an und befreit sich aus seinen Armen. »Das sagst du doch bloß, um mich ruhig zu stellen. Mein Anteil beträgt 5 Prozent. Dann müsste der Fund jaaaaa - Moment mal – 100 Milliarden Wert sein.«
»Ganz genau«, nickt Rigo, während er sich fragt ob seine Freundin den Betrag selbst errechnet oder Google’s Context Guided Precognition die mögliche Frage aus dem Zusammenhang erkannt und die Antwort in ihre Augmented Reality einspielte.
Lina blickt ihm tief in die Augen. Nein, Rigo spielt nicht mit ihr, steht dort geschrieben. Sie lächelt. Aus dem Lächeln wird ein Grinsen. Mit einem Schrei stürzt sie sich auf ihn.
»Ist ja gut, Liebes. Zum Freuen hast du die später noch genug Zeit. Jetzt liegt erst einmal eine Menge Arbeit vor uns. Wir haben wenig Zeit. Lass mich dir die Steuerung erklären. Es ist ganz einfach …«

***
»Du bist dran.«
»Mmmmm«
»Raus aus den Federn, oder ich komme mit dem Wassereimer wieder.«
Mühsam quält sich Lina aus dem Bett. Verschlafen reibt sie sich die Augen. »Wehe, du machst das noch mal. Ich bring’ dich um.«
Rigo ist zu müde, um lange zu argumentieren. »Bagger 3 hat eine Panne mit der Kette. Dein Problem.« Dann lässt er sich aufs Bett fallen und ist eingeschlafen, bevor die Matratze aufhört zu schwingen.
»Wieso können die Maschinen sich nicht von alleine reparieren?«, fragt sie zum gefühlt hunderttausendsten Mal. Selbst wach hätte Rigo diese Frage nicht beantwortet. Er hatte es bereits beim fünfzigtausendsten Mal aufgegeben.
»Ja ich weiß«, fährt Lina fort. In letzter Zeit redet sie immer öfter mit sich selbst. Es hilft ihr, nicht verrückt zu werden. Nach zwölf Monaten Meteoritengestein Abbauen und Baggern sind beide so erschöpft, dass sie so gut wie nicht mehr miteinander sprechen. Lina ist ein Gesellschaftsmensch. Sie war vorher noch nie länger als drei Stunden alleine gewesen. »Maschinen, die sich vollständig alleine steuern und reparieren können, sind seit neun Jahren als intelligent eingestuft und haben die gleichen Bürgerrechte wie Menschen. Maschinen, die nicht intelligent sind, können nicht alles. Deshalb müssen sie überwacht werden.«
Lina nimmt sich einen Becher aus dem Kühlschrank »Hallo Frühstück«, begrüßt sie ihr Essen, trinkt die Fertignahrung in einem Zug aus und setzt sich an die Steuerkonsole. Körperlich ist sie kaum gefordert. Aber das Steuern der Maschinen mit den Gedanken erfordert höchste Konzentration.
»Mal sehen, was mit den Ketten los ist.« Lina dirigiert einen der Roboter zu Bagger 3. Über das Interface versenkt sie sich in den Androiden. Schlagartig steht sie auf der Mondoberfläche. Die Faszination dieser Empfindung ist noch immer nicht verflogen. Das Eintauchen in eine virtuelle Welt ist sie von Cyberspielen gewohnt. Die Empfindung, auf dem Mond zu stehen, ist immer noch etwas Besonderes. Die Sensoren der humanoiden Maschine nehmen Informationen über die Umwelt auf und wandeln sie in elektrische Signale um. Ein Computer überträgt sie so auf das Gehirn, dass sie von echten Gefühlen nicht zu unterscheiden sind.
»Ahhhh«, genießt Lina den Augenblick. Sie nimmt sich Zeit, den groben Staub unter den nackten Fußsohlen auf sich wirken zu lassen. Währenddessen laufen die Prozessoren heiß, um die Illusion einer lebensfreundlichen Umgebung aus der tödlichen Realität der Mondoberfläche herauszurechnen.
Nichtsahnend gräbt sie ihre Zehen in den Sand, während sie einen Blick nach oben wirft. Ohne Atmosphäre und störendes Sonnenlicht breitet sich über ihr ein unglaublicher Sternenhimmel aus. Mit den Objektiven des Roboters zoomt sie auf Jupiter und bewundert seinen Ring und die Monde. Stundenlang könnte sie dieses Naturschauspiel genießen. Nur mit Mühe reißt sie sich davon los.
Die angelernte Maschineninstandhalterin tritt an den Bagger heran und begutachtet den Schaden. »Kettenbruch«, lautet die fachkundige Diagnose. Routiniert macht sie sich an die Arbeit. Nebenbei steuert sie noch zwei andere Roboter, die ihr assistieren. Trotzdem dauert das Auswechseln des gebrochenen Kettenglieds über eine Stunde.
Noch bevor sie damit fertig ist, hat sich der Gesteinzermahler wieder einmal an einem Asteroidenbrocken festgefressen. Vermutlich ist er wieder auf ein weiches Metall gestoßen. Meistens war das Blei. »Ja, ist ja schon gut«, beruhigt Lina die Maschinen. »Ich komme gleich. Was soll die Hektik? Ich bin hier bei der Arbeit und nicht auf der Flucht.«
»Nur so fürs Protokoll«, notiert Lina in ihr Tagebuch. »Ich halte fest, dass es heute, am 26. April, keine besonderen Vorkommnisse gab. Der Tag hat mit Problemen begonnen und wird mit Problemen enden. So wie alle anderen Tage auch, seit wir hier im Sektor QY23C Asteroidengestein abbauen und ein riesiges Loch graben.«
Schließlich zeigt ein Signal an, dass ihre 12-Stundenschicht zu Ende ist. »Alles in allem hatte ich heute 83 Minuten Pause. Gar nicht so schlecht«, fasst sie zusammen. Todmüde wuchtet sich Lina aus der Steuerkonsole und schleppt sich zum Bett. »Aufwachen Rigo«, ruft sie matt. »Your Turn.«
Ihr Freund reagiert nicht. Lina hat ihre eigene Methode, damit umzugehen. Kurzentschlossen packt sie seine Beine und zieht ihn aus dem Bett. Polternd landet Rigo auf dem Boden. »Hey, du Unmensch«, schimpft Rigo, während er sich verschlafen aufrappelt. »Wieso bist du so grob zu mir? Ein liebevoller Kuss hätte es auch getan.«
»Kannst du haben.« Lina umarmt ihren Freund und zieht ihn auf die Schlafstatt. Obwohl Rigo bei dem Kuss alles gibt, ist sie nach wenigen Sekunden eingeschlafen.«
Gerade als er sich in die Steuerkonsole setzen will, erhält er einen Anruf. »Mum, wie geht es dir?«
»Wie weit sei ihr mit dem Loch?«
Rigo zieht irritiert die Augenbrauen hoch. Der Verlust an Emotionen bei seiner Mutter ist nicht mehr zu übersehen. Die Integration ihres Gehirns in die Steuerung des Raumschiffs hat offenbar Langzeitfolgen für ihre Gefühle. »Kein Grund zur Sorge. Wir sind voll im Plan. In zwei Tagen sind wir fertig.«
»Gut. Unser Paket kommt in vier Tagen, sechs Stunden, zweiundvierzig Minuten und sechsunddreißig Sekunden an. Es muss vollständig unter der Oberfläche verschwinden. Auf keinen Fall darf die Goldkugel oder Teile davon sichtbar über der Mondoberfläche auftauchen. Das wäre der Super-GAU. Du weißt, wie gefährlich die Situation ist. Wenn nur das kleinste Gerücht aufkommt, dass es hier Gold zu holen gibt, dann werden sich alle Minenarbeiter auf uns stürzen wie die Wölfe auf eine gerissene Kuh.«
»Ja Mum, ich weiß Bescheid. Du kannst dich auf mich verlassen.«
»Enttäusch mich nicht! Irgendwelche verdächtigen Aktivitäten?«
»Nein, Mum. Wir sind so abgelegen hier, dass nicht ein einziger Kumpel mal vorbeigeschaut hat. Lina hat im »Earthlight« eine geniale Szene abgezogen. Die glauben alle, dass wir aus Verzweiflung so weit abgelegen unser Glück versuchen.«
****
»Noch 60 Sekunden bis zum Aufschlag.« Es ist kurz vor Sonnenaufgang auf der Mondrückseite. Per Radar verfolgen Lina und Rigo das sogenannte Paket, wie es sich dem Sektor QY23C nähert. Helenas Sohn überprüft die Daten. Kritisch zieht er die Stirn in Falten. Dann gibt er ein Kommando die Flugbahn zu korrigieren.
Lina kann mit bloßen Augen den dünnen Raketenstrahl sehen. Schließlich ist Rigo zufrieden. »Es kommt perfekt. Genau in der Mitte unseres Mega-Lochs.«
Dann der Moment. Lautlos schlägt der Meteorit in den künstlichen Mondkrater ein. Die Wirkung ist verheerend. Selbst in 30 Kilometer Entfernung wird ihr mobiles Mondhabitat von der Bodenwelle einige Meter hochgeschleudert. Geröll und Staub spritzten aus dem Loch und schießen endlose Sekunden ungebremst ins Weltall. Die kinetische Energie bahnt sich ihren Weg in das umliegende Gestein und bringt es zum Schmelzen. Kirschrote Lava kriecht vom Einschlagskrater in alle Richtungen davon.
»Irgendwelche Schäden?« Fragt Rigo besorgt, nachdem nur noch kleinere Mondbebenwellen von der Aufschlagstelle ausgehen.
»Keine Bleibenden«, antwortet Lina und massiert sich den Nacken. »Zum Glück habe ich auf deinen Rat gehört und mich angeschnallt.«
Rigo lächelt seine Freundin an. »Schön! Ich wollte allerdings wissen, ob unser Fahrzeug, was abbekommen hat.«
Verwirrt sieht sie ihn an. »Was fragst du mich? Schau auf den Statusmonitor.«
»Schon gut, Liebes. Fast alles grün. Jetzt bin ich aber gespannt, was Mum uns da geschickt hat.«
Rigo aktiviert die Düsen und hebt mit dem kleinen Mondgleiter von dem riesigen Fahrzeug ab, das gleichzeitig ihr Heim, Versorgungseinheit und Steuerzentrale ist.
Während er auf den Einschlagkrater zufliegt, durchbricht Lina die Stille. »Das ist also der Gleiter, mit dem du mir versprochen hast, jedes Wochenende zu den lunaren Vergnügungsparks zu fliegen.«
»Ja. Tut mir leid, dass das nicht ganz so gekommen ist. Aber jetzt sind wir unermesslich reich. Wenn du willst, kannst du den Rest deines Lebens in den teuersten Clubs und Kasinos des Sonnensystems verbringen.« Nach einer Sekunde fügt er noch hinzu: »Mit mir zusammen natürlich.«
Schließlich sind sie nahe genug, um von oben in den Krater zu blicken.
»Fantastisch«, bewundert Lina die vom flüssigen Gestein im warmen Rot illuminierte Szenerie. Unter ihnen bietet der geborstene Stahlmantel gelblich glühend ein bizarres Kunstwerk.
Rigo ist entsetzt. »Wo ist das Gold?«
Lina blickt ihn verwirrt an. »Wie meinst du das? Die Moderne Kunst dort unten ist kein Gold?«
»Nein, ganz und gar nicht.«
»Das glänzt aber wie Gold«
»Wirf mal einen Blick auf die Daten. Das ist astreiner Damaszener Stahl. Aber kein Gold.«
Jetzt ist Lina auch entsetzt. »Soll das …«, fängt sie an, während sich Tränen in ihren Augen sammeln. »Soll das heißen, die ganze Schinderei war umsonst?«
Rigo ist sprachlos und wirft einen verzweifelten Blick nach oben, als hoffe er, es könne noch was nachkommen. Etwas stört, zieht seine Aufmerksamkeit auf sich. »Was ist das? Siehst du das auch?«
Lina folgt seinem Blick. »Da ist irgendwas, das den Sternenhimmel verzerrt. Seltsam.«
Rigo scannt sämtliche Instrumente, die zeigen aber nichts Ungewöhnliches. Wenn man einmal von den Daten aus dem Einschlagskrater absieht. Dort herrschen Temperaturen, gegen die die Hölle eine Oase der Erfrischung ist.
»Etwas passiert da oben«, berichtet Lina.
Rigo verschiebt seine Konzentration zurück in die reale Welt. »Das sieht jetzt aus wie Wellen.«
»Ja, wie ein See, der von einem Sturm aufgepeitscht wird«, pflichtet Lina bei.
Dann zeigen sich Risse im Raum. Etwas Gelbes blitzt da und dort auf. Mit einem Mal schwebt eine über 400 Meter große Kugel im Raum. Genau in diesem Moment trifft ein Strahl der aufgehenden Sonne das Objekt und bringt es weithin zum Glänzen.
Rigo zuckt zusammen. Was hatte sie gesagt? Weithin sichtbares Erscheinen der Goldkugel über der Mondoberfläche dürfe auf keinen Fall passieren? »Das ist eine Katastrophe. Wie soll ich das meiner Mum erklären?« Presst er entgeistert hervor.
Für einen Sekundenbruchteil schwebt die Goldkugel noch einige hundert Meter über dem Krater. Dann beginnt sie zu fallen. Nur wenige Meter vor ihrem Gleiter stürzt die Sphäre in die Tiefe.
Mit voller Wucht platscht sie in die frisch geschlagene Wunde, zerquetscht das Stahlkunstwerk und presst die Lava aus dem Becken. Wieder rasen Mondbebenwellen über die Mondoberfläche.
Spritzer flüssigen Gesteins treffen den Gleiter. Sofort geht der Alarm los und sämtliche kritischen Statusanzeigen wechseln von Grün auf Rot. »Das Haupttriebwerk ist ausgefallen«, stellt Rigo fest. Schnell verlieren sie an Höhe. Der Pilot muss eine Entscheidung treffen. Um aus dem Bereich flüssigen Gesteins zu kommen reicht es nicht mehr. Er entscheidet sich für die einzige Alternative.

***


»Ich werd‘ verrückt. Ethan, das musst du dir ansehen!«
»Hmmm brummt dieser verschlafen. Was soll ich mir ansehen?«
»Da, im Sektor QY23C. Da ist gerade was eingeschlagen. Das ist höchst sonderbar.«
»Jim! Was soll das, mich dafür aus meinem Schönheitsschlaf zu wecken? Timaios Space Mining hat den Einschlag angekündigt. Ich hoffe für den Jungen, dass sie endlich mal was gefunden haben. Wenn nicht muss er spätestens in einem halben Jahr für den Rest seines Lebens als Minensklave schuften. Das hat er nicht verdient. Ich mag den Kerl.«
»Na dann sieh es dir mal an. Den seismischen Daten zufolge hat dort soeben ein Meteorit mit einem Gewicht von 76,1552 Billionen Kilogramm eingeschlagen.«
»Na und? Ein großer Brocken eben.«
»Ja, aber er kann kaum größer als 400 Meter sein. Das heißt, die Dichte wäre ca. 22 Gramm pro Kubikzentimeter«
Ethan steht vor Staunen der Mund offen.
»Wenn das stimmt und ich sage WENN, dann gibt es nur wenige Materialien, die dafür in Frage kommen. Allesamt extrem wertvoll. Bist du dir sicher, dass die Daten stimmen?«
»Absolut nicht. Es ist völlig unmöglich, dass jemand über 70 Billionen Kilogramm dieser seltenen Materialien findet. Völlig ausgeschlossen.«
»Genau! Aber was dort wirklich los ist, sollten wir uns unbedingt ansehen. Schalt mal auf die Satellitenkamera.«
Sekunden später blicken sie von oben auf einen brodelnden Einschlagkrater. Das warmrote Glühen der Lava spendet genügend Licht um die Szenerie so weit zu erhellen, dass die Kamera ein Bild liefern kann.
In diesem Moment taucht über dem Krater eine Kugel auf. Im Licht der aufgehenden Sonne erstrahlt sie wie pures Gold. Jim und Ethan trauen ihren Augen nicht. Doch die unbestechlichen Detektoren des Satelliten identifizieren zweifelsfrei das Material, aus dem das Objekt besteht. Gold.

6. Bekanntmachungen

Mit viel Geschick und Unterstützung der automatischen Steuerung gelingt es Rigo, auf der Goldkugel zu landen. Ein harter Stoß verkündet den Kontakt.
»Auuua!« Schreit Lina. »Ich hab‘ mir auf die Sunge gebichen.«
»Glück im Unglück«, kommentiert Rigo.
»Wach?« Fragt Lina konsterniert.
»Wir leben noch.«
»Timaios Space Mining hört ihr mich?« Kommt ein stark gestörter Funkspruch vom Hauptquartier der UNaSMiC auf der erdzugewandten Seite des Erdtrabanten.
»Hier ist Rigo Ksciezyk. Gut, dass ihr anruft. Wir haben einen Notfall. Wir brauchen dringend Hilfe!«
Doch anstelle einer Antwort wird die Rufmeldung wiederholt. Schließlich dämmert den beiden, dass sie nicht gehört werden. »Vermutlich die Antenne. Unser Funksignal ist zu schwach, um den nächsten Satelliten zu erreichen«, schlussfolgert Rigo.
»Und wach machen wir jes?« Fragt Lina mit schmerzverzerrtem Gesicht und Tränen in den Augen.
Rigo rätselt, ob die Tränen von den Schmerzen kommen oder dem Ernst der Lage geschuldet sind. »Erst mal um deine Zunge kümmern. Im Med-Kit ist sicher etwas gegen die Blutung und die Schmerzen.
                                                                       ***

»Gold? Hast du soeben Gold gesagt?«
»Pssst, nicht so laut du Vollmongo. Das muss doch nicht gleich jeder wissen.«
»’tschuldige. Woher weißt du das, mit dem … du weißt schon«, flüstert der Minenarbeiter deutlich leiser.
Der Andere schwenkt nachdenklich den historischen Brandy. Er lässt sich Zeit mit der Antwort und gönnt sich erst mal einen Schluck. Genussvoll spürt er der altehrwürdigen Flüssigkeit nach, wie sie vom Rachen über die Speiseröhre in den Magen hinab gleitet und unterwegs wohlige Wärme verbreitet. »Von der UNaSMiC. Du weißt ja, dass ich den Funkverkehr abhöre. Der ist zwar verschlüsselt aber das ist kein Problem für mich. Es besteht kein Zweifel.«
»Ausgezeichnet. Wo müssen wir hin?«
»Nicht hier. Komm wir verschwinden. Hier gibt es für meinen Geschmack zu viele Augen und Ohren.«
Innerhalb weniger Stunden verbreitet sich die Nachricht wie ein Lauffeuer. Zuerst auf dem Mond und dann auf der Erde. Kurz darauf ist alles, was im weitesten Sinn für raumtüchtig gehalten wird, unterwegs zur Rückseite des Mondes.
                                                                     ***

Mit einer Geste leitet der 1. Offizier der Purge1717 das Bremsmanöver ein. Die Geschwindigkeitsanzeige reagiert und beginnt langsam, niedrigere Werte als 15,4-fache Lichtgeschwindigkeit anzuzeigen. Seine Aufmerksamkeit ist auf eine andere Anzeige gerichtet. Dort sieht man, wie das Raumschiff von einer Raumzeitwelle durch das Universum getrieben wird.
Langsam kehrt sich die Welle um und bremst den Sternenkreuzer. Schließlich bringt der Steuermann das Kriegsschiff zum Stillstand. Genau an dem Punkt, von dem, das Hyperraum Signal vor drei Jahren, zwei Tagen und vier Stunden ausgesandt wurde. »Wir sind da, Kapitän Asssarrik.«
»Zwei Tage und vier Stunden zu spät. Dafür erteile ich Ihnen einen offiziellen Verweis 1. Offizier Gassazas.«
»Sir, wir haben unterwegs zwei Sonnen verbraten. Dass wir dafür einen Umweg machen mussten, kann ich nichts. Ich habe aus dem Schiff herausgeholt, was drin war. Es ging nicht schneller.«
Der Kapitän ignoriert den Entschuldigungsversuch. »Ich hoffe, dass die Aktion von jetzt an reibungslos verläuft. Was haben Sie zu berichten?«
Mit einem Blick erfasst der zweite Mann die Situation. »Die Trümmer des Planeten Atlantis sind da, wo wir sie erwarten. Von unserer Sonde gibt es keine Spur.«
»Was soll das heißen, keine Spur? 76 Billionen Kilogramm Gold können nicht so einfach verschwinden. Finden Sie sie!«
Der Offizier scannt das Planetensystem auf allen Frequenzen. »Sir, es gibt starke Aktivitäten auf und in der Nähe des dritten Planeten. Offensichtlich gibt es dort intelligentes Leben und man beherrscht die Raumfahrt.«
»Nehmen Sie Kurs auf diesen Planeten. Wir müssen vorsichtig sein. Sammeln sie unterwegs so viele Daten wie möglich.«
Gassazas trimmt die Energieverteilung und benutzt die Verzerrung der Raumzeitgeometrie, um die Purge1717 mit Unterlichtgeschwindigkeit anzutreiben. Mit 30.000 Kilometern pro Sekunde fliegen die Mennerianer auf die Erde zu.


                                                                ***
»Geht es dir besser?«, fragt Rigo, nachdem er seine Freundin verarztet hat.
Während er das fragt, hat er plötzlich das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Die Hände seiner Freundin verkrampfen sich in seine Unterarme. Ihre Augen sind vor Schreck geweitet. Begleitet von einem spitzen Schrei, sinkt ihr Gleiter in die Goldkugel ein und beginnt zu fallen. Rigo lässt sich von seiner Freundin anstecken und schreit ebenfalls.
Er hat das Gefühl zu fallen, aber die gleichförmige Goldwand um sie herum, bietet keinerlei Anhaltspunkt ob und wie schnell sie sich bewegen. Linas anhaltender Schrei macht es ihm nicht leichter, sich zu orientieren.
Jäh weitet sich der Raum. Sanft setzt ihr Gleiter in einem Hohlraum auf. Endlich hört Lina auf zu schreien. Beide starren aus dem Fenster. Der Hohlraum ist erleuchtet und leer »Das sieht aus wie der obere Teil einer Halbkugel. Die Scheibe, auf der wir stehen, hat 52 Meter Durchmesser«, fügt er nach einem Blick auf seine Instrumente hinzu.
Lina zeigt keine Reaktion. Noch immer sind ihre Augen vor Schreck geweitet. Sie starrt einfach aus dem Fenster auf die Wand ihres goldenen Käfigs, unfähig sich zu bewegen. Rigo greift in das Med-Kit, das noch immer neben ihm steht, holt eine Injektionspistole heraus und lädt sie mit einem Beruhigungsmittel. Lina blinzelt kurz, als er ihr die Dosis verabreicht. Wenige Sekunden später lösen sich die Krämpfe der jungen Frau.
Sie springt auf und klammert sich an Rigo, so fest sie kann. »Sachte Liebes, ich bekomme keine Luft mehr.«
»Rigo, ich habe Angst, was ist das für ein Ding, das uns deine Mum geschickt hat?«
»Ich habe keine Ahnung. Dafür ist sie uns eine Erklärung schuldig.«
»Was machen wir jetzt? Wie kommen wir hier wieder heraus? Müssen wir sterben«, bombardiert sie ihn mit Fragen.
Der junge Mann bedauert, ihre Neugier nicht befriedigen zu können. Suchend blickt er sich in der Halle um. Doch da ist nichts. Auch die Scanner des Gleiters bleiben stumm. Sie indizieren nur Gold. Das allerdings im Überfluss. »Theoretisch haben wir 260 Tausendmal mehr von dem Edelmetall, als es insgesamt auf der Erde gibt. Nur wie kriegen wir es von hier Weg?«, sagt er um Lina abzulenken.
Unerwartet fährt ein Stromstoß durch ihn hindurch. Der scharfe Schrei seiner Freundin bestätigt, dass sie den auch gespürt hat. Gleichzeitig springt sie ihn an und hängt sich an seinen Hals. Gerade hatte die Frau sich etwas beruhigt. Jetzt liegt sie zitternd in seinen Armen. »Was war das? Bringen sie uns jetzt um? Bitte tu was. Bring uns hier raus. Schnell!«
Mit Lina im Arm wendet sich Rigo den Instrumenten zu. Alle Sensoren haben das Gleiche aufgezeichnet. Einen kurzen, scharfen Puls. »Höchst ungewöhnlich.«
»Da, da«, deutet Lina mit dem Finger nach draußen. »Da passiert schon wieder was.«
Rigo dreht den Kopf in die angezeigte Richtung. draußen flimmert etwas. Dann erscheint eine Gestalt.
»Sieht menschlich aus«, stellt Rigo fest.
Lina starrt fasziniert auf die Person. »Über-Männ-schlich«, zieht sie die Silben auseinander.
Der Mann hebt langsam die Hände und streckt sie ihnen mit den Innenseiten entgegen.
»Das soll wohl heißen er kommt in friedlicher Absicht«, interpretiert Rigo die Geste.
Die Beiden warten eine Weile. Nachdem nichts weiter passiert ergreift Lina die Initiative. »Ich glaube, er will, dass wir rausgehen und uns zeigen«, sagt sie, ohne den Blick von dem Mann zu wenden.
»Meinst du, wir können das riskieren?«
»Absolut.«
Rigo wirft einen Blick auf die Anzeigen. »73 Prozent Stickstoff, 25 Prozent Sauerstoff, keine giftigen Gase. Offenbar ist die Atmosphäre atembar.
»Atemberaubend«, korrigiert Lina.
»Jetzt reicht’s mir! Wir gehen raus«, befiehlt er verwundert über ihre Reaktion. »Mach dich bereit.«
Kurz darauf erreicht Rigo die Rampe. »Wo bleibst du?«, ruft er.
»Ich komme gleich«, erschallt es aus den Tiefen des Gleiters.
Viele Minuten später erscheint sie. Rigo zieht erstaunt die Augenbrauen hoch. »Was?«, provoziert Lina ihn.
»Das ist wohl kaum die richtige Kleidung für diesen Anlass.«
»Noch nie was von alientauglicher Abendgarderobe gehört?«, antwortet Lina selbstbewusst und stellt sich neben ihn. »Ob dein Anzug diesem historischen Ereignis gerecht wird, muss sich noch zeigen«, fügt sie süffisant hinzu und mustert ihn von oben bis unten.
»Wenigstens ist er maßgeschneidert«, kommentiert er naserümpfend.
Die beiden geben ein ungleiches Paar ab.
Er im Raumanzug, sie im Abendkleid.
Er hat einen Astronautenhelm in der Hand, sie eine Gucci Clutch.
Er trägt Plasmablaster links und rechts im Hüftholster. Sie die Waffen einer Frau.
Lina wird ungeduldig. »Willst du warten, bis die Rampe aus dem Rahmen rostet, oder drückst du in diesem Jahrhundert noch den Knopf?«
Verwundert schüttelt Rigo den Kopf. Er öffnet die Rampe und gemeinsam schreiten sie hinaus in die Halle dem Außerirdischen entgegen. Als er sie kommen sieht, senkt er die Hände und neigt das Haupt.
»Ιχη γρμσε Ευχη Βεωοηερ δεσ Πλανετεν Ερδε. Μειν Ναμε ιστ Κρατεοσ. Ιχη βιν δερ Καπιτέν διεσεσ Ραυμσχηιφφεσ.«
»Tut mir leid, ich verstehe kein Wort«, antwortet Rigo. Mein Übersetzungsprogramm braucht mehr Input, bis es diese Sprache versteht.«
Der Alien wiederholt seine Worte. »Ich grüße Euch, Bewohner des Planeten Erde. Mein Name ist Krateos. Ich bin der Kapitän dieses Raumschiffs. Herzlich willkommen auf der Helios.«
»Sehr erfreut«, antwortet Rigo, erleichtert, dass er sich mit dem Fremdling verständigen kann. »Ich bin Rigo Ksciezik. Vizepräsident von Timaios Space Mining Corporation.«
»Ah General Timaios. Dachte ich mir’s doch, dass der alte Knabe es geschafft hat. Ihr seid bestimmt einer seiner Nachfahren.«
Rigo hat keine Ahnung, wovon der Alien spricht. Sein Vater hieß ganz sicher nicht Timaios. In Rigos Gehirn drehen sich die Räder. Den Namen für ihr Unternehmen hat seine Mutter ausgesucht. Bestimmt hat sie sich was dabei gedacht. Seine Mum verbrachte fast ihr ganzes Leben im Weltall. Wer weiß, wen sie dort alles getroffen hat. Möglicherweise auch Aliens. Nachdem die Begegnung so gut angefangen hat, will er es sich mit dem Fremdling nicht verderben. »Ja aber wegen der Einzelheiten müssen Sie meine Mutter fragen.«
»Ich verstehe«, gibt sich der Fremde einfühlsam.
Wieder spürt Rigo einen Stromstoß. Diesmal ist er schwächer. Da von Lina kein Schrei kommt, nimmt er an, dass sie nichts gespürt hat.
»Ich sehe, Ihr tragt die Rüstung eines Kriegers. Sagt, was ihr wollt, aber die Abstammung von Timaios könnt Ihr nicht verleugnen. Das ist gut, aber hier an Bord der Helios sind Eure Waffen unnötig. Hier droht Euch keine Gefahr. Im Gegensatz zu draußen.«
»Draußen? Was meinen Sie damit?«
»Später. Wir wollen die junge Dame nicht länger warten lassen. Wollt Ihr mir Eure bezaubernde Begleiterin nicht vorstellen?«
Rigo ist verwundert über die Bitte, spielt aber mit. »Kapitän Krateos, darf ich vorstellen, Lina Asopos. Er begleitet die für ihn ungewohnte Ansage mit einer weitausladenden Geste, die er einmal in einem alten Mantel-und-Degen-Film gesehen hat.
»Asopos«, ruft der Kapitän. »Einer unsere größten Dichter. Welche Ehre seine Ur-urenkelin kennenzulernen.«
Lina himmelt den Kapitän unverhohlen an, unfähig etwas zu sagen.
Krateos scheint das nicht zu stören. »Wie ich sehe, ist die Mode nicht stehen geblieben. Für dieses Kleid würde Euch sogar Aphrodite beneiden. Ihr seht hinreißend darin aus. Wie eine Vegebonie an ihrem dritten Tag im Morgentau.
Lina nimmt das Kompliment strahlend entgegen.
Rigo fragt sich, was genau eine Vegebonie an ihrem dritten Tag macht. Vielleicht Goldbänder ins Haar flechten? Oder einfach nur Aliens anschmachten? Das Getue der beiden geht ihm auf die Nerven.
Der Kapitän bietet ihr seinen Arm. »Kommt! Ich möchte Euch etwas zeigen«
Linas Blick gleitet über seinen durchtrainierten Modellathletenkörper. Sie hebt den Kopf, um mit seinen Augen Kontakt aufzunehmen. Beiläufig legt die junge Dame ihre Hand auf seinen Unterarm und lässt sich führen. Über die Schulter wirft sie einen triumphierenden Blick zurück. »Siehst du! Alientaugliche Garderobe!«
Rigo kann nur noch den Kopf schütteln. Widerstrebend muss er anerkennen, dass das hochgelobte Kleid perfekt mit der königsblauen Toga des Kapitäns harmoniert.
So, wie die beiden voranschreiten, muss er sich beeilen, seinen Platz auf der anderen Seite von Lina einzunehmen. Er bietet auch seinen Arm an, aber sie hat nur Augen für den Kapitän. Zu dritt marschieren sie Richtung Hallenmitte.
Rigo nimmt sich vor, bei nächster Gelegenheit den Inhalt des Med-Kits zu checken. Ob das wirklich ein Beruhigungsmittel war? Er muss sich vergriffen haben.
»Ihr müsst mir unbedingt die Ode Frühlingstraum Eures Ururgroßvaters rezitieren. Ihr habt bestimmt eine wundervolle Stimme, Lina.«
Im Zentrum angekommen schließt der Kaptiän die Augen. Kurz darauf löst sich aus dem Boden eine Kreisrunde Scheibe und befördert sie nach unten. »Ich würde Euch lieber zuerst das Schiff zeigen, aber die Zeit drängt. Deshalb führe ich euch gleich auf die Brücke der Helios. Dort erfahrt Ihr alles, was Ihr wissen müsst.«
Der Raum, in dem sie kurz darauf ankommen, sieht ganz und gar nicht aus, wie der Kommandostand eines Alien-Raumschiffs. Eher wie eine Lounge. Scheinbar wahllos stehen bequeme Sessel und Liegen herum. Krateos bietet ihnen einen Platz an.
Sobald Rigo sitzt, verändert sich seine Umgebung. Er befindet sich auf einem fremden Planeten. Einiges erscheint vertraut, doch bei genauerem Hinsehen zeigen sich deutliche Unterschiede zu irdischen Tieren und Pflanzen.
Dann ertönt die Stimme des Kapitäns. »Der fünfte Planet dieses Sonnensystems war unsere Heimat. Wir selbst nennen uns Atlanter. Vor 12.324 Jahren Eurer Zeitrechnung erschien plötzlich ein unbemanntes Raumschiff im Sonnensystem. Es hatte eine Hülle aus purem Gold. Wir haben es eingefangen und untersucht. Unsere Wissenschaft war weit fortgeschritten. Deshalb dauerte es nicht lange, bis wir die Technologie des Raumschiffes verstanden.
Doch wir konnten es nicht in Betrieb nehmen, da wir die dafür benötigte negative Energie nicht herzustellen vermochten. Unsere Wissenschaftler haben lange nach einer Lösung gesucht. Schließlich fand Enalithos, einer unserer besten Wissenschaftler, eine geniale Lösung. Er schlug vor, die negative Energie in der Hülle zu erzeugen. Dies erforderte jedoch, einen kompletten Umbau derselben. Sie ist jetzt von Nanometer großen Hohlräumen durchsetzt. Wie ein Schweizer Käse. Wir nutzen einen physikalischen Effekt, der bei geeigneter Anordnung der Zellen auf Basis eingeschränkter Quantenfluktuationen negative Energie erzeugt. Die Ausbeute pro Einheit ist winzig aber bei der Größe der Hülle summiert sich der Betrag.
Es gibt allerdings ein Problem. Bevor wir herausfinden konnten, wie man die Produktion der negativen Energie anregt, wurde unser Planet zerstört. Es gab keine Warnung, kein Ultimatum, nichts. Sie brachten ihr Raumschiff in Position, fuhren ihre Kanone aus und feuerten sie ab. Die Trümmer des Asteroidengürtels sind der Rest unseres Planeten. Wir wissen nicht einmal, wie diese Aliens heißen.
Wer Glück hatte und in einem Raumschiff unterwegs war rettete sich auf die Erde. Nur wenige überlebten.
Jetzt ist dieses Raumschiff wieder aufgetaucht. Ihr habt noch 4 Stunden und 42 Minuten, bis die Aliens die Erde erreicht haben. Ich fürchte, dann werden sie auch Euren Planeten zerstören.«
»Was?« Schreit Lina und springt auf. »Das kann nicht sein. Das ist ein schlechter Scherz, oder?«
»Leider nein«, bedauert der Kapitän.
»Können wir die Zerstörung der Erde verhindern?«, fragt Rigo.
»Ich denke ja. Aber nur wenn es uns gelingt, den Antrieb der Helios in Betrieb zu nehmen.«
»Wie ist er denn noch nicht in Betrieb?« Wundert sich Lina.
»Nein. Wir müssen erst den Resonator für die Produktion der negativen Energie aktivieren.
»Und warum tun wir das nicht?«, fragt Rigo genervt den Kapitän, der nur scheibchenweise mit Informationen rausrückt.
»Weil ich nicht weiß, wie. Ich hatte gehofft, Ihr könnt mir das sagen«, antwortet der Atlanter betrübt.
»Wir?« Die beiden Erdlinge sind schockiert. Verwundert blicken sie sich an. Der Vizepräsident von Timaios findet als Erster wieder die Sprache. »Wieso wir? Wir haben keine Ahnung, wie das hier funktioniert. Schon gar nicht wie man negative Energie herstellt.«
Der Kapitän mustert sie eine Weile. »Irgendetwas, das Ihr getan habt, muss die Helios aktiviert haben. Wie ist sie zum Erdmond gekommen? Als ich zu Bewusstsein kam, schwebte mein Raumschiff einige hundert Meter über dem Mond und war mit negativer Energie aufgeladen. Kurz darauf war sie verbraucht und Ihr seid mit Eurem Gleiter auf meinem Schiff gelandet.«
Rigo macht ein nachdenkliches Gesicht. Lina sieht ihn erwartungsvoll an. Ebenso Krateos. Das alles hat mit meiner Mum angefangen. Sie würde ihm einiges zu erklären haben. »Meine Mutter hat dieses Raumschiff gefunden und zum Mond geschickt. Wenn jemand weiß, wie das hier funktioniert, dann sie.«
Hoffnung keimt im Gesicht Krateos auf »Wo ist sie? Können wir mit ihr sprechen?«
»Auf der Helena. Das ist ihr Raumschiff. Sie wollte Morgen hier sein.«
»Auf welcher Frequenz kommuniziert ihr?«
Rigo gibt ihm die Daten. Nach ein paar Sekunden erscheint Helenas Avatar auf der Brücke der Helios.
Helena blickt sich kurz um, entdeckt Rigo und legt sofort los. »Na endlich ein Lebenszeichen von dir. Ich versuche seit Stunden, dich zu erreichen. Wo genau befindest du dich? Oh! Wo habt ihr diesen Griechen aufgegabelt? Der sieht ja verdammt gut aus. Da könnte selbst ich noch mal schwach werden.
Du hast mächtig Mist gebaut, weißt du das? Du hast einen Goldrausch ausgelöst. Kannst du denn nicht mal die einfachsten Sachen richtig machen? Was genau hast du von meiner Anweisung nicht verstanden das Gold auf dem Mond zu vergraben? Jetzt ist die Hölle los. Die ganze Welt ist auf dem Weg zu unserem Sektor.«
»Das ist alles deine Schuld, nicht meine. Das war keine einfache Goldkugel, die du geschickt hast, sondern ein Alien-Raumschiff. Und wir haben ein ganz anderes Problem. In gut viereinhalb Stunden wird die Erde zerstört werden, wenn wir dieses Raumschiff bis dahin nicht voll funktionsfähig kriegen.«
»Woher willst du das wissen?«
»Kapitän Krateos sagt das.«
»Krateos? Sprichst du von diesem Traummann hier?«, fragt Helena und wendet sich dem Kapitän zu. »Rigo willst du uns nicht vorstellen?«
Helenas Sohn fragt sich, was an dem Atlanter dran ist, dass alle Frauen auf ihn abfahren und sich auf ihn stürzen wie Bienen auf die ersten Frühlingsblüten. So toll sieht er nun auch wieder nicht aus. Lange Locken, wie eine Frau. Die Muskeln eindeutig überdefiniert. Und was soll diese altmodische Sitte, sich vorstellen zu lassen? Trotzdem tut er seiner Mutter den Gefallen. »Helena, das ist Kapitän Krateos von dem ehemaligen Planeten Atlantis. Kapitän Krateos, das ist Helena Ksciezyk, Präsidentin von »Timaios Space Mining Corporation und meine Mutter.« 
Der Atlanter verneigt sich. »Präsidentin Helena, es ist mir eine Ehre Euch kennenzulernen. Noch dazu, da Ihr in Beziehung mit General Timaios steht.«
Misstrauisch taxiert Helena den Kapitän. Der Name Timaios steht in Verbindung mit Atlantis. Der Adonis behauptet Atlanter zu sein und ist Kapitän des goldenen Raumschiffs. Sie muss mit allen Mitteln verhindern, dass er Besitzrechte geltend macht. »Es ist mir eine Ehre meinerseits«, sagt sie höflich. »Ich habe diese Goldkugel im Asteroidengürtel gefunden. Die UNaSMiC hat verfügt, dass alles, was dort gefunden wird, Eigentum des Finders ist.«
»Hochverehrte Präsidentin, in wenigen Stunden wird die Erde von Aliens zerstört. Danach werden sie sich diese Goldkugel, wie Ihr mein Raumschiff nennt, zurückholen. Wir sollten uns darauf konzentrieren, wie wir die Helios voll einsatzfähig machen.«
Helena entfährt ein Seufzer. Offensichtlich hat sie sich mit dem Fang mehr eingehandelt als erwartet. Jetzt muss sie sich nicht nur mit einem Alien um das Gold streiten, sondern auch noch die Welt retten. »Das kann jeder sagen.«
Der Atlanter antwortet mit einer Geste. Mitten im Raum erscheint eine dreidimensionale Darstellung des Sonnensystems. Der Kapitän deutet mit dem Finger auf einen Punkt in der Nähe des Mondes. Die unsichtbare Kamera zoomt auf die Helena. Weit hinter ihr, in der Nähe des Asteroidengürtels, wird ein bewegtes Objekt angezeigt. »Das ist das Schiff der Aliens. Es sieht genauso aus, wie das, das unseren Planeten zerstört hat«, erklärt er. Mit einer Geste zeigt er ihr eine Videosequenz, wie sie den Gammastrahlenlaser ausfahren und abfeuern. »Ihr Raumschiff befindet sich in einer Raumzeitblase, die von negativer Energie erzeugt wird. Im Moment fliegen sie mit einem Zehntel der Lichtgeschwindigkeit. In 4 Stunden und 28 Minuten werden sie die Erde erreicht haben.«
»Hmmm«, brummt Helena nachdenklich. »Das sieht echt bedrohlich aus. Leider kenne ich mich mit Eurer Technologie nicht aus. Vielleicht erklärt ihr mir mal, was das Problem ist.«
Krateos gibt eine kurze Zusammenfassung. Helena druckst verlegen herum. Rigo kennt seine Mutter gut genug, um zu wissen, dass sie etwas verheimlicht. »Mum, wie habt ihr das Raumschiff gefunden?«
»Na gut, gibt Helena nach. Ich zeige Euch die Aufzeichnung. Es muss aber unter uns bleiben. Auf keinen Fall darf das an die Öffentlichkeit.«
»Also das ist doch die Höhe, Mum«, empört sich Rigo, nach dem Video. »Da tun sich ja Abgründe auf! Wieso hast du mir verschwiegen, dass du Beweise für außeririsches Leben zerstört hast, der Asteroid explodiert ist und Marvin von einem EMP getötet wurde?«
»Nicht getötet. Er liegt im Koma. Sozusagen.«
»Mum!« Mahnt Rigo.
Der Kapitän macht eine beschwichtigende Geste. »Der EMP erklärt einiges. Er ist die Folge eines Hyperraum Signals. Ich bin mir sicher, dass die Aliens einen Sender mit dem Raumschiff verbunden haben, der zusammen mit ihm aktiviert wird. Das war eine Falle.«
»Und das Signal hat auch den Asteroiden gesprengt?«, fragt Lina.
»Nein! Der wurde durch die negative Energie des Raumschiffes zerrissen. Die hat eine abstoßende Wirkung.«
»Bleibt immer noch die Frage, was die negative Energie aktiviert hat«, sinniert Rigo. »Das müsst Ihr doch wissen, Kapitän. Ihr seid die ganze Zeit im Raumschiff gewesen.«
»Diese Aktivierung habe ich nicht mitbekommen. Erst die auf dem Erdmond. Aber erst nachdem die negative Energie produziert wurde. Ihr müsst wissen, die Hülle trennt gewissermaßen positive Energie von der negativen. Letztere wird von der Schwerkraft der Goldhülle abgestoßen und nach außen gedrängt. Die positive Energie wandert nach Innen und wird gespeichert. Bei dem Aufprall wurde eine Menge Energie frei. Damit wurde der Fusionsreaktor gezündet, der alle Funktionen im Raumschiff versorgt.«
»Beide Aktivierungsereignisse müssen etwas gemeinsam haben«, vermutet Rigo.
»Aber was«, denkt Lina nach.
»Hmmm«, brummt Helena. »Der Laser und der Aufprall auf dem Mond haben in beiden Fällen Energie auf die Hülle übertragen. Kann das die Produktion der negativen Energie angeregt haben?«
»Schon möglich«, murmelt der Kapitän. »Aber etwas fehlt noch.«
»Ich hab’s«, ruft Lina. »Sagtet Ihr nicht, dass die Produktion angeregt werden muss? Heißt das nicht, dass die von außen zugeführte Energie mit einer bestimmten Frequenz übertragen werden muss?.«
Rigo blickt skeptisch auf seine Freundin. »Was verstehst du eigentlich davon?«
Lina blickt verlegen. »Physik ist mein Hobby. Speziell Quantengravitation.«
Bevor Rigo noch weitere Zweifel anbringen kann, erhält die Vegebonie Rückendeckung vom Kapitän. »Der Computer der Helios hat das bestätigt. Jetzt fehlt uns nur noch die Frequenz.«
»Helena zeig uns noch mal die Aufnahme, in der du mit dem Laser den Asteroiden zersägst«, verlangt Lina. Das Testat durch den Aliencomputer hat ihr Selbstvertrauen gestärkt.
Helena startet das Video. »Stopp«, befiehlt die Hobbyphysikerin. »Jetzt Zeitlupe. »Seht ihr wie der Nebel pulsiert? Ich möchte wetten, das ist die Frequenz, die wir suchen.«
Jeder blickt erwartungsvoll auf den Kapitän. Der produziert einen erstaunten Gesichtsausdruck. »Der Computer sagt, dass der Resonator der Helios diese Frequenz nicht produzieren kann. Jetzt verstehe ich auch, warum es uns damals nicht gelungen ist, den Antrieb zu aktivieren.«
»Ja, das kennen wir«, kommentiert Helena trocken. »So viel zu Theorie und Praxis.«
Das Wechselbad der Gefühle zerrt an Rigos Nerven. »Verdammt noch mal«, schimpft er. »Wir können doch nicht einfach so rumsitzen und zusehen, wie die Erde von aggressiven Aliens zerstört wird. Wir kennen sie nicht einmal.«
»Das werden wir auch nicht«, versichert Krateos. »Der Computer hat bereits begonnen den Resonator so zu modifizieren, damit er die entsprechende Frequenz erzeugen kann.«
»Gut« beruhigt sich Rigo etwas. »Wie lange dauert das?«
»Knapp drei Stunden«, verkündet der Kapitän. »Ich weiß, das ist knapp, aber es wird reichen.«
»Was treibt eigentlich den Resonator an?« Fragt Lina neugierig.
»Der Fusionsreaktor. Wenn ihr wollt zeige ich Euch gerne das Schiff. Bis die Modifikationen des Resonators abgeschlossen sind, können wir sowieso nichts tun.«
»Gut«, stimmt Rigo zu. »Als Erstes möchte ich die Kanone sehen, mit denen wir die Aliens aus dem Raumzeitgefüge pusten.«
»Da muss ich Euch leider enttäuschen, Vizepräsident. Es gibt keine.«
»Es-gibt-keine«, plappert Rigo erschrocken nach. »Und wie sollen wir diese Aliens dann besiegen?«
»Wir müssen improvisieren.«
Rigo kann es noch immer nicht fassen. Sprachlos schüttelt er den Kopf.
»Tut mir leid«, entschuldigt sich der Kapitän. »Unser Planet wurde zerstört, bevor wir mit dem Raumschiff fertig waren. Ein Gammastrahlenlaser war im Bau aber noch nicht in die Helios integriert.
»Wie wird denn das Raumschiff gesteuert?« Wechselt Lina das Thema. »Ich war immer der Meinung, dass man Raumzeitblasen nicht von innen heraus steuern kann.«
Krateos schenkt ihr ein bewunderndes Lächeln. »Das dachten wir auch. Aber eine der genialen Ideen von Enalithos war die Form der Raumzeitblase von innen zu manipulieren durch unterschiedliche Verteilung der negativen Energie«
»Ah, ich verstehe. Der Resonator kann einzelne Bereiche der Hülle unterschiedlich stark anregen. Dadurch entsteht dort mehr oder weniger negative Energie.«
»Genau«, bestätigt der Kapitän.
Rigo starrt seine Freundin mit offenem Mund an.
»Pass bloß auf dieses Mädchen auf. Die will ich als Schwiegertochter«, raunt Helena ihrem Sohn zu. »Das Girl ist hübsch und intelligent. Wehe du vermasselst das.«
»Mum!«, protestiert Rigo. 
»Und das bewirkt eine unterschiedlich starke Verdichtung der Raumzeit, nicht wahr?«
Krateos nickt.
»Dann gleitet das Schiff durch die Raumzeit wie ein Surfer auf einer Welle.«
»Netter Vergleich, meine überaus schlaue Professorin. Asopos wäre zu Recht stolz auf Euch.«
Lina strahlt mit der Goldhülle um die Wette. Helena wirft ihrem Sohn einen Blick zu, der Bände spricht. Rigo bringt sein Gehirn auf Höchstleistung. Wenn er Lina noch länger die Initiative überlässt, ist die Katastrophe vorprogrammiert und er hat gar nichts mehr zu sagen. »Wenn man eine entsprechende Sequenz unterschiedlich starken Anregungen in den Resonator programmiert, müsste es möglich sein, eine Raumzeitblase auf einen Gegner zu schießen. So eine starke Verzerrung der Raumzeit müsste ihn in Stücke reißen.«
»Aber nur, wenn er nicht selbst in seiner eigenen Raumzeitblase weilt«, wendet die zur Professorin erhobene junge Dame ein. »Ansonsten neutralisieren sie sich.«
»Na dann lass dir was einfallen, wie wir die Aliens aus ihrer Raumzeitblase herausholen«, stichelt Rigo mürrisch. »Viel mehr als eine Stunde bleibt dir dafür aber nicht, Frau Professor.«

                                                                              

7.  Abschied

»Sieh dir das an Ethan. Sowas hast du noch nicht gesehen.«
»Schon gut Jim. Ich bin ja nicht blind.«
»Eine Goldkugel mit 430 Metern Durchmesser schwimmt in flüssigem Gestein. Allein die Farbkombination. Rot, Gold und darüber der schwarze Sternenhimmel«, schwärmt Jim.
»Von dem jungen Ksciezcyk ist nichts zu sehen. Kein Gleiter, kein Notruf. Nichts.«
»Ich hoffe für ihn, dass er nicht da unten irgendwo in dem Hexenkessel schwimmt.«
»Wo soll er denn sonst sein? Ich fürchte, er hat sein Riesenbaby unterschätzt. Vermutlich ist ihm der Goldschatz auf den Kopf gekracht.«
»Apropos Goldschatz, Ethan. Wieso schmilzt eigentlich das Gold nicht?«
»Keine Ahnung Jim. Aber das werden wir gleich herausgefunden haben. Lass uns diesen Jahrtausendfund mal etwas genauer inspizieren. Platz zum Landen gibt’s da auf jeden Fall genug.«

»Was machst du da Jim? Du kannst doch nicht einfach mit dem Laser ein Stück herausschneiden.«
»Wieso nicht? Bei der Menge merkt das doch keiner.«
»Jim, wir sind die offiziellen Vertreter der UNaSMiC. Der Claim hier gehört Timaios Space Mining Corporation. Wir sind verpflichtet das Eigentum der Prospektoren zu schützen, nicht zu rauben.«
»Ethan, in welcher Welt lebst du eigentlich? Die Nachricht ist schon längst durchgesickert. In ein paar Stunden wimmelt es hier nur so von Goldsuchern. Die werden hier anbranden, wie eine Tsunamiwelle, das Schätzchen hier in Stücke reißen und mitnehmen. Das können wir nie und nimmer verhindern. Besser wir nehmen, was wir kriegen können und machen uns aus dem Staub. Außerdem ist das nur ein Probestück für die Laboranalyse.«
»Und was wird aus dem Jungen und dem Mädchen? Vielleicht leben sie ja noch. Wir sind verpflichtet, ihnen zu helfen.«
Jim ist im Goldrausch und nicht mehr in der Lage auf rationale Argumente zu hören. Er aktiviert seinen Laser und beginnt mit dem Schneiden. »Die sind doch ...«
In diesem Moment verändert sich die Oberfläche der Goldkugel. Ethan sieht, wie sich Flecken auf ihr bilden. Sie machen die Kugel durchsichtig. Er sieht die brodelnde Lava auf der anderen Seite, in der das Objekt der Begierde schwimmt. Ehe er versteht was passiert wird er von einer Riesenfaust gepackt und ins Weltall katapultiert. Das Letzte, was er sieht, ist wie der Krater unter ihm explodiert. Lava wird herausgepresst und riesige Mondgesteinsbrocken ins Weltall geschleudert. Mondbebenwellen breiten sich kreisförmig aus und eine Druckwelle aus Staub wälzt sich auf Gleiter zu, die aus allen Richtungen heranfliegen. 

                                                                            ***

»Kapitän Assarik, das sollten Sie sich ansehen.«
Der Kommandant der Purge1717 wirft einen Blick auf die dreidimensionale taktische Darstellung der Umgebung des Raumschiffs. Ein Objekt ist rot markiert. Es liegt nicht in der Natur des Offiziers zu fluchen, aber jetzt kann er den Impuls nur mit Mühe unterdrücken. Er war schon immer der Meinung gewesen, dass sein Vor-Vor-Vorgänger vor 11.324 Jahren einen schlechten Job gemacht hat. Er hätte damals auch gleich die Sonne vernichten sollen. Dann hätte es garantiert keine Überlebenden gegeben. Manche sind für diesen Job einfach zu weich. Das würde ihm nicht passieren.
»Die Nachfahren dieser Rasse haben sich schneller weiterentwickelt als uns lieb sein kann. Offensichtlich beherrschen sie die negative Energie. Das Geheimnis des Goldes ist keines mehr. Wir müssen vorsichtig sein. Wir werden zuerst dieses Raumschiff vernichten.
Dann tanken wir diese Sonne und zerstören vorsichtshalber alle deren Trabanten.
Das Gold aus den Planetenkernen nehmen wir als Beifang mit nach Hause.«
Der Erste Offizier ist schockiert. Das wird Jahre dauern. Er hatte seiner Frau versprochen, spätestens in sechs Jahren wieder zurück zu sein. Doch gegen den Befehl des Kapitäns kann er nichts machen. Widerwillig befiehlt er Kurs auf das feindliche Raumschiff.

Fast nicht zu sehen und von den Menschen unbemerkt, stehen sich zwei Raumschiffe gegenüber. Lautlos schweben sie, jedes für sich, in seiner eigenen Raumzeitblase. Die Technologie der Erdlinge ist nicht genug fortgeschritten, um solche Phänomene entdecken zu können. Lediglich mit einem guten Teleskop könnte man die ungewöhnliche Verzerrung der Raumzeit sehen. Doch im Moment gilt die gesamte Aufmerksamkeit der Menschen einem sagenhaften Goldfund auf der Rückseite des Mondes.
So kommt es, dass das Überleben der Menschheit von den Entscheidungen der wenigen Besatzungsmitglieder zweier Raumschiffe mit Goldhülle abhängt.
»Das winzige Ding soll uns gefährlich werden können?«
»Die Größe ist nicht entscheidend, Kapitän«, erklärt der Waffenoffizier der Mennerianer. »Auch wenn der Durchmesser dieses Schiff nur ein Zehntel der Purge1717 beträgt, kann uns ein Gammastrahlenlaser vernichten.«
»Nicht solange wir von unserer eigenen Raumzeitblase geschützt sind. Die Gammastrahlen werden um uns herum gelenkt.«
»Es sei denn, sie treffen uns zentral in der Mitte«, gibt der Waffenoffizier zu bedenken.
Der Kapitän zögert einen Moment. »Unwahrscheinlich, dass ihnen das gelingt. Wir haben das größere Schiff und mehr negative Energie in unserer Hülle gespeichert als die. Wir verpassen ihnen eine ordentliche Ladung davon. Das wird ihre Raumzeitblase zerreißen. Dann können wir sie mit unserem Gammastrahlenlaser nach dem Lehrbuch in Stücke schneiden. 25 Prozent sollten mehr als genug sein.«
»Sollten wir nicht doch mit ihnen verhandeln?« Wagt der 1. Offizier Bedenken anzumelden.
»Verhandeln? Haben Sie den Verstand verloren? Wozu sollen wir mit denen verhandeln,«, fährt Assarik seinen leitenden Offizier an. »Wir verhandeln nicht. Wir zerstören wann und wo immer wir intelligentes Leben finden.«
Gassazas lässt sich nicht so leicht beirren. »Sie kennen das Geheimnis des Goldes. Ich denke, es ist besser erst einmal herauszufinden, wie viel sie wissen. Schießen können wir dann immer noch.«
Der Kommandant antwortet entschlossen. »Verhandlungen verschaffen denen nur Zeit. Womöglich finden sie einen Schwachpunkt bei uns. Das Überraschungsmoment ist auf unserer Seite. Wir schlagen hart zu, vernichten alles und verschwinden dann. Ich denke wohl, es gibt hier niemanden auf der Purge1717, der nicht als Held und Sieger nach Hause zurückkehren möchte. Nicht wahr Gassazas?«
»Nein Sir«, gibt dieser klein bei.
»Feuer«, befiehlt der Kapitän.
Ein Fetzen Raumzeit löst sich von dem Kriegsschiff und rast mit Lichtgeschwindigkeit Richtung Helios. Für einen kurzen Moment wird das beschossene Raumschiff sichtbar. Es erstrahlt hell und glänzend im Sonnenlicht. Dann verschwindet es wieder in seiner eigenen Raumzeitblase.
»Analyse«, verlangt Asssarrik verblüfft.
Die Zeitlupenaufnahme zeigt, wie sich die beiden Raumzeitblasen miteinander verwinden und verwirbeln. Für einen Moment scheint es, als ob die Blase der Helios sich der größeren erwehren kann. Doch dann reißt die mächtigere der beiden, die kleinere mit sich, und die Helios wird sichtbar.
 

                                                                                ***

»Was war das«, fragt Lina erschrocken. Sicherheitshalber stellt sie sich ganz nah neben Kapitän Krateos.
Dieser aktiviert mit einer Geste ein Analyseprogramm. Mittlerweile hat sich die gemütliche Wohnlandschaft der Brücke in eine kampftaktische Darstellung der Umgebung verwandelt. Die Besatzung steht praktisch im Weltall und kann alles von außen beobachten. Dazwischen sind die virtuellen Anzeige- und Bedienelemente für die Steuerung der Helios arrangiert.
Rigo wirft Lina einen missgünstigen Blick zu und deutet auf seine Plasmablaster. Lina setzt eine mitleidige Etwas-Größeres-hast-du-nicht-zu-bieten-Miene auf, über die nur Frauen verfügen.
Der Kapitän kommentiert die Analyse des Angriffs.
»Wow«, fasst Helena zusammen, die immer noch per 3D-Videokonferenz virtuell anwesend ist. »Erstaunlich, was das Raumschiff alles aushält. Meines wäre bei diesen Verzerrungen auseinandergebrochen«
»Meines auch«, gibt der Atlanter zu. »Ohne die schützende Raumzeitblase wäre das unser Ende gewesen.«
»Ich habe aber was gespürt und das war ziemlich unangenehm«, berichtet Lina.«
»Das haben wir alle. Und das sollte uns daran erinnern, dass unser Schutz Grenzen hat. Es wird Zeit, den Aliens einen Gruß zurückzuschicken.«
Doch bevor Krateos dazu kommt, werden sie ein zweites Mal getroffen. Diesmal härter. Lina hat für einen Moment das Gefühl, auseinandergezogen und verdreht zu werden. Für einen Augenblick glaubt sie, die roten Sohlen ihrer Louboutins von unten zu sehen. Ihr schwindelt und sie muss ihren ganzen Willen einsetzen, damit sie stehen bleibt. Nebenbei wird ein Alarm ausgelöst und etliche Anzeigen schalten auf Rot. Der Kapitän und Helena verschwinden.
Lina findet sich plötzlich alleine im Weltall stehend wieder. Erschrocken sieht sie sich um. Rigo ist einige Schritte entfernt. Sie will zu ihm aber in dem Moment bricht auch die virtuelle Realität zusammen und es wird dunkel. Sie erstarrt, öffnet den Mund für einen Schrei, bringt aber keinen Ton heraus.
»Lina bist du noch da?« sorgt sich Rigo.
Dann geht das Licht wieder an und aus dem Boden fahren Bedienfelder und 3D Bildschirme hoch. Auf einem erscheint das Gesicht des Kapitäns. Hektisch gibt er Anweisungen. »Wir wurden von einem Gammastrahlen-Laser getroffen. Sie haben den Moment ausgenutzt, als unsere Raumzeitblase zusammenbrach. Der Schaden hält sich zum Glück in Grenzen wegen der dicken Goldhülle und weil unsere Raumzeitblase schnell genug wiederhergestellt wurde.
Jetzt brauchen wir sämtliche verfügbare Computerkapazität zum Reparieren. Auf den Luxus eines dreidimensionalen Avatars meinerseits müssen wir vorerst verzichten.
Ihr müsst die Helios von Hand steuern. Rigo, Ihr übernehmt die Waffe und Lina die Steuerung. Wir müssen ständig in Bewegung bleiben und möglichst unerwartete Manöver fliegen.«
Der Vizepräsident lässt sich nicht lange bitten und feuert negative Energie auf den Feind. Die Anzeige zeigt sofort wieder Feuerbereitschaft an. Die Einladung ist nach seinem Geschmack. Wieder und wieder drückt er den Knopf, bis der Resonator mit der Produktion nicht mehr nachkommt.
Lina wirft ihm einen vorwurfsvollen Blick zu, da sie jetzt nicht mehr manövrieren kann.
Die Schüsse zeigen Wirkung. »Yeahhh jubelt Rigo. Denen haben wir’s gezeigt. Habt ihr gesehen, wie die durchgeknetet wurden? Und ihre Raumzeitblase ist auch weg. Schade, dass es nicht gereicht hat. Noch ein Schuss und ich hätte sie in Stücke geblasen.«
»Freu dich nicht zu früh«, ertönt die Stimme von Helena über Funk. »Sie bringen gerade ihre Gammastrahlenkanone in Position.«
Rigo starrt entsetzt auf die kampftaktische Darstellung. »Mum, was tust du da? Du fliegst ja direkt in die Schussbahn. Halt dich da raus. Verschwinde.«
»Keine Sorge, Rigo. Ich weiß, was ich tue. Ich liebe dich. Kümmere dich um Lina. Ich mag sie.«
»Krateos, wie lange noch, bis wir wieder negative Energie haben?« Verlangt Rigo hektisch.
»Neun Sekunden.«
»Lina kannst du gar nichts machen? Bring uns hier weg!« schreit Rigo verzweifelt.
Lina schüttelt den Kopf.
»Helena, warten Sie«, ruft der Atlanter. Ich finde eine andere Lösung. Gleich hab‘ ich‘s. Drehen Sie ab ...«
»MUMMM!« Vor seinen Augen explodiert das Raumschiff. Fassungslos starrt Rigo auf die Überreste der Helena. Aus den Augenwinkeln sieht er, wie die Anzeige für die Feuerbereitschaft auf Grün springt. Rigo drückt den Knopf. Wieder und wieder. Selbst als die Anzeige auf Rot springt, drückt er immer noch.
Die Raumzeitblasen reißen das Alienraumschiff in Stücke. Ein grellweißer Blitz aus dem Zentrum besiegelt endgültig dessen Schicksal. Riesige Goldbrocken treiben lautlos durchs Weltall.
Erst als Lina ihn in ihre Arme nimmt und an sich drückt, kann Rigo aufhören, den Knopf zu betätigen. Wortlos starrt er auf die Stelle, an der er die Helena zuletzt sah. Winzige Bruchstücke streben eilig in alle Richtungen davon, um Zeugnis der Schandtat bis in den letzten Winkel des Universums zu tragen.
Am unteren Rand der kampftaktischen Darstellung blinkt ein Punkt. Es ist ein schwaches Radiosignal. Tränen drängen sich in Rigos Augen und trüben seinen Blick. Das Notrufsignal verschwimmt mit den kümmerlichen Resten der Helena zu einer Collage der Trauer. Unbeachtet wandert das einsame Zeichen aus dem Anzeigebereich.


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Virtual Space Composition

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