Idee und Inhalt meines Buches

"Jede entsprechend weit fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden" (Zitat von Arthur C. Clarke)


Diese Idee hat mich nicht mehr losgelassen bis ich schließlich damit begonnen habe ein Buch darüber zu schreiben. Es geht um virtuelle Welten, die so perfekt simuliert sind, dass sie von der realen Welt nicht mehr zu unterscheiden sind. Da in der virtuellen Welt alles möglich ist, gibt es in meinem Buch sowohl Zukunftstechnologie, wie sie in Science Fiction Romanen zu finden ist, als auch typische Fantasy Elemente wie Magie, Fabelwesen und Fantasiewelten.

In meinem Blog werde ich nicht nur über den Fortschritt meines Buches berichten, sondern auch allgemein zu SciFi und Fantasy Themen.

Gerne lasse ich mich hierbei von euch inspirieren.

Wer mag, kann mich gerne direkt kontaktieren: roy.ofinnigan@t-online.de

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Mittwoch, 27. Mai 2020

Evolution 5.0 - Selektion (Fortsetzung)

© designenlassen.de



Endlich ist es soweit! Die lang erwartete Fortsetzung von Band 1 ist fertig. Ich weiß, einige von Euch warten schon sehnsüchtig darauf. Hier gibt es ein Kapitel vorab zum Lesen:

Ähm, gleich. Erst 'mal noch schnell Werbung:

Als Sam und Vilca sich endlich aus dem zugebombten Bunker, in dem sie Schutz suchten, befreien können, ist nichts mehr so wie vorher. Die Welt wird von Computeralgorithmen regiert, die unbarmherzig ein gnadenloses Selektionsprogramm durchziehen.
Für Sam könnte es kaum schlimmer kommen. Er wird vom Geheimdienst erpresst, von Freunden hintergangen und von seiner Ex gejagt. Wem kann er noch vertrauen? Zu allem Überfluss verfolgt seine Geliebte ihre eigenen Ziele. Ist ihre Liebe stark genug, um zwischen all den Fronten eine gemeinsame Zukunft zu erschaffen?
Und welche Rolle werden Vilcas neu entdeckte übernatürliche Fähigkeiten dabei spielen?

Am Ende stellt sich für Sam und Vilca die Frage, ob sie bereit sind, für ihre Vision der Evolution alles zu geben. Notfalls auch ihr Leben.

Packender Zukunftsthriller um die Gefahren der „künstlichen Intelligenz“.

Das eBook und Papierbuch gibt's bei Amazon (Beim Papierbuch kann es noch 1 oder 2 Tage dauern, bis Amazon es freigibt).
Bitte Bescheid geben, wer gerne eine ePUB Version für seinen nicht-Amazon Reader hätte.


34.  Flitterwochen


Der Amsterdamer Flughafen Schiphol ist eindeutig zu groß für das überschaubare Passagieraufkommen, das dort abgefertigt wird. Seit dem Cyber-Blackout ist Fliegen Luxus, den sich nur die Reichen leisten können. Die weiträumige Wartehalle bietet mehr als doppelt so viele Sitzplätze wie benötigt. Trotzdem sind sie höchst ungleich belegt. In der Nähe das Gates ist jeder Platz besetzt. Dort werden die feinsten Kleider und die edelsten Anzüge stolz zur Schau gestellt. Alles Einzelstücke, die den angesehensten Modedesignern zur Ehre gereichen.

Umso mehr fällt der abseits sitzende Passagier auf. Was ihn von den anderen Fluggästen absondert, ist weniger sein Anzug von der Stange als die Tatsache, dass er allein reist. Misstrauisch wird er von der hochkultivierten Gesellschaft beobachtet. Über seinen Single-Status kursieren die wildesten Gerüchte. Dennoch hat er eine legitime Berechtigung dort zu sitzen. Über diese Tatsache war Mehmet selbst noch mehr verwundert als die Dame am Check-in-Schalter.

Mit versteinertem Gesicht sitzt er da und versucht zu verstehen, was mit ihm los ist. Seine Welt ist aus den Fugen geraten. Mit dem Aufwachen hat alles angefangen. Noch vor dem Öffnen der Augen wurde er von dem unwiderstehlichen Drang getrieben, dringend zum Flughafen zu müssen. Wie auf Autopilot spulte er ein Programm ab. Aufstehen, waschen, Zähneputzen, anziehen, Sachen packen. Ohne zu verstehen wieso, zog er seine feinste Kleidung an und verließ seine Wohnung am Stadtrand von Amsterdam. Vor der Haustür wartete ein Taxi. Ohne zu zögern, stieg er ein.

Mehmet ist nicht mehr Herr seines Körpers. Sein Körper tut Dinge, die er nie tun würde. Ihm bleibt nur die Rolle des Beobachters. Erst als er sich am Check-in-Schalter identifiziert, erfährt er, dass er nach Venedig fliegt. Als sein Flug aufgerufen wird, schnellt er hoch und eilt zum Gate. Rücksichtlos drängt er sich nach vorn. Die feine Gesellschaft frisch Vermählter hält sich mit entsprechenden Kommentaren nicht zurück. Vielleicht liegt es lediglich an seiner muskulösen Statur und dem breiten Kreuz, dass niemand handgreiflich wird. Unbehelligt eilt er durch den Passagiertunnel und erreicht als Erster seinen Platz im Flugzeug.

Sein Verhalten beschert ihm einen missbilligenden Blick der Stewardess. Trotzdem serviert sie ihm den obligatorischen Begrüßungschampagner. Mehmet fragt sich, was in Venedig auf ihn wartet. Er war noch nie dort. Natürlich kennt er die Stadt aus der Werbung. Traumziel aller Hochzeitsreisenden. Unbezahlbar für ihn. So teuer, dass sich selbst nur die reichsten der Reichen das leisten können.

In seinem Kopf spukt eine vage Vorstellung, was nach der Landung zu tun ist. Er versucht, sich darauf zu konzentrieren, aber es ist wie der Griff nach der glitschigen Seife mit nassen Händen. Jedes Mal, wenn er glaubt sie zu haben, rutscht sie ihm weg. Erst als er am Zielort das Flugzeug verlässt, wird ihm bewusst, was seine nächste Station ist.

Zielstrebig eilt er zum Wassertaxistand. Mehmet steigt in das erste Boot. Sobald er an Bord ist, legt es ab und macht sich auf den Weg. Er ist der einzige Passagier. Niemand fragt ihn, wohin er will. Niemand verlangt eine Identifikation. Ihm bleibt nichts, als staunen. Er hofft, dass ihm die Kosten für den Trip nicht von seinem ärmlichen Konto abgebucht werden. Aber eigentlich kann ihm das egal sein. Die Reise hat bereits jetzt mehr gekostet, als er je in seinem Leben verdienen wird. Da er sowieso nichts dagegen tun kann, beschließt der unfreiwillig Reisende, ab sofort alles zu genießen, was kommt.

Das Wetter ist perfekt für die Fahrt in einem offenen Boot. Keine Wolke am Himmel und die Sonne strahlt mit den Menschen um die Wette. Die Temperatur ist gerade richtig. Nicht zu warm und nicht zu kalt. Da fällt ihm ein, dass das hier immer so ist. Venedig ist eine künstliche Welt. Eingefroren im Zustand der 2020er Jahre. Mit viel Geld vor dem buchstäblichen Untergang gerettet und für die Ewigkeit konserviert. Hinter den mondänen Fassaden der Palazzi schwelgt absoluter Luxus. Nur das Teuerste ist gerade gut genug für das ultimative Flitterwochen-Disneyland.

Als das Wassertaxi vor dem Cipriani & Palazzo Vendramin hält, ist er nicht einmal verwundert. Kein Hotel ist legendärer. Keines teurer. Dessen ist er sich sicher. Der Portier wirft ihm einen misstrauischen Blick zu, als er sich ihm nähert. Mehmet kann es ihm nicht verübeln. Um ihn herum tummelt sich die feine Gesellschaft und stellt die teuersten Designerkleider zur Schau. Mit seinem einfachen Anzug und dem bisschen Gepäck kommt er sich schäbig vor.

Am Liebsten würde er umkehren. Aber er kann nicht. Gegen seinen Willen wird er magisch von dem Hotel angezogen. Starr richtet er den Blick auf den Eingang. Fast scheint es, als wolle der Doorman ihn aufhalten. Doch dann zuckt er zurück und lässt ihn unbehelligt passieren. An der Rezeption wird er freundlich empfangen. Man nennt seinen Namen und heißt ihn im einzigen Neun-Sterne-Hotel willkommen. Die ausgesprochen hübsche Empfangsdame gibt ihr Bestes. Ausschweifend weist sie ihn in die Annehmlichkeiten des exklusivsten Hotels der Welt ein. Erst jetzt wird ihm bewusst, in welche Luxuswelt er gerade eintaucht. Seit seinem Check-in am Flughafen Schiphol wurde er nur von Menschen bedient. Was ist nur passiert?, fragt er sich. Wie bin ich plötzlich in diese Welt gekommen?
Mehmet hört nur mit halbem Ohr hin. Es drängt ihn weiter. Er ist auf der Suche. Nach was? Schlagartig kommt es ihm in den Sinn. Er sucht jemanden. Worauf wartest du noch?, hört er eine innere Stimme. Das Hotel hat dich anhand deiner biometrischen Merkmale identifiziert. Die Rezeptionistin hat dir deine Zimmernummer genannt. Mehr brauchst du nicht. Ab jetzt kannst du dich in dem Komplex frei bewegen. Geh los und suche ... ein Bild drängt sich ihm auf. Die Zielperson.

Mehmet lässt eine konsternierte Concierge zurück und beginnt das Luxusdomizil auszuforschen. Systematisch durchstreift er die einzelnen Bereiche. Er lässt sich Zeit und sieht sich jeden Gast genau an. Im Wasservergnügungspark wird er fündig. Es ist ein Paar, das Arm in Arm den Pool entlang schlendert. Auf dem Weg zu ihrer Liege kommen sie nur wenige Schritte entfernt an ihm vorbei. Tiefe Ruhe breitet sich in ihm aus. Das Suchen hat ein Ende. Beobachte die beiden, sagt die innere Stimme. Du wirst wissen, was zu tun ist, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist.


***


»Sag bloß, du traust dich nicht«, provoziert die hübscheste Gattin der Welt bei den Liegen angekommen ihren frisch angetrauten Ehemann.

»Natürlich traue ich mich«, gibt dieser empört zurück. »Ich hab bloß jetzt gerade keine Lust.«

Vilca grinst ihn schelmisch an. »Keine Ausreden. Mir kannst du nichts vormachen. Du hast Angst. Ich seh’s dir doch an.«

»Nein, ich habe keine Angst«, widerspricht er energisch. »Ich will mir bloß nichts vorschreiben lassen. Bloß, weil das Hotelmanagement meint, diese Mutprobe müssen alle Honeymooner machen, gilt das noch lange nicht für mich. Wenn du unbedingt die Tödliche Springmaus runterrutschen willst, kannst du das ja gerne machen. Dazu brauchst du mich nicht.«

Das Grinsen der frisch Verheirateten wird noch breiter. Sie weiß, sie hat gewonnen.

»Natürlich kann ich da alleine runterrutschen.«

Vilcas Blick wandert hoch zum Ausgangspunkt des ultimativen Nervenkitzels für Badebekleidete. Sam folgt ihrem Blick. Allein vom Anblick werden seine Knie weich. Das Flaggschiff der fragwürdigen Flitterwochenbespaßungsanlage ragt weit über das Hoteldach hinaus. Ohne den Blick von ihrem Ziel abzuwenden, fährt sie fort.

»Aber das ist eine Rutsche für Paare. Und wir sind jetzt ein Paar.«

Entschlossen greift sie nach seiner Hand und zieht ihn mit sich. Sam folgt widerstrebend. Er wirft einen sehnsüchtigen Blick zu seiner Liege, wo sein Buch wartet. Ein richtiges Papierbuch, das Vilca aus der Hotelbliothek für ihn ausgesucht hat. Der Titel A Beautiful Mind – Genie und Wahnsinn.

Das Gute an dem Aufzug ist, dass Vilca ihn umarmt und leidenschaftlich küsst, sobald er abgehoben ist. So sehr ihn der Duft seiner Geliebten betört, er kann doch nicht verhindern, dass sich dem unfreiwilligen Helden ein anderer Gedanke aufdrängt. Nur ein Wahnsinniger fährt mit einer durchgeknallten Blondine zu einer Rutsche hoch, deren Startpunkt so weit oben liegt, dass man dafür einen Lift braucht.

Oben auf der Plattform nimmt sie ein durchtrainierter Animateur in Empfang. Braungebrannt und mit dem Auftreten eines Lebenskünstlers, der sich der Wirkung seines Modellathletenkörpers auf andere Menschen voll bewusst ist. Mit ruhiger Stimme weißt er sie ein. Wortreich erklärt er den Zweck der Einrichtung. Spaß haben und lernen, dass man zusammen die größten Gefahren des Lebens mühelos meistert. Eindringlich erklärt er, dass nichts passieren kann, solange sie zusammenbleiben. Um das sicherzustellen, erhalten die beiden eine Art Weste, die sie zusammenbindet.

Der Herr der Tödlichen Springmaus empfiehlt, Sam solle hinten sitzen und seine Frau fest umarmen. Dann könne auch beim nahezu freien Fall nichts schiefgehen. Durch den beklommenen Gesichtsausdruck des Frischvermählten lässt er sich dazu hinreißen vorzuschlagen, er könne auch den Part des Begleiters übernehmen, falls Sam lieber zuschauen möchte. Der unfreiwillige Stuntman quittiert das mit einem mürrischen »Verpiss dich!«.
Danach wird ihm klar, dass es jetzt kein Zurück mehr gibt. Vilca dreht sich zu ihm um und lächelt ihn aufmunternd an. In ihren Augen glitzert vorfreudige Erregung. Verstärkt von dem Triumph sich durchgesetzt zu haben. Der Ehepartner des blonden Adrenalinjunkies beschließt, sich bei Gelegenheit zu rächen. Falls er die nächsten fünf Minuten überleben sollte.


»Bereit?«, ruft der Meister der Anlage.

Sams »Noch nicht!«, geht in Vilcas Zustimmungsschrei hoffnungslos unter. Von ihren Freudenschreien begleitet, rasen sie durch die Rutschanlage. Nachdem Sam nach den ersten hundert Sekunden feststellt, dass er noch lebt, entspannt er sich und beschließt, die Sache zu genießen. Das Schlimmste ist schon vorbei, denkt er sich. Da hat er allerdings nicht die Rechnung mit dem Konstrukteur der Wahnsinnsrutsche gemacht. Der Trichter geht noch, aber angesichts des unvermeidlichen Zwanzig-Meter-Sprungs erlebt er einen Flashback.

[Einen Teil dieses Kaptiels gibt's erst im Buch zu lesen ;-)]

***


Die Honeymoon-Bar im Cipriani & Palazzo Vendramin ist der angesagteste Treffpunkt für After-Dinner-Drinks in Venedig. Die Flitterwöchner sind jung, bestens gelaunt und stinkreich. Dementsprechend fließen die edelsten Getränke buchstäblich hektoliterweise. Die Bar ist im Retro Stil der 1990er-Jahre-Discos eingerichtet. Von der Decke hängt eine Spiegelkugel und bei der Deko dominieren Neonfarben. Die Stimmung ist übermütig und die Luft vibriert vor Lebenslust und Ausgelassenheit. Aus den Lautsprechern dröhnt Thriller von Michael Jackson.

Mehmet braucht eine Weile, um sich an die Atmosphäre zu gewöhnen. Er hätte nicht gedacht, dass er nach dem Cyber-Blackout noch einmal einen Ort zu Gesicht bekommen würde, an dem man so im Überfluss schwelgt. Oder anders ausgedrückt, einen Ort, an dem dermaßen dekadent konsumiert wird. Noch weniger hätte er sich je vorstellen können, Teil einer solchen Gesellschaft zu sein. Er kann es immer noch nicht glauben. Um sich selbst davon zu überzeugen, arbeitet er sich zur Bar durch und bestellt einen Cocktail im Wert eines halben Monatsgehaltes. Der Barkeeper serviert das hochprozentige Getränk, ohne mit der Wimper zu zucken.

Das muss ein Traum sein. Hoffentlich hört der nie auf. Mit dem trinkbaren Vermögen in der Hand macht er es sich auf dem Barhocker bequem. Der Glückspilz schaut sich um. Er sieht nur Paare. Etwas stimmt nicht. Plötzlich wird ihm bewusst, dass er nicht allein sein sollte. Wo ist meine Partnerin?

Bevor er den Gedanken weiterspinnen kann, zieht lautes Gelächter seine Aufmerksamkeit an. Es kommt von einer großen Gruppe mitten im Lounge-Bereich. Im Mittelpunkt, dort, wo die Stimmung am ausgelassensten ist und die Gäste sich an kleinen Tischen dicht zusammendrängen, sitzt die Sängerin Vilca Tomaček. Neben ihr einer der reichsten Männer des Planeten. Jeder kennt Samuel N. Lee, den Gründer von Brainware Link Technologies.
Mehmet war ihnen vom Pool Bereich zu ihrer Suite gefolgt. Dann trieb er sich so unauffällig, wie er konnte in der Nähe herum, bis sie durchgestylt für den Abend wieder herauskamen. Danach schlich er ihnen bis in die Honeymoon-Bar nach.

Etwas ist mit den beiden. Seine innere Stimme meldet sich wieder und flüstert ihm etwas zu. Er versteht die Worte nicht. Mehmet ist verwirrt. Kurz darauf verändert sich seine Wahrnehmung. Die Sängerin und der Erfinder sehen auf einmal krank aus. Mehmet kennt die Symptome. Ein Virus, das innerhalb von sechsunddreißig Stunden tötet, wenn nicht rechtzeitig ein Gegenmittel verabreicht wird. Er wundert sich, dass niemand reagiert. Die Krankheitszeichen sind eindeutig.


»Ist denn kein Arzt da?«, fragt er laut.

Eine Frau dreht sich nach ihm um. Erst jetzt bemerkt Mehmet sie. Als sei sie aus dem Nichts erschienen, steht sie auf einmal vor ihm. Ihr Duft ist unwiderstehlich. Eine Mischung aus Sandelholz, Vanille und Moschus. Und noch etwas anderes, was ihm nicht zu identifizieren gelingt. Sie lächelt ihn geheimnisvoll an.


»Wir brauchen keinen Arzt. Ich habe das Medikament bei mir«, sagt sie, während sie eine ihrer blauen Strähnen um den Finger wickelt.

Die Bewegung und die Worte wecken eine Erinnerung bei Mehmet und lassen die Vision mit der Virusinfektion verblassen. Es gibt keinen Grund mehr zur Sorge. Natürlich ist er nicht alleine hier. Wie hatte er das bloß vergessen können? Seine Frau hatte am Morgen noch eine dringende geschäftliche Besprechung, die sie nicht verschieben konnte. Sie hatten vereinbart, dass sie mit dem Abendflug nachkommt.
Mehmet springt auf und umarmt seine Partnerin.

»Wie schön, dass du da bist«, flüstert er ihr ins Ohr.

Sie erwidert die Umarmung.

»In deiner rechten Jackentasche. Zwei Kügelchen. In jedes Glas eines. Sie lösen sich sofort auf. Pass auf, dass dich keiner sieht.«

Die Informationen kommen wie von einer Bandansage. Nachdem sie geendet hat, blinzelt Maarja Mehmet verwirrt an.

»Habe ich eben etwas gesagt?«, fragt sie ihn.

Mehmet schüttelt den Kopf »Nichts Wichtiges«, beruhigt er seine Frau. »Komm, lass uns tanzen.«

Gehorsam lässt sie sich auf die Tanzfläche führen. Maarjas eigenwilliger Kleidungsstil fällt auf. Ihn als bunt zu bezeichnen, wäre eine unhaltbare Untertreibung. Selbst ihre Highheels haben unterschiedliche Farben.

Als sie zu tanzen beginnt, kommt Leben in das Farbarrangement. Es folgt dem Rhythmus ihrer Bewegungen. Maarja steigert ihr Tempo. Die Farben pulsieren schneller und heller. Die Holländerin ist eine begnadete Tänzerin. Mehmet verblasst in seinem anthrazitfarbenen Anzug gegen das bunte Lichtspektakel. Seine Frau zieht immer mehr Aufmerksamkeit auf sich. Bald gehört ihr die Tanzfläche. Umringt von anfeuernden Paaren, steigert sie sich in einen flirrenden Rausch aus Bewegungen, blitzenden Lichtern und Farbverläufen.

Mehmet kommt die Ablenkung nur recht. Selbst die Zielpersonen haben sich erhoben und verfolgen gebannt das Schauspiel. Unauffällig nähert er sich ihrem Tisch. Verstohlen schaut er sich um. Niemand scheint ihn zu beobachten. Er greift in seine Tasche und fischt nach den Kügelchen. Sie sind so winzig, dass er sie kaum zu fassen kriegt.

Als er die Hand aus der Tasche zieht, steht plötzlich ein Androide neben ihm. Mehmet zuckt zusammen. Der Androide mustert ihn von oben herab.

»Sie haben mich aber erschreckt!«, ergreift Mehmet schlagfertig die Initiative.

»Das tut mir leid«, entschuldigt sich die Mensch-Maschine. »Wünschen Sie Herrn Lee oder Frau Tomaček zu sprechen?«

»Ich äh, ich ...«, stottert Mehmet. »... will nur ein Autogramm«, fällt ihm im letzten Moment ein Grund ein, warum er sich ihrem Tisch genähert hat.

Der Androide betrachtet ihn durchdringend. Mehmet fragt sich, wie er das macht. Er hat den Eindruck, dass die Maschine seine Gedanken liest. Beiläufig greift der Roboter in seine Brusttasche und zieht eine Autogrammkarte heraus.

»Ist das Ihre Frau?«, ruft plötzlich jemand von der Seite.

Wieder zuckt Mehmet zusammen. Er dreht sich zu Vilca Tomaček um. Aus der Nähe sieht sie noch atemberaubender aus. Die Sängerin trägt ein eng anliegendes grünes Kleid, das mit ihren Augen um die Wette funkelt. Ihre blonden Locken sind im Nacken mit einer Spange zusammengebunden. Der Traum aller Männer steht vor ihm und er weiß nicht, was er sagen soll. Da erinnert er sich an die Frage.

»Ja, das ist meine Frau. Sie heißt Maarja.«

Vilca lächelt ihn freundlich an.

»Kommen Sie, setzen Sie sich zu uns. Ihre Frau kann fantastisch tanzen. Erzählen Sie uns, wie Sie sie kennengelernt haben.«

»Du hast es vermasselt!«, schimpft Maarja später auf ihrem Zimmer.

Mehmet schüttelt unwillig den Kopf. »Es war nicht meine Schuld. Da war plötzlich dieser Androide. Wie aus dem Nichts ist er aufgetaucht. Das Ding war mir nicht geheuer. Ich sage dir, der kann Gedanken lesen.«

»Papperlapapp, Gedanken lesen. Das können die noch nicht. Du warst einfach zu langsam. Während ich meinen Job machte und alle Aufmerksamkeit auf mich gerichtet war, hättest du nichts weiter tun müssen, als die Kügelchen in die Gläser fallen zu lassen.«

»Nein, du irrst Dich. Dieser Roboter hat sich nicht ablenken lassen. Der hat alles im Blick gehabt. Es gab keine Chance, das Mittel unbemerkt zu platzieren.«

Anstelle einer Antwort greift Maarja sich an den Kopf. Ihr Blick wird leer.

»Was ist mit dir?«, fragt Mehmet besorgt.

Sie antwortet nicht. Maarja beginnt zu taumeln, als könne sie das Gleichgewicht nicht mehr halten. Ihr Partner nimmt sie in die Arme, um sie zu stützen. Nach ein paar Sekunden klärt sich ihr Blick. Unwillig löst sie die Umarmung.

»Ich weiß nicht, was mit mir los ist. Ich bin müde. Ich muss mich hinlegen«, murmelt sie.
Sie geht die paar Schritte zum Bett und lässt sich hineinfallen. Maarja ist weggetreten, noch bevor ihr Kopf im Kissen versinkt. Mehmet zieht ihr die Schuhe aus. Dann zieht er ihr das Kleid aus.

Etwas stimmt nicht. Es fühlt sich nicht richtig an. Das ist nicht meine Frau. Doch, sie muss es sein. Ich habe sie schon tausendmal nackt gesehen. Sie mag es nicht in Kleidern zu schlafen. Wer ist diese Frau?, schießt es ihm wieder durch den Kopf. Auf einmal fühlt sich alles falsch an.

Mehmet ist verwirrt. Mit einem Mal überfällt ihn tiefe Müdigkeit. Er schafft es gerade noch zu seiner Seite des Bettes, um sich dort hineinfallen zu lassen.


***


»Ich wusste, dass du es nicht lassen kannst«, grinst Sam seine Frau an.

»Es ist für einen guten Zweck«, versucht sie eine Rechtfertigung.

Ohne den Blick von Vilca abzuwenden, wandert Sams Hand zu dem Beistelltisch neben seiner Sonnenliege. Er greift sich den Cocktail und nimmt einen tiefen Schluck.
»Für einen guten Zweck«, wiederholt er. »So, so. Der gute Zweck besteht in erster Linie aus der Befriedigung deiner Herzensangelegenheiten und in zweiter aus purer Berechnung des Hotelmanagers. Aber mir kann das ja egal sein. Noch dazu, weil mir die Sache einen kostenlosen Drink eingebracht hat.« Immer noch grinsend gönnt er sich einen weiteren Zug.
Vilca beobachtet ihn interessiert.

»Gönn mir doch das Vergnügen. Wenn mich jemand so lieb bittet, kann ich doch nicht nein sagen.«

Sie nippt kurz an ihrem Drink und spielt gedankenverloren mit dem kleinen Papierschirmchen.

»Schon erstaunlich,«, hakt Sam nach. »wie leicht du manchmal zu haben bist. Ein abendfüllender Auftritt von Vilca Tomaček für einen Cocktail.«

Die Sängerin zieht eine Augenbraue hoch.

»Nicht wahr? Aber glaub ja nicht, dass dein Cocktail kostenlos war. Du bist Teil meiner Show. Vergiss das nicht.«

Sam vergeht schlagartig das Grinsen.

»Ich kündige!«

»Du kannst nicht kündigen. Du hast einen unkündbaren Vertrag auf Lebenszeit.«

»Nein. Ich habe keinen Vertrag unterschrieben. Das wüsste ich.«

Sam glaubt, Oberwasser zu bekommen. Vielleicht kann er sich ja noch aus der Affäre ziehen.

»Doch hast du!«, trumpft Vilca auf.

»Nein!«

»Doch! Wir sind jetzt verheiratet!«, lacht sie. »Aus dem Vertrag kommst du nie mehr raus. Ich gebe dich nämlich nie wieder her!«

»Ich auch nicht«, versichert er. »Aber von Live-Auftritten in deiner Show hat der Standesbeamte nichts gesagt. Das weiß ich genau.«

»Das, mein lieber Sam,«, erklärt sie tief in seine Augen blickend, »gehört zum Gesamtpaket Vilca Eveline Tomaček. Das sind sozusagen die Sonderleistungen. Genauso, wie ich an deinen Abenteuern mit beteiligt bin. Und das ist wesentlich mehr Stress als die paar Auftritte mit mir. Wie oft war ich mit dir schon in Lebensgefahr? Da reichen beide Hände nicht, um das zu zählen. Ganz zu schweigen von meinen Haaren, die ich für dich lassen musste. Oder hast du das schon vergessen?«

»Okay, okay«, beschwichtigt Sam, besorgt, dass das Gespräch in die falsche Richtung abdriftet. Seine unfreiwilligen Abenteuer sind kein Thema, mit dem er sich im Urlaub beschäftigen möchte. »Ich mach’s ja. Aber nicht für einen Cocktail. Da muss der Hotelmanager schon noch einen zweiten springen lassen.«

Mit einem Fingerschnippen winkt er die Bedienung herbei, die auf Anordnung des Managements abgestellt wurde, dafür zu sorgen, dass es ihnen an nichts fehlt.

Belustigt beobachtet die Sängerin, wie ihr Gatte den Drink bestellt. Doch als die Kellnerin sich an Vilca wendet, entscheidet sie sich auch für ein zweites Getränk. Ein paar Minuten später kommt die Servicekraft zurück. Freundlich lächelnd stellt sie die Getränke auf die Tischchen neben den Liegen.

Etwas an der Dame irritiert Sam. Sie tritt ein paar Schritte zurück und verschmilzt diskret mit dem Hintergrund. Gedankenverloren greift er nach dem Drink. Seine Aufmerksamkeit ist immer noch auf die Kellnerin gerichtet. Deshalb bemerkt er nicht, wie Vilca zusammenzuckt und sich an die Schläfen greift. Misstrauisch schaut sie auf ihren Cocktail. Von dort wandert ihr Blick hinüber zu Sam. Als sie sieht, wie er den Strohhalm in den Mund steckt, weiten sich ihre Augen.

Wie eine gespannte Feder schnellt sie von der Liege und schlägt ihm das Glas aus der Hand. Dann bricht Chaos aus. Mit einem Satz hechtet sich die Bedienung auf Vilca. Doch der Sprung gerät zu kurz. Sie landet vor dem Tischchen auf den Händen und rollt sich nach vorne ab. Das Möbelstück wird zur Seite geschleudert und das Glas mit dem Drink fliegt in hohem Bogen davon. Vilca stürzt hinterher und fängt es kunstvoll auf. Nicht ein Tropfen geht daneben.

Inzwischen ist die Kellnerin wieder auf den Beinen und greift Vilca an. Ihre Tritte und Schläge gelten dem Glas. Vilca weicht geschickt aus. Immer wieder gelingt es ihr zu vermeiden, dass weder sie noch das Trinkgefäß getroffen werden.

Sam beobachtet verwundert das Geschehen. Er fragt sich, warum seine Frau sein Getränk verschüttet und ihres um alles in der Welt verteidigt. Aus den Augenwinkeln meint er, eine Bewegung wahrzunehmen. Etwas huscht an ihm vorbei. Instinktiv stürzt er sich in die Richtung, wo die Luft flimmert. Er bekommt jemanden zu fassen. Sam klammert sich fest und schafft es, seinen Gegner aus dem Gleichgewicht zu bringen. Sie wälzen sich am Boden. Sein Gegner ist ungewöhnlich stark und es kostet ihn alle Kraft, die Umklammerung aufrecht zu halten. Endlich greift das Wachpersonal ein. Mit gezielten Schüssen betäubt es die Angreifer.


***


»Es tut mir leid, Herr Lee«, entschuldigt sich der Hotelmanager wiederholt. »Die Sicherheitsdroiden konnten nicht vermeiden, Sie auch zu betäuben. Sie müssen verstehen. Ihr Gegner war unsichtbar. Es tut uns wirklich außerordentlich leid.«

Besorgt betrachtet er seinen Gast. Während sich sein Gastgeber wortreich entschuldigt, schaut sich Sam in dessen Büro um. Es ist kostbar eingerichtet im Stil venezianischer Patrizierhäuser. Er liegt auf einer Couch, die nicht nur zweihundert Jahre alt aussieht, sondern sich auch so anfühlt. Deutlich kann er die alten Federkerne in seinem Rücken spüren. Vilca sitzt neben ihm in einem Sessel, der sehr antiquiert, sehr teuer und sehr unbequem aussieht. Gerade fischt sie ein Tuch aus einem Sektkühler mit Eiswasser, windet es aus und legt es ihm auf die Stirn. Es ist so kalt, dass Sam zusammenzuckt.

»Was ist passiert?«, will er wissen.

Vilca entscheidet sich für die Kurzfassung.

»In unseren Drinks war ein Gift. Welches wissen wir noch nicht. Das wird gerade analysiert.«

»Wie bist du darauf gekommen?«

»Das Verhalten der Bedienung hat mich stutzig gemacht«, sagt sie eilig.

Die Erklärung kommt zu schnell für seinen Geschmack. Der Chef der EUIC merkt sofort, dass seine bessere Hälfte nicht die Wahrheit sagt. Bestimmt hat sie ihre Gründe.

»Die Frau, die das Gift in die Drinks gemischt hat, ist keine Angestellte des Hotels«, beeilt sich der Manager zu versichern. »Einer der Gäste hat die Bedienung, die übrigens als äußerst zuverlässig bekannt ist, auf dem Weg zur Bar überwältigt, nachdem sie Ihre Bestellungen aufgenommen hatte. Sie wurde durch eine andere Person ersetzt, die sich entsprechend verkleidet hat.«

Sam kneift die Augen zusammen.

»Wie konnte jemand die Frau unbeobachtet überwältigen?«, will er wissen. »Das Hotel ist voller Gäste und der Weg zur Bar überall einsehbar und kameraüberwacht.«

»Nicht überall«, widerspricht der Hotelmanager. »Leider! Es gibt eine Stelle, die ist nicht überwacht. Ein Fehler im System. Wir sind schon dabei das zu korrigieren. Die Attentäter müssen sich umfangreich über die Sicherheitseinrichtungen unserer Anlage informiert haben. Der Täter benutzte einen Tarnanzug, um sich ungesehen an die Servierkraft heranschleichen zu können. Das sind Profis. Die Ausrüstung gibt’s nicht im Supermarkt. Es ging alles blitzschnell.«

»Aha!«, kommentiert Sam trocken. »Wer untersucht den Cocktail, den du wahrhaftig zirkusreif verteidigt hast?«, fragt er seine Frau.

»Stefanie Brühl mit einem Spezialeinsatzkommando der EUIC«, antwortet sie. »Sie kümmern sich um die Spurensicherung. Und um unseren Schutz«, fügt sie hinzu.

Sam ist beunruhigt. Nach der Erklärung des Hotelmanagers und der offensichtlichen Tatsache, dass Vilca etwas verschweigt, ist er sich sicher, dass mehr hinter der Sache steckt. Es gibt nur wenige Menschen, die gut genug sind, um den Sicherheitsdienst eines Hotels wie das Vendramin auszutricksen.

»Gut«, antwortet Sam, während er sich erhebt. »Mir geht es schon besser«, schwindelt er während er mit Mühe einen Aufschrei wegen seiner Kopf- und Gliederschmerzen unterdrückt. Er beschließt, sich die Sache mit den Federkernen zu merken. Nur für alle Fälle, falls er einmal als Geheimdienstchef eine neue Foltermethode brauchen sollte.
»Ich muss mit Stefanie sprechen.«

Das frisch vermählte Paar ist fast an der Tür, als der Hotelmanager seinen ganzen Mut zusammennimmt. »Frau Tomaček ...«

»Ja?«, antwortet Vilca. Sie ist sich wohl bewusst, was jetzt kommt.

»Das ... das Benefizkonzert morgen Abend. Es ist alles arrangiert ... Selbstverständlich werden wir absagen, wenn Sie angesichts der Umstände nicht bleiben möchten ...«

Vilca wirft einen fragenden Blick auf ihren Partner. Der zögert einen Moment. Die Sicherheitstechnik des Hotels ist ausgetrickst worden. Es könnte noch weitere Schwachstellen geben. Einerseits bietet dies eine günstige Gelegenheit, den Drahtziehern eine Falle zu stellen. Andererseits wären sie beide die Köder. Sam hat kein Problem damit. Aber ob Vilca sich dessen bewusst ist? Was ist ihr wichtiger? Die Show oder dem Risiko aus dem Weg zu gehen?

Gespannt beobachtet der Hotelmanager die beiden. Seine Anspannung ist fast körperlich im Raum zu spüren. Sam und Vilca verständigen sich mit den Augen.

»Können Sie denn für unsere Sicherheit garantieren?«, fragt sie den Chef des Hotels geradeheraus.

Die Frage scheint dieser erhofft zu haben. Seine Gesichtszüge entspannen sich etwas.
»Wir werden alles tun, was in unserer Macht steht, um einen weiteren Zwischenfall zu verhindern«, schießt er los. »Ich verdopple das Sicherheitspersonal und stelle rund um die Uhr Bodyguards für Sie beide zur Verfügung.«

Die Sängerin lässt sich Zeit. Auf der Stirn des Direktors bilden sich kleine Schweißperlen.

»Na gut«, entscheidet sie endlich. »Es ist schließlich für einen guten Zweck.«

Mit einem leisen Klicken fällt die Tür zum Büro des Hotelchefs nach dem Gespräch ins Schloss. Vilca schlingt die Arme um ihren Ehemann. »Danke!«, flüstert sie ihm ins Ohr.
Sam erwidert die Umarmung.

»Wofür? Dafür, dass ich mit dir zusammen menschlichen Köder spiele, um den Täter in die Falle zu locken?«

»Du weißt genau, was ich meine«, schnurrt Vilca, ihn am Ohr ziehend. »Es wird so schnell keinen weiteren Anschlag geben.«

»Woher willst du das wissen?« Sam greift nach ihrer Hand, um sie daran zu hindern noch stärker zu ziehen.

»Weibliche Intuition.«

»Oder einfach nur unterbewusste Risikofehlbewertung zugunsten der Chance im Mittelpunkt zu stehen«, stellt Sam seine Bewertung zur Diskussion.

»Vielleicht. Zum Glück bin ich nicht die einzige in der Familie, die bereit ist, für ihre Träume Risiken einzugehen.«

Sam versteht die Anspielung. Er nickt.

»Ich gestehe, dass ich in dieser Hinsicht kein gutes Vorbild bin.«

»Ganz und gar nicht«, bestätigt sie mit einem Lächeln. »Das ist auch gut so. Du weißt, dass ich ab und an ein bisschen Nervenkitzel brauche. Dafür liebe ich Dich. Unter anderem!«. Fügt sie hinzu und verpasst ihm einen flüchtigen Kuss. »Übrigens, wir haben die Attentäter gestern Abend kennengelernt. Es sind dieser Mehmet und seine Maarja.«

Sam verbirgt sein Erstaunen über den unerwarteten Themenwechsel.

»Wir reden später darüber. Hier wird alles überwacht.«

Das Paar unterhält sich auf dem Weg zur provisorischen EUIC-Einsatzzentrale über belanglose Dinge. Als der Geheimdienstboss die Tür des umfunktionierten Besprechungsraums öffnet, wird er sofort von Stefanie Brühl begrüßt.

»Guten Tag, Chef. Gut dass du da bist. Die Untersuchung des Cocktails ...«

»Ist der Raum hundertprozentig abhörsicher?«, unterbricht er seine Agentin.

»Ja. Wir haben alle dafür vorgesehenen Maßnahmen getroffen. Ich habe es selbst überprüft. Sogar ...«

»Davon möchte ich mich selbst überzeugen«, unterbricht er sie ein zweites Mal. »Komm mit«, befiehlt er. Ohne eine Antwort abzuwarten, legt er sich auf eine freie Liege und begibt sich ins Holovers.

Sekunden später erscheint HoaxAvatar. Cyclone nimmt die aggressive Farbzusammenstellung ihres virtuellen Personenrepräsentanten beiläufig zur Kenntnis. Mittlerweile hat sich sein farbverarbeitendes Neuronetzwerk daran gewöhnt. Nur, warum sie meint, ihre molligen Kurven unbedingt in ein Kleid zwängen zu müssen, das zwei Nummern zu klein ist, bleibt ihm ein Rätsel. Noch dazu, weil sie das in Wirklichkeit mit ihrer schlanken Figur und ihrem attraktiven Aussehen gar nicht nötig hat.
Seine Gedanken für sich behaltend, startet Cyclone mit schnellen Gesten und kurzen Sprachkommandos seine Programme, um die Umgebung nach Abhörgeräten zu durchsuchen. Sein Holovers ist spartanisch eingerichtet. Ein einfacher Tisch, drei Stühle, weiße glatte Wände und ein grauer Teppichboden.

»Igitt!«, kommentiert Phire sofort nach ihrem Erscheinen. »Wenn du mich bei der Besprechung dabei haben willst, musst du schon etwas mehr bieten. Bei dem Ambiente wird man ja depressiv. Das halte ich keine drei Minuten aus.«

»Oh, ich denke HoaxAvatar hat so viel Farbe mitgebracht, das reicht für drei Holoversen«, antwortet er mit einem Seitenblick auf die soeben erwähnte Agentin.

Diese lächelt die Provokation selbstbewusst weg. Mit einer aufreizenden Bewegung schlägt sie die Beine übereinander und bringt sich in eine Pose, in der ihre weiblichen Reize optimal zur Geltung kommen. Kopfschüttelnd wendet sich der Angeflirtete seiner Frau zu.

»Tut mir leid, aber erst musste ich sicherstellen, dass wir nicht abgehört werden. Je einfacher das Holovers, desto schwieriger ist es für jemanden, etwas vor uns zu verstecken. Danach werde ich es uns gemütlicher machen.«

Sorgfältig scannt er Quadratzentimeter für Quadratzentimeter seine virtuelle Realität. Phire und HoaxAvatar folgen seinem Beispiel. Wortlos gehen sie ihrer Tätigkeit nach. Nach außen hin ruhig, aber nach innen mit höchster Konzentration. Cyclone meint, aus den Augenwinkeln einen Schatten in einer Ecke zu sehen. Als er den Kopf dahin dreht, sieht er, wie sich ein dunkler Fleck schnell zusammenzieht. In dem Moment explodiert eine hellblau strahlende Plasmakugel genau dort, wo er die Anomalie vermutet.

»Ich habe es auch gesehen«, kommentiert Phire. »Nur diesmal war ich ausnahmsweise schneller als du«, fügt sie angesichts seiner überraschten Reaktion triumphierend hinzu. Zwischen ihren Händen schimmert eine weitere Plasmakugel. Ihre Körperspannung zeigt an, dass sie jederzeit bereit ist, die Waffe einzusetzen.

»Ich habe mich also nicht getäuscht«, stellt der Leiter der EUIC nüchtern fest. Sein erstaunter Gesichtsausdruck gilt ihrer schnellen Reaktion. »Das ist höchst bedenklich. Es gibt nur wenige Hacker, die es wagen würden uns abzuhören. Und noch weniger, die überhaupt eine Chance haben, so weit zu kommen.«

»Das passt zu dem, was wir in dem Cocktail fanden«, platzt es aus HoaxAvatar heraus, die mit ihrer Entdeckung nicht mehr zurückhalten kann.

»Na, dann schieß mal los«, erhält sie von ihrem Chef die Freigabe. Gleichzeitig erscheint in seiner Hand ebenso eine Plasmakugel. Aufmerksam mustert er seine Umgebung, während er zuhört. Von der versprochenen Gemütlichkeit ist keine Rede mehr.

»In dem Cocktail war eine besondere Art von Nanobots. Die Analysen sind noch nicht abgeschlossen. Aber es deutet alles darauf hin, dass diese Nanobots ins Gehirn eindringen. Zu welchem Zweck wissen wir noch nicht.«

»Über den Zweck gibt es keinen Zweifel«, stellt Cyclone nüchtern fest. Beide Frauen schauen ihn gespannt an. »Um Menschen fernzusteuern«, ist seine trockene Erklärung.

»Das heißt, jemand wollte uns zu seinen Zombies machen?«, Phire springt auf und schaut ihren Ehemann entsetzt an. Dieser versucht, sie mit einer beschwichtigenden Geste zu beruhigen. »Zu welchem Zweck?«, fragt sie nachdenklich. Ihr Blick wandert ab und findet seinen Fokus irgendwo in der Unendlichkeit.

Auch die Agentin ist schockiert. Man sieht es ihr an, wie sie mit sich ringt, nicht die Fassung zu verlieren. Die Reaktion der beiden Frauen verwundert Cyclone.

»Damit war zu rechnen. Früher oder später musste es dazu kommen.«

»Was ... was meinst du damit?«, ruft HoaxAvatar alarmiert und immer noch um Beherrschung ringend.

Erst jetzt wird Cyclone bewusst, dass seine Agentin über die Symbots nicht Bescheid weiß. Bevor er antworten kann, kommt ihm seine Frau zuvor.

»Meinem Mann ist es lange Zeit gelungen, die Konstruktionsdetails der Symbots geheim zu halten. Nur Brainware Link Technologies wusste, wie sie funktionieren. Und sie sind so konstruiert, dass sie unter keinen Umständen dazu benutzt werden können, Menschen zu manipulieren. Leider wurde Cyclone gezwungen, der EUIC und RATOCS die Konstruktionsdetails zu verraten. Offensichtlich hat dieses Wissen jetzt jemand benutzt, um uns anzugreifen.«

»Das heißt, als möglicher Angreifer kommt nicht nur ein Cyberterrornetzwerk in Frage, sondern auch jemand aus der EUIC selbst«, schlussfolgert die wohlgerundete Agentin.

»Nicht nur die EUIC«, ergänzt Cyclone. »Ich habe das Programm zwar gestoppt und sämtliche Daten gelöscht, aber es ist mir nie gelungen, den Informationsfluss vollständig aufzuklären. Möglicherweise wissen auch andere Geheimdienste Bescheid.«

»Das bedeutet, wir sind nirgendwo mehr sicher«, stellt Phire tonlos fest. Ihre Augen bohren sich in die ihres Mannes.

Nirgendwo?, fragt sich Cyclone. Das darf nicht sein! Gerade als er zu einer Antwort ansetzt, kommt ihm HoaxAvatar zuvor.

»Nicht nur ihr zwei. Niemand ist mehr sicher. Das ist eine Katastrophe. Wieso hast du mir nichts davon gesagt? Wieso hast du den Menschen nichts gesagt?«

Sie unterstreicht ihre Aussage mit einem vorwurfsvollen Blick. Ihre Körpersprache hat sich in das absolute Gegenteil eines flirtenden Vollweibs verwandelt.
Er hat auf einmal das Gefühl, am Fuße eines Berghangs zu stehen, dessen Flanke meterhoch mit Schnee bedeckt ist. Bereit, sich jeden Moment als Lawine auf ihn zu stürzen und auf ewig unter einem undurchdringlichen Eispanzer zu begraben. Verdammt dazu, bewegungsunfähig langsam zu ersticken. Ein hilfesuchender Blick zu Phire raubt ihm die Illusion, von ihr in dieser Situation Beistand erwarten zu können. Sein Verstand rast.

»Weil es bisher nicht notwendig war«, baut er seine Verteidigung auf. »Die EUIC hat mich damals erpresst. Phire war dabei und kann das bezeugen. Wenn der damalige Chef es vor dir geheim gehalten hat, wird er seine Gründe gehabt haben. Egal, ob gute oder böse Absichten dahinterstehen. Ich jedenfalls hatte Vorkehrungen getroffen, dass Symbots nicht dafür eingesetzt werden können, den Willen von Menschen zu manipulieren. Diese Art Brainbots ist jedoch eine neue Bedrohung. Die sind heute zum ersten Mal aufgetaucht. Wie soll ich jemanden warnen vor etwas, das ich selbst nicht kenne? Ich bin zwar schlau, aber in die Zukunft schauen kann selbst ich nicht.«

HoaxAvatar starrt ihn ein paar Sekunden wortlos an. Die Verarbeitung des soeben gehörten spiegelt sich in ihrem Gesicht wider. Schließlich gipfeln ihre Schlussfolgerungen in einer einzigen Frage, die sie wie einen vergifteten Pfeil abschießt.

»Welche Vorkehrungen?«

Das verbale Geschoss verpufft wirkungslos an Cyclones undurchdringlichem Gesichtsausdruck.

»Die sind geheim und müssen es bleiben«, fertigt er sie kurz angebunden ab.
Ihre Gefühle verbergend erhebt sich die Agentin.

»Ich glaube, es ist besser, ich mache mich wieder an meine Arbeit.«

»Moment noch!«, hält sie ihr Chef zurück. »Was ist mit den Gefangenen? Wurden sie verhört?«

Mit einer Eleganz, die man ihrer Körperfülle nicht zutraut, fließt sie in ihren Stuhl zurück.
»Noch nicht, Chef.« Die Agentin sieht ihn an, als hätte er gefragt, ob Regen nass ist. »Ich hielt es für besser, sie erst einmal schlafen zu lassen.«

Cyclone nickt, als hätte er die Antwort erwartet.

»Sehr gut. Habt ihr die Symbots der beiden untersucht?«

HoaxAvatar zieht die Augenbrauen zusammen. »Chef, was soll die Frage?«, empört sie sich. »Ich halte mich an die Gesetze! Das ginge nur, indem man die Symbots aus ihren Gehirnen entfernt. Dafür ist eine richterliche Anordnung notwendig.«

»Ich kümmere mich darum. Bereite schon mal alles vor.«

Ihr Ausdruck wechselt von Empörung zu Abneigung.

»Chef, muss das unbedingt sein?«

Der oberste Agent bleibt hart. »Ja! Wir müssen wissen, womit wir es zu tun haben. Und das Ganze muss unter allen Umständen geheim bleiben. Du wirst mit niemandem darüber sprechen. Niemand darf zu den Gefangenen, wenn ich nicht dabei bin. Du bist dafür verantwortlich. Ich verlasse mich auf dich.«

Sein Gesichtsausdruck duldet keinen Widerspruch. HoaxAvatar schluckt ihre Bedenken herunter und verkneift sich weitere Fragen. Es fällt ihr sichtlich schwer, aber schließlich gewinnt ihre professionelle Einstellung und Loyalität. Sie verabschiedet sich mit einem »Selbstverständlich, Chef«.

Nachdem die Agentin verschwunden ist, richtet sich sein Blick auf seine Frau. Ohne etwas zu sagen, steht Phire auf und greift nach seiner Hand. Plötzlich findet er sich in einem tropischen Paradies wieder. Erstaunt schaut er sich um. Neben ihm ist ein Fluss, der sich ein paar Schritt weiter in unergründliche Tiefen stürzt. Um ihn herum grüne Wildnis. Düfte kitzeln seine Nase und beleben ihn. Da ist ein Hauch von Zitrone. Dem Rest kann er keinen Namen zuordnen. Schmetterlinge und gut gelaunte Vögel bevölkern die Lüfte. Alles ist harmonisch und macht einen friedlichen Eindruck. Vilca steht neben ihm und hält noch immer seine Hand. Sie ist nackt.

»Wo sind wir hier?«, fragt Sam.

»An einem sicheren Ort«, antwortet sie lächelnd, ihr Gesicht ein Rätsel. »An meinem sicheren Ort«, ergänzt sie.

»In deinem Gehirn?«, wundert sich Sam.

»Ja«, sagt sie und nickt dazu. »Gefällt es dir?« Sie schaut ihm in die Augen, als warte sie auf etwas.

»Ich wusste nicht, dass das möglich ist.«

Vilca’s Ausdruck ist undurchdringlich. Was hat sie vor? Was soll das?, grübelt er. Die einzige Erklärung, die ihm auf die Schnelle einfällt, ist, dass Vilca ein Holovers erschaffen hat, das einzig und alleine in ihrem Kopf existiert. Anstelle des Umwegs über einen Computer stimulieren ihre Symbots seine direkt. Ohne Umweg über den Holoport.
»Ich auch nicht«, gibt sie ihm zu verstehen. »Aber jetzt wissen wir es.«

»Das war gefährlich!«, tadelt er. »Was, wenn es nicht geklappt hätte? Bei dem Versuch, mich in dein geistiges Holovers mitzunehmen, hätten wir beide den Verstand verlieren können.«

Ihr Gesicht ist noch immer eine Maske. Sam kann keine Emotionen darin erkennen. Was hat sie vor?, fragt er sich zum zweiten Mal. Der Chef der EUIC ist es nicht gewohnt, so wenig über die Absichten eines Menschen zu wissen.

»Vieles ist gefährlich«, sagt sie vieldeutig.

»Was machen wir hier?«, versucht Sam das Thema zu wechseln. Vielleicht kommt er so weiter.

»Nach was sieht es denn aus?«, spielt sie den Ball zurück. Wieder kein Hinweis.
Sam schaut an sich herab. Er ist ebenso nackt wie sie. Lediglich die Proportionen seines Körpers sind anders, als er sie in Erinnerung hat. Vilca sieht aus wie ihr Original aus Fleisch und Blut. Bloß die Haare weichen davon ab. Jetzt sind sie leuchtend grün mit gold-glänzenden Strähnen.

»So siehst du mich also?«, stellt er die Frage in den Raum.

»Ich? Woher willst du wissen, dass es nicht du selbst bist, der dich so sieht?«

»Weil wir in deinem Gehirn sind. Sollte da nicht alles so sein, wie du es dir vorstellst?«
»Manche behaupten das. Bewiesen ist es nicht.« Auf ihren Mund zeigt sich die Andeutung eines Lächelns. »Vielleicht sollten wir der Sache nachgehen«, schlägt sie vor. »Mal sehen, was wir herausfinden.«

Vilca legt ihre Hand auf seine Brust. Zart streichelt sie darüber. Langsam gleitet sie tiefer, bis sie bei seiner zentralen männlichen Präsenz ankommt. Sam kann die natürliche Reaktion auf die zärtliche Massage nicht verhindern. Er will es auch nicht. Die Verführerin hebt fasziniert eine Augenbraue. Sie scheint zufrieden mit der Reaktion.

»Komm!«, sagt sie und zieht ihn mit sich. Rückwärts geht sie auf den Abgrund zu. An der Felskante bleibt sie stehen. Während der ganzen Zeit schaut sie ihm tief in die Augen. Nur einen Schritt neben ihnen donnert der Wasserfall über die Klippe. Es sind über hundert Meter nach unten, schätzt Sam. Dann lässt Vilca sich nach hinten fallen und stürzt kopfüber in die Tiefe.

Ihre Gefühle durchdringen die Welt. Ihre Welt, denkt Sam. Er spürt den Nervenkitzel in ihrem Bauch. Wie sie es genießt, nach unten zu stürzen, ohne zu wissen, was sie dort erwartet. Grenzenloses Vertrauen in ihre Schöpfung setzend, dass ihr nichts passieren wird. Ein Hochgefühl pulst durch ihren Körper und reißt ihn mit sich. Er schaut nach unten und springt hinterher.

Plötzlich ist er mit seiner Frau auf gleicher Höhe. Ihre Haare flattern im Wind und streicheln seinen Körper. Neben ihnen scheint das Wasser stillzustehen. Es fällt mit ihnen synchron. Fasziniert betrachtet Sam einzelne Tropfen, die neben ihm schweben.

Mit einem Freudenschrei schlingt Vilca im Sturz die Arme und Beine um ihren Mann und küsst ihn ausgiebig. Zu dem Hochgefühl des Sturzes kommt jetzt noch sexuelle Erregung hinzu. Ungeniert lässt sie ihn an allen Gefühlen teilhaben. Dann löst sie sich und macht einen Salto nach dem anderen. Jauchzend taucht sich in den See am Fuße des Wasserfalls. Kurz darauf bricht Sam durch die Oberfläche.

Unter Wasser nimmt sie ihn in Empfang. Während sie ihn küsst, spürt er, wie sie sich in eine Nixe verwandelt. Sam merkt, wie die Luft knapp wird. Er muss dringend an die Oberfläche, um zu atmen. Er versucht, sich von ihr zu lösen, aber die Nixe hält ihn fest.
»Atme!«, befiehlt sie. »Du weißt, wie das geht.«

Wieder dieser Blick. Der Gast in dem Gehirn seiner Frau glaubt, endlich zu verstehen, was sie will. Sams Lungen schreien nach Sauerstoff. Eisern hält sie ihn unter Wasser. Er unterdrückt die aufkommende Panik und versucht, sich auf seine Aufgabe zu konzentrieren. Angesichts der Situation fällt es ihm schwer. Viel zu langsam für seine schmerzenden Lungen verwandelt er sich in einen Nix. Endlich kann er wieder atmen. Mit tiefen Atemzügen pumpt er Wasser durch seine Kiemen am Hals. Vilca lässt ihm kaum Zeit, sich zu erholen. Sie drückt ihren Geliebten an sich und versiegelt seinen Mund mit einem Kuss. Seine Not erkennend, spendet sie ihm Luft. Mit kräftigen Schlägen ihrer Flosse bringt sie sich und ihn an die Oberfläche. »Ich wusste, dass es funktioniert!«, strahlt sie ihn an.

»Dass was funktioniert?«, keucht Sam. »Mich zu töten?« Aufgebracht funkelt er sie an.
»Nein«, lacht sie unbekümmert und hebt ihren Oberkörper mit kräftigen Schlägen ihrer Schwanzflosse aus dem Wasser. »Dass du in meiner Welt freie Entscheidungen treffen und dich beliebig anpassen kannst.«

»Das war nicht witzig«, schimpft er, sich ebenso aus dem Wasser erhebend, um mit seiner Frau auf Augenhöhe zu kommen. »Du hättest mich vorher einweihen müssen. Wir hätten das gemeinsam entscheiden und für mich wesentlich nervenschonender durchführen können.«

»Und ewig darüber diskutieren, das Für und Wider abwägen und nach Monaten eine Entscheidung treffen? Wenn überhaupt. Du weißt, ich bin eher der spontane Typ.« Dabei strahlt sie ihn so freudig an, dass er ihr nicht länger böse sein kann. Seine negativen Gefühle werden einfach von ihrer Euphorie weggespült. Trotzdem will er ihr Bewusstsein für die Risiken schärfen.

»Ich finde es nicht richtig, dass du mich grundlos und ohne Vorwarnung solchen Gefahren aussetzt.«

Vilca wird ernst. Langsam lässt sie ihren Körper bis zur Unterlippe ins Wasser eintauchen. »Ich auch nicht«, sagt sie leise. »Gerade erst vor ein paar Stunden hat jemand versucht, mich mit irgendwelchen Nanobots zum Zombie zu machen. Ich habe nichts getan, dass ich verdient hätte, eine Zielscheibe solcher Attacken zu sein.«

Sam versucht, die Gefühle seiner Frau in ihren Augen zu lesen. Wieder diese Maske. Alle Emotionen sorgfältig verborgen. »Du wusstest, bevor wir geheiratet haben, dass es mit mir immer so sein wird.«

»Ja. Und du solltest mich inzwischen auch soweit kennen, dass ich nie etwas tun würde, was dich wirklich in Gefahr bringt.«

Wortlos starren die beiden sich an. Schließlich gibt Sam nach und nickt zustimmend. Schlagartig breitet sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus. »Komm!«, fordert sie ihn auf.

»Schwimmen wir ans Ufer. Dort können wir uns ungestört unterhalten.«

»Wieso nicht hier?«, meint Sam.

Doch Vilca ist schon weg. Lachend flippert sie auf den Strand zu. Dort nimmt sie wieder menschliche Gestalt an und legt sich in den Sand. Sam kniet sich hinter sie und legt ihren Kopf auf seine Oberschenkel. »Also woher wusstest du, dass mit den Cocktails etwas nicht stimmte?«

Vilca blinzelt zu ihm hoch. »Ich habe die Gedanken der Kellnerin gelesen.«

»Du liest jetzt aktiv die Gedanken von Menschen?«, fragt Sam. Er gibt sich keine Mühe den Vorwurf zu verbergen.

»Nein, natürlich nicht. Das wäre viel zu anstrengend. Und in den meisten Fällen todlangweilig. Nein, es kam einfach so. Plötzlich war der Gedanke in meinem Gehirn. Ich wusste sofort, dass es keine Einbildung ist.«

Sams Gesicht verfinstert sich.

»Was ist?«, fragt sie besorgt. »Du solltest froh sein, dass ich das gemerkt habe. So oder so. Es ist einfach passiert. Ich habe niemandem das Gehirn angezapft.«

»Nein, das ist es nicht. Was mich beunruhigt ist, dass meine Überwachungsmaßnahmen keinen Alarm ausgelöst haben.«

»Was meinst du damit? Schon wieder dieses Thema. Welche Überwachungsmaßnahmen? Wir haben doch bereits festgestellt, dass es eine Lücke im Überwachungssystem gab.«

»Das meine ich nicht.« Sam überlegt, ob er es ihr sagen soll. Schließlich entscheidet er, seine Sorgen mit seiner Frau zu teilen. »Du weißt, dass RATOCS über Symbots verfügt, mit denen sie Menschen steuern können und dass ich eine Hintertür eingebaut habe, das zu blockieren.«

»Ja«, ich erinnere mich. Sie signalisiert ihm weiterzusprechen.

»Nun, ich scanne ständig meine Umgebung auf der Suche nach der Hintertür. Symbots, die sie haben, sprechen auf das Signal an und senden eine einzigartige Signatur zurück. Das löst einen Alarm aus.«

»Hm. Vielleicht eine Fehlfunktion?«

Sam schüttelt den Kopf. »Unwahrscheinlich! Das habe ich zu oft getestet, weil es zu wichtig ist, um es dem Zufall zu überlassen.«

Jetzt werden Vilca die Konsequenzen klar. Die Erkenntnis breitet sich schockartig auf ihrem Gesicht aus. Die Vögel in ihrer Welt beginnen auf einmal laut zu zwitschern. Eine dunkle Wolke schiebt sich vor die Sonne. In der Ferne ist Donnergrollen zu hören.

»Das heißt ...«, sie wagt es nicht weiterzusprechen.

»... dass jemand meine Hintertür geschlossen hat«, ergänzt er mit ernster Stimme.
»Dann sind wir in höchster Gefahr«, stellt sie tonlos fest. »Das Gleichgewicht der Abschreckung ist zu deinen Ungunsten verschoben.«

»Das sehe ich nicht so dramatisch. Erst einmal ist der Angriff gescheitert. Dank deiner Gabe. Wer immer das war, muss erst einmal analysieren warum. Wenn wir es geschickt anstellen, kann uns das eine Menge Zeit bringen. Bis dahin wird mir bestimmt was gegen solche Angriffe einfallen.«

Vilca schaut skeptisch. »Glaubst du, dass Luca und Sophie dahinterstecken?«

»Dazu sind eine Menge Ressourcen notwendig«, antwortet er abwägend. »Leider sind die beiden damals in Kopenhagen entkommen. Und seitdem nicht mehr aufgetaucht.« Sam überlegt eine Weile, bevor er weiterspricht. »Schon möglich. Falls es ihnen gelungen ist, an die entsprechenden Gerätschaften zu kommen. Ich hoffe, dass wir bei den Gefangenen etwas finden, womit wir die Spur zu den Drahtziehern zurückverfolgen können.«

»Wie willst du das anstellen? Die werden wohl kaum einen Link zu ihrem Auftraggeber mit sich herumtragen.«

Sam lächelt geheimnisvoll. Zufrieden stellt er fest, dass sich das drohende Gewitter verzogen hat. Die Sonne schickt wieder großzügig ihre wohltuenden Strahlen auf sie herab und die Vögel zwitschern leise muntere Lieder. Sanft streicht er eine Strähne aus ihrem Gesicht. »Wir müssen zurück.«

»Wir könnten für immer hierbleiben«, schlägt sie vor.

»Für immer? Was wird dann aus unseren Körpern?«

Vilca zuckt mit den Schultern.

»Was soll schon daraus werden? Sie werden alt, verfallen und bereiten mit der Zeit mehr Probleme als Freude. Wer will sowas schon? Im Gegenteil! Sie halten uns vom Paradies fern. Das hier ist real und funktioniert. Sogar noch besser ohne Körper. Hier gibt es keine Bedrohungen. Nichts und niemand kann uns hier stören. Und es gibt nur uns beide. Sam, wir könnten das sofort haben, wenn wir unseren Geist in einen Computer verlagern.« 





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