Idee und Inhalt meines Buches

"Jede entsprechend weit fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden" (Zitat von Arthur C. Clarke)


Diese Idee hat mich nicht mehr losgelassen bis ich schließlich damit begonnen habe ein Buch darüber zu schreiben. Es geht um virtuelle Welten, die so perfekt simuliert sind, dass sie von der realen Welt nicht mehr zu unterscheiden sind. Da in der virtuellen Welt alles möglich ist, gibt es in meinem Buch sowohl Zukunftstechnologie, wie sie in Science Fiction Romanen zu finden ist, als auch typische Fantasy Elemente wie Magie, Fabelwesen und Fantasiewelten.

In meinem Blog werde ich nicht nur über den Fortschritt meines Buches berichten, sondern auch allgemein zu SciFi und Fantasy Themen.

Gerne lasse ich mich hierbei von euch inspirieren.

Wer mag, kann mich gerne direkt kontaktieren: roy.ofinnigan@t-online.de

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Freitag, 22. Juni 2018

Leseprobe aus Evolution 5.0 - Mutation

© ID 38681422 © | Dreamstime.com

 

Liebe Fans,

leider muss ich eure Geduld noch etwas auf die Probe stellen. Die Veröffentlichung von Evolution 5.0 zieht sich noch etwas hin. Im Moment komme ich nicht so schnell vorwärts wegen Krankheit und Umzug.
Zum Trost gibt's eine lange Leseprobe aus dem Buch:

 

1. Sieg und Niederlage

2053:


»Komm schon, Sam! Wir machen ein Rennen!«
Sophie dreht am Gas und ihr Motorrad heult auf. Sam seufzt. Warum müssen es unbedingt diese Benzinmotorräder sein? Er hasst die Dinger. Relikte aus einer niedergegangen Epoche. Aus der Zeit gefallen wie Ärzte, die eine Diagnose stellen, oder Menschen, die Texte auf einer Tastatur tippen.
Die Maschinen machen einen Höllenlärm, sind unzuverlässig und stinken. Sam seufzt und ergibt sich seinem Schicksal. Mittlerweile kennt er seine Freundin lange genug. Er wusste, dass sie ihn zu einem Wettrennen herausfordern wird. Diesmal hat er etwas Besonderes vorbereitet.
Auch heute wartet Sophie nicht, ob er bereit ist. Ohne ihm eine Chance für einen fairen Start zu geben, braust sie davon. Sam beeilt sich hinterherzukommen. Willig folgt das Bike der gewundenen Passstraße. Im Grunde hat er nichts gegen Wettkämpfe. Aber seine Freundin legt es notorisch darauf an, bis zum Äußersten zu gehen. Maximales Risiko. Alles darunter ist für sie inakzeptabel.
Das war schon immer so. Selbst bei ihrer ersten Begegnung auf seines Vaters Ranch. Sam erinnert sich. Sie lief ihren Eltern voraus und rannte auf ihn zu. Schlank, knallenge Jeans und eine rote Bluse. Schon von weitem hatte sie das Windrad entdeckt. Als sie an ihm vorbeikam, rief sie nur, »komm mit!« Sie eilte einfach weiter. Ohne sich vorzustellen, ohne Begrüßung und ohne sich umzudrehen, um zu sehen, ob er folgt.
Dann kletterte sie auf den Turm und stoppte erst, als sie auf dem höchsten Punkt stand. Besser gesagt balancierte. Dass direkt neben ihr die Flügel durch die Luft schnitten, schien sie gar nicht zu bemerken. Sam weiß nicht mehr warum, aber er folgte ihr. Schnell stieg er zu dem hübschen Mädchen hoch bis es nicht mehr weiter ging.
Ganz oben auf der Spitze gab es nur Platz für einen. Sie dachte nicht daran, den Platz zu räumen. Zufrieden schaute sie auf ihn herab. Damals vermutete er, das schwarzhaarige Mädchen wollte ihm demonstrieren, dass sie als Weiße über ihm als Halbblut steht.
Schon bald zeigte sich jedoch, dass es ihr nur um eines ging. Sie wollte stets die Erste sein. Wenn jemand besser war als sie, forderte sie ihn solange heraus, bis sie gewann. Sophie wurde nie müde, es immer und immer wieder zu versuchen.
Schon als kleines Kind brauchte sie Freunde um sich, die bereit waren, sich jederzeit mit ihr zu messen. Sam mochte das nicht. Trotzdem machte er es immer wieder. Damals war er noch zu jung, um es zu verstehen, aber er hatte sich auf den ersten Blick in sie verliebt. Deshalb tat er alles, um ihr nah zu sein. So gesehen unterscheidet sich der heutige Wettkampf nicht von allen vorhergehenden.
Der Tag begann vielversprechend. Sam liebt den Geruch seiner Heimat. Früh morgens ist er am stärksten, wenn die Sonnenstrahlen das Land erwärmen und die Feuchtigkeit aus dem Boden verdampft. Dann strotzt die Luft nur so von den würzigen Erddüften des Napa Valleys. Mit tiefen Zügen atmet er sie ein und bereitet sich mental auf das Kommende vor.
Er kennt die Passstraße bis ins kleinste Detail. Er weiß bei jeder Kurve haargenau, wie er sie nehmen muss.
Als der entscheidende Moment da ist, dreht er bis zum Anschlag auf. Der Motor gibt seine akustische Zustimmung und zeigt ihm damit an, dass er zum Äußersten bereit ist. Seine Maschine reagiert mit einem Satz nach vorne. An dieser Stelle kann man einige Kurven fast gerade durchfahren. Zumindest, wenn man der Verkehrslagenanzeige seiner Augmented Reality vertraut, dass niemand entgegenkommt.
Seine schulterlangen Haare flattern hinter ihm her, als er sich flach über den Lenker duckt. Vielleicht liegt es an seinen indigenen Vorfahren, deren Gene sich in seinem Gesicht widerspiegeln. Vielleicht an der besonderen Situation. Jedenfalls sieht es so aus, als jage ein Falke seine Beute über die Passstraße.
Der Abstand zum Motorrad vor ihm verkürzt sich. Er kann seine Vorfreude kaum unterdrücken. Endlich eröffnet sich ihm eine Chance, es der ewigen Siegerin zu zeigen. Wenigstens einmal Mal im Leben will er schneller sein als Sophie.
Monate intensiven Trainings liegen hinter ihm. Jetzt ist er im Flow. Alles ist eins. Die Straße, die Maschine, er selbst. Sein Vater lehrte ihm diese Meditationstechnik. Ein uraltes Ritual aus einer Geisterbeschwörungszeremonie. Seine schwarze Motorradkombi mit türkisen Navajosymbolen passt perfekt dazu.
Ein wunderbares Gefühl. Pures Adrenalin fließt durch seine Adern. Meter um Meter holt er auf. Schon ist er direkt hinter ihr. Gleich wird die Stelle kommen, an der er überholen kann. Es ist die einzige Stelle, die so kurz vor dem Ziel noch dafür in Frage kommt. Sam geht das Überholmanöver in Gedanken zum millionsten Mal durch. Soll er es wagen? Alles ist perfekt. Er muss es tun. Es gibt kein Zurück. So eine Chance bekommt er nie wieder. Im Grunde genommen ist es Wahnsinn, auf einer Passstraße in einer Kurve innen zu überholen. Aber es gibt keine Alternative. Er hatte sämtliche Varianten durchprobiert und verworfen.
Sophie legt ihr Motorrand in die Kurve. Ihr roter Schutzanzug glänzt in der Sonne. Sam folgt der Bewegung. Er muss nur die Geschwindigkeit halten und sein Motorrad flacher legen als sie. Der Rest ist angewandte Mathematik. Auf der Innenseite ist der Radius kleiner und demzufolge der Weg durch die Kurve kürzer. So würde er an ihr vorbeikommen und hätte gewonnen. Zum ersten Mal. Der Sieg ist zum Greifen nah. Es kann nichts schiefgehen. Sam hat es oft genug simuliert. Doch dieses Mal ist es real.
Noch nie spürte er das Leben so wie in diesem Moment. In seinen Adern fließt pures Adrenalin. Endlich bekommt er eine Ahnung, was seine Freundin an diesen Extremsituationen so liebt. Mittlerweile ist er auf Höhe ihres Hinterrades. Sein Knie schwebt nur Millimeter über der Straße.
Sam sieht das Unheil wie in Zeitlupe auf sich zukommen. Es gibt keine Möglichkeit, der Katastrophe auszuweichen. Er liegt so flach in der Kurve, dass seine Reifen auf dem Split sofort den Halt verlieren. Sein Motorrad rutscht seitlich in ihr Hinterrad.
Die Fahrerin bekommt keine Chance zu reagieren. Sophies Bike schleudert, sie verliert die Kontrolle, prallt gegen einen Felsbrocken am Straßenrand und wird im hohen Bogen durch die Luft gewirbelt. Das Geräusch des Aufpralls der Maschine brennt sich für immer in sein Gedächtnis ein.
Er rutscht zusammen mit seinem Motorrad über die Straße. Alles um ihn herum verschwimmt und ein Heulen martert seine Ohren. Sämtliche Airbags werden ausgelöst und dämpfen den Aufprall an der Felswand. Trotzdem verliert er das Bewusstsein.

***

Das Mädchen passt den Moment ab wie ein Krokodil, das im trüben Wasserloch auf seine Beute lauert. Den Augenblick nutzend, als ihr Vater zurück in den Stall geht, schwingt sie sich auf den Hengst.
Das Tier ist nicht mit Geduld gesegnet. Es wartet nicht, bis ihm die Reiterin die Sporen gibt. Es galoppiert sofort los. Auch verschwendet es keinen Gedanken daran, den Korral durch das Gatter zu verlassen. Stattdessen springt es über den Zaun.
»Yipppiiiieeeehhh« schreit die Kleine und spornt das Pferd an. »Schneller Wakanda, schneller!«, ruft sie ihm zu und legt sich flach über den Hals des Hengstes. Ihre Haare flatterten hinter ihr her wie ein Panther, der versucht sie einzuholen.
Sam überlegt nicht lange, sondern schwingt sich ebenso auf sein Pferd und galoppiert seiner Freundin hinterher. Wie immer die Augen fest auf die rote Bluse gerichtet.
Erst jetzt kommt ihr Vater aus dem Stall gerannt. Ihm bleibt nur noch, den Staubfahnen hinterher zu sehen.
Sophie genießt es, am Limit zu reiten. Sie spornt ihr Pferd zur Höchstleistung an. Sie weiß, dass es gefährlich ist, in dem Gelände so schnell zu reiten. Gerade das reizt sie. Für den Hengst ist sie eigentlich noch zu klein. Das spornt sie noch mehr an. Ihre Sinne sind aufs Schärfste gespannt. Neben ihr fliegt die Landschaft vorbei, alles verwischt. Vor sich nimmt sie jedes noch so kleine Detail wahr.
Sie fühlt sich eins mit ihrem Pferd. Es reagiert auf die geringste Bewegung von ihr. Mit sicherem Instinkt lenkt Sophie den Hengst. Größeren Hindernissen weicht sie aus, über kleinere springt sie hinweg. Schon taucht der Fluss vor ihr auf. Zu dieser Jahreszeit führt er wenig Wasser. Sie überquert ihn im vollen Galopp. Nur in Momenten wie diesen lebt sie wirklich. Der Rest ist grau und eintönig. Erst am anderen Ufer angekommen, verlangsamt sie das Tempo und dreht sich nach Sam um.
Sophie ist enttäuscht. Sam ließ sich auf der kurzen Strecke eine halbe Meile abnehmen. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis er endlich ankommt.
»Wie schaffst du es nur, so viel aus Wakanda herauszuholen?«, fragt er atemlos. »Ich bin so schnell geritten, wie ich konnte. Trotzdem habt ihr mich abgehängt.«
Das Mädchen wirft den Kopf in den Nacken und schaut ihn von oben herab an.
»Das sieht aber nicht danach aus«, erwidert Sophie scharf. »Vielleicht liegt es daran, dass du die Peitsche benutzt. Wakanda braucht das nicht. Ich bitte ihn, über die Weide zu fliegen und er tut das für mich. Vielleicht solltest Du das auch mal probieren.«
Bevor Sam Gelegenheit bekommt etwas zu erwidern, blitzt es in ihren braunen Augen auf. Sie gibt Wakanda die Sporen und galoppiert an ihm vorbei, wieder zurück zu der kleinen Ranch. Er sieht ihr nach. Das Bild verblasst und er ist wieder auf der Straße. Er wundert sich, warum ihm alle Knochen wehtun. Wieso er auf dem Boden liegt. Er erinnert sich.
Trotz seiner Schmerzen erhebt er sich und macht sich auf die Suche nach Sophie. So wie sie durch die Luft geflogen ist, befürchtet er das Schlimmste. Ihr Motorrad ist Schrott. Über ihm schrillt ein Adler.
Der Geruch von heißem Öl und Benzin wabert über den Trümmern. Es ist ihm egal, ob sie explodieren werden oder nicht. Zum ersten Mal verspürt er Angst um seine Freundin. Hat er einen Fehler gemacht? Sein Herz rast. Wo ist sie? Er schaut sich um und sieht sie etwa zwanzig Meter unterhalb der Straße auf einem Felsen liegen.
Es dauert, bis er hinuntergeklettert ist. Dabei muss er an frühere Wettrennen denken. Sophie liebt das Risiko. Nichts kann ihr extrem genug sein. Noch nie ist ihr etwas dabei passiert. Noch nie kam Sam so nahe an sie heran wie heute.
Jetzt liegt sie regungslos vor ihm. Die Airbags Ihrer Kombi zerfetzt von den scharfen Kanten der Felsen, Arme und Beine unnatürlich verdreht. Sams Herz setzt aus. Sie ist tot.
Trotz der Schmerzen in den Beinen kniet er sich neben sie und checkt den Health-State-Monitor. Doch sie lebt noch. Sams Puls beruhigt sich etwas. Ein Notfallteam ist alarmiert, wird aber achtundvierzig Minuten bis hierher brauchen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sophie überlebt, liegt bei fünfundsechzig Prozent.
Fünfundsechzig Prozent! Sam rauft sich die Haare. Er legt den Kopf in den Nacken und schreit seinen Seelenschmerz heraus. Felswände werfen den Schall zurück. Das kalte Echo erschüttert ihn.
Der Health-State-Monitor warnt ausdrücklich davor, sie zu bewegen. Sam weiß, dass die Verletzungen sehr schlimm sein müssen. Niemand hört seine Schreie.
Da er sonst nichts für sie tun kann, streicht er ihr die Haare aus dem Gesicht. Die Zeit steht still. Sam weiß, dass er sich schuldig fühlen sollte. Er kann es nicht. Stattdessen denkt er daran, wie oft er Sophie von solchen Stunts abbringen wollte, doch sie überredete ihn immer wieder zum Mitmachen.
Dabei war sie wenig zimperlich. Wenn er nicht wollte, setzte sie ihre weiblichen Reize ein oder die Drohung, ihn zu verlassen. Das wirkte jedes Mal. Oft fragte er sich, warum sie so ist.
Was hätte er tun können, den Unfall zu vermeiden? Hatte er nicht alles versucht? Sam hatte sogar ein spezielles Interface entwickelt, in der Hoffnung, dass sie sich Ihren Kick hin und wieder in einer virtuellen Umgebung holen würde. Aber Sophie hatte das von Anfang an abgelehnt.
Es sei ihr nicht real genug, sagte sie. Das sei alles nichts gegen echte Gefühle und echte Gefahr. Obwohl jeder bestätigt, dass sich die Gefühle im Holovers vollkommen natürlich anfühlen. Nur Sophie nicht. Sie ist nicht Jeder.
Um da einen Unterschied zu spüren braucht es schon einen sechsten Sinn. Vermutlich lag es eher an dem Aufwand, sich das MOTRAQ-Geschirr anzulegen. Zugegeben, acht Minuten sind nicht gerade kurz. Trotzdem. Er optimierte sogar den Stromverbrauch der Actionszenen, damit der Akku länger durchhält. Alle seine Bemühungen fanden keine Gnade in Sophies Augen.
Lieber fuhren sie stundenlang an besondere Orte, um sich dort von Klippen oder Brücken herabstürzen zu können. Oder wie heute ein Motorradrennen abzuhalten.
Mit Sams Verbesserung der Interfaces war Sophie stets unzufrieden. Nie genügten sie für den Adrenalinrausch, den sie zum Leben braucht.

2. Trennungen

»Lass mich in Ruhe mit deinen virtuellen Welten«, keift Sophie streitlustig. Obwohl zu schwach, um aufzustehen, ist sie bei diesem Thema kategorisch kompromisslos. Das gibt Anlass zur Sorge. Nicht nur für Sam, sondern auch für ihre Eltern und Freunde. Die Ärzte griffen tief in die Trickkiste der Medizin der 2050-er Jahre, um ihr Leben zu retten. Ob sie von den zahlreichen Knochenbrüchen, inneren Verletzungen und einem doppelten Wirbelsäulenbruch vollständig genesen wird, ist nicht sicher.
Die Hoffnung, dass sie nach dem Motorradunfall endlich zur Vernunft kommen würde, war verfehlt. Trotz ihrer schweren Traumata schmiedet sie schon wieder Pläne. Auf keinen Fall wird sie so weitermachen können. Jeder in ihrer Familie versuchte, es ihr zu sagen. Vergeblich.
Es wurde Kriegsrat gehalten und Sam um Hilfe gebeten. Alle Hoffnungen ruhen jetzt auf ihm. Er schaut sich in Sophies Krankenzimmer um. Es ist freundlich eingerichtet und mit allen Annehmlichkeiten ausgestattet. Die medizinische Überwachungstechnik ist dezent versteckt. Und trotzdem liegt hier eine schwerverletzte Person. Sophie kann sich kaum bewegen und ist vollständig auf fremde Hilfe angewiesen.
Meist schläft sie. Sam hofft, sie umstimmen zu können, solange der Schock des Unfalls noch anhält. Deshalb nutzte er einen der wenigen Wachmomente, um mit ihr zu reden. Bisher verläuft es nicht gut. Er zupft sich sein Hemd zurecht, das er offen über einem T-Shirt trägt und krempelt die Ärmel hoch.
»Sophie, hör mir doch einfach mal zu! Deine Liebe zu Extremsportarten ist gefährlich. Ich möchte nur, dass du weniger riskante Alternativen in Betracht ziehst. Meine Simulationen sind die Besten der Welt. Das hast du selbst gesagt. Du kannst dir dort jederzeit einen Kick holen. Gefahrlos und so oft du willst.«
Sophie funkelt ihn an. Obwohl ihr Kopf fixiert ist, lässt sie ihn nicht aus den Augen. Sam versucht mit seiner Körpersprache Zuversicht auszustrahlen. Es gelingt ihm nicht.
»Und wenn sie die Besten sind. Das ist alles nichts gegen echte Gefühle und echte Gefahr. Bist du so schwer von Begriff? Ich habe dir schon tausend Mal gesagt, dass die künstlichen Welten bei mir nicht funktionieren.«
»Bei allen anderen schon«, kontert Sam.
»Bei allen anderen«, höhnt Sophie. »Dass ich nicht lache. Es gibt Millionen so wie mich. Nichts kann das wahre Leben ersetzen. Du hast es vorhin selbst gesagt. Wie soll man sich einen Kick holen, wenn man von vornherein weiß, dass es gefahrlos ist?«
Sam seufzt. Aus ihrer Sicht betrachtet hat sie recht. Der Motorradunfall ist der beste Beweis. In der wirklichen Welt gibt es immer Überraschungen. So sehr er sich auch bemüht, die Realität kann er mit seinen Programmen nicht ersetzen. Aber er kann versuchen, so nahe wie möglich ranzukommen.
»Okay, meine Action-Szenarien sind noch nicht ganz perfekt. Aber ich arbeite daran. Ich bin kurz davor, einen Prototypen zu testen, der das elektromagnetische Feld des Gehirns abtastet und stimuliert. Damit kannst du Gefühle im Holovers noch realistischer empfinden. Das wird dich überzeugen.«
»Niemals!«, ruft sie wütend. »Hör auf mit deinen verdammten virtuellen Action- Simulationen! Ich will jemanden der das wahre Leben und wahre Gefühle mit mir teilt. Keinen Nerd, der den ganzen Tag vor dem Computer hockt und sich in multidimensionalen Cyberwelten vergräbt.«
Der Beschimpfte wirft einen Blick zum Fenster. Die untergehende Sonne malt den Himmel über den Hügeln gelb und rosa. Er liebt seine Heimat und verbringt so viel Zeit wie möglich im Freien. Heute erreicht die Stimmung zwar sein Auge, aber nicht sein Herz.
»Von wegen den ganzen Tag vor dem Computer rumsitzen«, protestiert Sam und schüttelt den Kopf. »Du weißt, dass das nicht stimmt. Außerdem sind meine Simulationen wesentlich gesünder als deine Aktivitäten. Ich liebe dich und ich würde es nicht ertragen, dich noch einmal halb tot vor mir liegen zu sehen.«
»Pah! Du liebst mich, weil ich eine lebendige Frau bin. Kein Programm kann mich je ersetzen. Wenn das alles ist, worüber du mit mir sprechen willst, dann brauche ich dich nicht. Dann kannst du auf der Stelle verschwinden. Am besten du simulierst dir eine Freundin.«
Sam bemüht sich, die letzte Bemerkung zu ignorieren. Trotzdem ist er im Inneren aufgewühlt. Am liebsten würde er im Zimmer auf und abmarschieren, um wenigstens etwas von seiner emotionalen Energie abbauen zu können. Da Sophie den Kopf nicht drehen kann, bleibt er am Fuß des Bettes stehen. Seine Finger trommeln auf den Metallbügel.
»Aber meine Action Spiele sind perfekt geeignet zum Training. Ich habe damit geübt. Diesmal hätte ich dich geschlagen.«
Sophie wirft ihm einen abschätzenden Blick zu. Über der Nase bildet sich eine steile Falte.
»So, du glaubst also, du kannst mich mit deinen Programmen besiegen?«, fragt sie verbissen. »Was hast du denn trainiert? Mich von der Straße zu schubsen? Ha! Mit solchen Tricks arbeitest du jetzt also. Du erträgst es nicht, dass du mich noch nie besiegt hast. Ich warne dich. Auch mit unfairen Mitteln wird dir das niemals gelingen.«
Sam erschrickt. So wütend und abweisend hat er seine Freundin noch nie erlebt. Wie kann sie so etwas von ihm denken? Bestimmt eine Nachwirkung des Schocks.
»Sophie, was redest du? Ich liebe dich! Wie kannst du glauben, ich hätte das absichtlich gemacht?«
»Tatsache ist, dass du mich von der Straße gerammt hast. Das hat verdammt weh getan.«
Am liebsten hätte Sam das Thema gewechselt. Aber das geht nicht. Er muss es ihr sagen.
»Ich kann ja verstehen, dass du wütend auf mich bist. Trotzdem musst du damit aufhören. Du darfst so nicht weitermachen.«
»Wer sagt das? Du? Hör zu, Feigling-«, spuckt sie ihm entgegen, »Was ich tue oder nicht, bestimme immer noch ich selbst. Lieber bin ich tot als in deine Simulationswatte verpackt. Da wird man ja stumpfsinnig. Wenn du die Realität nicht aushältst, ist das dein Problem. Von Einem, der mich hinterhältig von der Straße räumt, lasse ich mir nichts verbieten. Gar nichts! Kapierst du das?«
Sam sieht sie bekümmert an.
»Sophie, versteh doch. Es tut mir in der Seele weh. Ich würde dir nie etwas verbieten. Es sind die Ärzte. Sie haben deine Psyche analysiert und-
»Und was?«, unterbricht sie ihn scharf. Sam zuckt zusammen. Sie ist kurz davor zu explodieren. Am besten, er bringt es jetzt schnell über die Bühne.
»Das Psychoanalyseprogramm diagnostizierte, dass du mit deiner Sucht nach Risiko dich und andere gefährdest. Deshalb musst mit einer Therapie beginnen. Du hast die Wahl: entweder freiwillig oder unter Zwang.«
Vermutlich hätte sie ihn jetzt tätlich angegriffen, wenn die Schienen und Fixierungen nicht wären. Sam sieht, welche Mühe es sie kostet, sich zu beherrschen. Sie durchbohrt ihn mit ihrem Blick. Sam spürt, wie sich in ihr etwas verändert. Er kann ihr nicht länger in die Augen sehen. Sein Blick wandert zum Fenster. Die Sonne verbrennt gerade den Horizont.
Schließlich bricht Sophie ihr Schweigen. »Verschwinde«, sagt sie mit einer Feindseligkeit, die er bei ihr nicht für möglich gehalten hätte. Eine kalte Hand greift nach seinem Herzen und drückt zu.
»Sophie, ich …«
»Verschwinde. Ich will dich nie wieder sehen.«
Sam weiß, dass es aus ist. Er sieht den Bruch in ihren Augen. Der Boden unter ihm wankt. Alles dreht sich. Mit letzter Kraft taumelt er aus dem Zimmer. Sophies und seine Eltern sehen ihn gespannt an. Schwer an den Türrahmen gelehnt schüttelt Sam den Kopf. Zu mehr reicht seine Energie nicht.
Als ihn seine Mutter in die Arme nimmt, kann er seine Tränen nicht mehr zurückhalten. Er schämt sich nicht. In diesem Moment ist ihm alles egal. Alles. Sein Herz ist gebrochen. Er spürt nichts mehr.

***

»Herr Lee, bitte stellen Sie die Rückenlehne wieder senkrecht. Wir landen in wenigen Minuten.« Sam blinzelt die Service-Androidin verschlafen an. Einen Moment lang ist er froh, aus dem Alptraum aufgewacht zu sein.
Während des Flugs hatte er wieder von Sophie geträumt. Er hofft, dass in Berlin sein Schmerz nachlässt. Dass er in einer neuen Umgebung auf andere Gedanken kommen und Sophie mit der Zeit vergessen kann.
Der Vorschlag kam von seinen Eltern. Sie organisierten alles. Er war zu nichts in der Lage. Am Flughafen schoben sie ihn regelrecht in die Maschine.
Sam schaut nach unten. Die virtuelle Projektionstechnik erlaubt es ihm, durch den Boden des Flugzeugs zu sehen. Es ist Mitte April und die Sonne gibt ihr Bestes, die Vegetation aus dem Winterschlaf zu wecken. Dank Schallunterdrückung gleitet er lautlos über ein Blütenmeer hinweg. Zwischen den Obstbäumen tauchen Häuser auf. Er ist überwältigt von den Farben. Ganz anders als das trockene und staubige Kalifornien.
Fast meint er, den Frühling zu riechen. Er kann sich diesem Zauber nicht entziehen. Ein zartes Lächeln stiehlt sich auf seine Lippen. Mit einem Mal ist er gespannt darauf, das Geburtsland seiner Mutter kennenzulernen.

3. Familienplanung

2038:

»Eine halbe Million Euro?«
Ivanna schlägt sich eine Hand vor den Mund. Der Schreck lässt sie schwindeln. Mit unsicheren Schritten stöckelt sie zur nächstbesten Sitzgelegenheit. Ohne sich dessen bewusst zu werden, streichen ihre Hände das Kleid glatt, bevor sie sich in die Ledercouch fallen lässt.
Soeben noch von einem Hochgefühl getragen, schleudert sie ihr Mann eine emotionale Klippe hinab. Wieso gerade jetzt? Marek sieht keinen Grund zur Aufregung. Aus der Küche kommend reicht er ihr ein Glas Wasser. Er ist die Ruhe selbst.
»Ich finde den Preis angemessen. Er ist der Beste. Also gerade gut genug für uns.«
Wie auf Autopilot greift Ivanna nach dem Glas und trinkt es in einem Zug aus. Über den Rand des Trinkgefäßes sieht sie zu ihrem Mann hoch. Noch nicht einmal das Sakko seines Anzuges hat er abgelegt. Den obersten Hemdknopf wie immer geöffnet. Lässig und verdammt gut aussehend steht er vor ihr. Nach ein paar tiefen Atemzügen fühlt sie sich besser.
»Gibt es keine andere Lösung?«
Sein freundliches Lächeln ändert nichts daran, dass seine Augen Nein sagen.
»Liebling, wir haben das doch schon tausendmal besprochen. Es gibt keine. Du hast A gesagt und jetzt musst du auch B sagen.«
Bei Marek hört sich alles immer so einfach an. Für Ivanna sind die Dinge viel komplizierter.
»Das ist alles, was wir haben. Ich habe nicht damit gerechnet, dass es so viel kostet«, erwidert sie. Wieder dieser Schwindel. Vielleicht doch zu viel Champagner? »Kann das denn nicht noch warten? Warum gerade jetzt?«
Ivanna schließt die Augen und nimmt ihr ViDA ab. Das Gerät zur visuellen Datenaugmentation besteht aus einem angedeuteten Brillengestell und dient zur Bereicherung des Blickfeldes mit digitalen Informationen und Objekten. Viele Menschen haben sich so daran gewöhnt, dass sie es am Kopf tragen, ob sie es brauchen oder nicht.
Als sie die Augen wieder öffnet, sind die teuren Kunstwerke und die üppigen Zimmerpflanzen verschwunden. Nüchterne Realität breitet sich aus. Das Wohnzimmer ihres Appartements in Neukölln ist spartanisch eingerichtet. Die Möbel sind ausgesuchte Designerstücke mit deutlichen Gebrauchsspuren, die in der digitalen Realität dagegen wie neu aussehen.
Marek setzt sich neben seine Frau und drückt sie an sich. Sie legt ihren Kopf auf seine Schulter.
»Weil jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen ist, Ivanna. Wir wünschen uns schon so lange ein Kind. Unser Vortrag auf der Benefizgala war ein durchschlagender Erfolg. Du warst großartig. Allein wie du Doktor Neuburg den Kopf verdreht hast. Seinen Auftrag haben wir so gut wie sicher in der Tasche!«
Da ist sie wieder. Seine Stimme. So beruhigend. So vertrauenerweckend. Sie könnte ihm stundenlang zuhören, ohne ein Wort verstehen zu müssen. Einfach nur dem Klang lauschen. Trotzdem ist ihr nicht wohl bei der Sache. Es geht ihr zu schnell.
»Sei nicht so voreilig. Er ist unser erster Kunde und noch haben wir ihn nicht. Der Hacker kostet uns pro Jahr eine halbe Million Euro. Vielleicht sollten wir die Sache doch noch einmal überdenken. Zumindest abwarten, bis wir finanziell besser abgesichert sind.«
Braune Augen bohren sich in ihr Gesicht, in dem für einen kurzen Moment Ungeduld aufblitzt.
»Wir müssen das jetzt entscheiden. Spätestens morgen früh muss ich dem Hacker Bescheid geben. Sonst nimmt er einen anderen Auftrag an. So eine Chance bekommen wir nie wieder.«
»Muss es unbedingt der sein?«
»Es gibt nicht viele mit dessen Fähigkeiten. Für das, was wir brauchen, kann man nicht einfach irgendeinen nehmen.« Mareks Ausdruck versteift sich.
»Wir sind uns doch einig, dass unser Kind keine genetische Laune von Mutter Natur sein soll, oder?«
Er macht eine kurze Pause. Dass Ivanna nicht widerspricht, fasst er als Zustimmung auf.
»Fast vier Jahre haben wir an dem Genom gearbeitet. Es ist perfekt. Sie wird genau so, wie wir sie uns vorgestellt haben.«
»Ja sicher, das wird sie«, stimmt Ivanna zu. Sie nickt und vertieft ihren Blick in das leere Glas in ihren Händen. Dann sieht sie ihn an. In ihren Augen schimmert Unsicherheit.
»Designerkinder sind verboten.«
»Genau!« Marek hat bei der Sache weder ein schlechtes Gewissen noch Skrupel. »Deshalb brauchen wir den Hacker. Er wird alle Daten so manipulieren, dass ihr künstliches Genom bei keiner Kontrolle auffällt.«
»Und wenn es doch herauskommt? Alles ist irgendwo gespeichert. Es gibt unendlich viele Kopien. Programme analysieren ständig sämtliche Daten. Kein Mensch kann sagen, nach welchen Algorithmen sie das tun und welche in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren verwendet werden.«
»Deshalb brauchen wir auch den Besten.«
Mareks Zuversicht ist unerschütterlich. Draußen zieht ein Sturm auf. Die ersten Regentropfen klatschen ans Fenster. Sie hinterlassen große Spritzkreise auf den staubigen Scheiben.
Marek überprüft beiläufig die Wetterdaten in seiner Augmented Reality. Die Vorhersage über den lokalen Verlauf des Unwetters zeigt Böen bis zweiundsechzig Kilometer pro Stunde und Vierundzwanzig Liter Regen pro Quadratmeter an. Kein Grund zur Sorge, stellt er beruhigt fest.
»Glaub mir, kein Programm und kein Mensch wird je dahinterkommen.«
Ivanna nimmt ihm die Brille ab. Sie will, dass er sich mit der Realität auseinandersetzt. Bevor sie sich entscheiden, soll er die Dinge so sehen, wie sie wirklich sind. Ohne computergenerierte Manipulationen.
Ihr Mann blinzelt kurz, lässt sich aber nicht beirren. Seine Augen sind nach wie vor auf sie fixiert. Das ist unfair. Die platinblonde Genetikerin kann nicht anders, als sich darin zu verlieren. Sie unterdrückt den Impuls, mit den Händen durch seine braunen Locken zu streichen. Er bemerkt ihr Zögern.
»Vier Jahre harte Arbeit. Wir beide sind die Besten auf diesem Gebiet. Jetzt haben wir die Möglichkeit, es zu beweisen. Eine größere Herausforderung und Erfüllung für eine Wissenschaftlerin gibt es nicht. Du weißt, dass ich Recht habe. Und ich weiß, dass du es willst.«
Das markante Kinn als Zeichen seiner Willensstärke und das Gesicht mit den braunen Augen, das so viel Charisma ausstrahlt. Darin findet sie Ruhe und die Gewissheit, dass alles, was er entscheidet, richtig ist. Trotzdem ist sie noch nicht zufrieden.
»Da ist noch etwas, was mich beunruhigt.«
Der Genetiker hebt erstaunt die Augenbrauen.
»Der IQ von Zweihundertvierzig ist vielleicht doch etwas übertrieben. Ich fürchte, dass sie es damit schwer haben wird, einen Freund finden. Wir leben zwar in der Mitte des einundzwanzigsten Jahrhunderts, aber manche Dinge ändern sich wohl nie.«
Marek zögert. »Sie soll als Künstlerin Karriere machen. Da ist ein fester Freund sowieso nur hinderlich«, meint er sachlich.
Ivanna antwortet mit einem Blick, der sich wie Dolche in seinen Kopf bohrt. Draußen treiben Windböen den Regen ans Fenster. Ein Feuer prasselt im Kamin vor sich hin. Im Hintergrund sorgt Klaviermusik für eine entspannte Stimmung. Eine zeit- und namenlose Komposition für abendfüllende Gespräche.
»Also gut«, lenkt er ein. »Wenn es Dir so wichtig ist, reduzieren wir den IQ eben auf Einhundertachtzig. Das macht das Genom etwas stabiler und kann nie schaden.«
»Einhundertachtzig Punkte sind vielleicht immer noch ...«, überlegt Ivanna laut.
»Also weniger geht fast nicht«, unterbricht sie Marek. »Das wird sonst unglaubwürdig bei diesen Eltern.« Stolz reckt er dabei seine Brust heraus. »Außerdem, du willst doch nicht, dass unsere wunderhübsche Tochter ein doofes Blondchen wird.«
Ivanna rutscht auf ihrem Sitz hin und her und zupft an ihrem Kleid herum. Wie leichtfertig ihr Mann mit den Eigenschaften ihres Kindes umgeht. Ist es richtig, was wir tun? fragt sie sich. Wir entscheiden über schicksalsbestimmende Attribute eines Menschen. Wie bei einer Ware aus dem Katalog.
Sie ist von ihren Gefühlen zerrissen. Einerseits der Konflikt mit Moral und Gesetz. Auf der anderen Seite der Stolz, als Wissenschaftlerin mit ihrem Mann ein perfektes Genom erschaffen zu haben. Sie ist eine Frau, die endlich Mutter werden möchte. Erst vor ein paar Wochen bekamen sie die Genehmigung. Bei Elf Milliarden Menschen keine Selbstverständlichkeit. Schließlich siegt ihre Sehnsucht nach einem Kind.

4. Menetekel

2040:

»Pass auf, jetzt kommt ein Hammerschuss. Der ist unhaltbar.«
Luca hat keine Augen für den Ausblick über den Comer See. Für ihn ist er selbstverständlich. Voll auf den Ball konzentriert nimmt er Anlauf und drischt ihn Richtung Tor. Der Schuss ist einem Weltfußballer auf dem Höhepunkt seiner Karriere würdig. Francos Parade ebenso. Aus dem Stand hechtet er zum Ball und wehrt ihn zur Seite ab. Derart von der Bahn abgelenkt, sucht sich das Spielgerät als neues Ziel das Fenster des Gartenhäuschens. Klirrend durchbricht es die akustische Zielanzeige.
»Volltreffer«, jubelt Luca.
Franco teilt seinen Enthusiasmus nicht. Vorsorglich zieht er die Schultern ein und schaut sich ängstlich um, ob es jemand gesehen hat.

***

»Bist du verrückt geworden, ihm das Fußballspielen zu verbieten?«, schimpft Chiara. Sie stemmt die Hände in die Seiten und beugt den Oberkörper vor.
Giovanni muss sich zurückhalten. Wenn sie zornig ist, findet er seine Frau besonders reizend. Er genießt den Anblick. Trotzdem ist es nicht ratsam, sie lange zu provozieren.
»Wir haben keine Wahl. Das Risiko ist zu hoch«, verteidigt er sich.
»Das Risiko?« Chiara zieht die Augenbrauen hoch, was sie in seinen Augen noch attraktiver macht. »Ist das alles, woran du denkst? Oh, was bist du doch für ein Rabenvater. Einem neunjährigen Jungen das Fußballspielen verbieten. Es ist sein Leben. Sein ein und alles. Das kannst du ihm nicht wegnehmen!«
Chiara gestikuliert wild. Sie versprüht so viel Energie, dass die Luft zwischen ihnen knistert. Ihre Haare greifen diese Anregung gierig auf und nähren damit ihre Renitenz.
»Chiara, es liegt nicht an mir«, entgegnet er lauter werdend. Giovanni lässt sich von den Gefühlen seiner Frau mitreißen und liefert nun seinen Beitrag zu den emotionalen Energiefeldern zwischen ihnen. Die toskanische Essküche ist solche Auseinandersetzungen gewöhnt. Mit stoischer Ruhe ertragen die Töpfe und Pfannen an der Wand ein weiteres Wortgefecht der Tescos.
»Nicht an dir? Dass ich nicht lache. Wer hat es ihm verboten? Ich oder du?«
»Ich musste es tun«, schreit Giovanni es heraus. »Die Versicherung zwingt uns.«
»Nie ...« Chiara unterbricht die begonnene Antwort, als die Worte ihr Gehirn erreichen. Für einen Moment ist es still genug eine Nadel fallen zu hören. »Die Versicherung?«
Giovanni nickt und zieht einen sorgfältig gefalteten Ausdruck aus der Tasche. Chiara reißt ihn an sich. Ihre Augen scannen den Text. Sie braucht nur Sekunden, den Inhalt zu erfassen.
»Die haben die Prämie verdoppelt«, ruft sie empört. »Was denken die sich, wer sie sind? Ich werde sie verklagen. Wenn es sein muss bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.«
Giovanni seufzt. Er nimmt seine Frau in die Arme.
»Setz Dich doch.«
Die schüttelt den Kopf, dass die Locken fliegen.
»Chiara, das hat keinen Sinn. Du weißt doch, dass zigtausende solcher Klagen bereits gescheitert sind. Die Analyseprogramme, die die verwenden, sind angeblich unfehlbar. Wenn die einmal ein Risiko berechnet haben, dann kann kein Mensch mehr etwas dagegen tun.«
Die Italienerin ballt die Hände zu Fäusten. Das Papier zwischen den Fingern knistert. Ihre Knöchel treten weiß hervor, als versuche sie, die Tinte aus ihm herauszuquetschen.
»Das ist so unfair. So gnadenlos!« Der temperamentvollen Mutter stehen Tränen in den Augen. »Luca kann doch nichts dafür, dass seine Bänder und Sehnen empfindlicher sind als der Durchschnitt. Diese gottverdammten kack Genanalysen. Die müssen verboten werden.«
»Beruhige dich«, beschwichtigt Giovanni und drückt seine Frau fester. »Du hast recht. Wir müssen einen Weg finden, dass Luca weiter Fußball spielen kann.«
Chiara starrt auf das Schriftstück in ihrer Faust.
»Da steht, dass es Medikamente gibt, die die Widerstandsfähigkeit der Bänder und Sehnen erhöhen. Wenn er die nimmt, wird die Risikoeinstufung reduziert.«
»Das schon, aber die sind teuer. Wir können entweder die Medikamente bezahlen oder die höhere Prämie. Unter dem Strich macht es kaum einen Unterschied. Außerdem haben die Arzneimittel Nebenwirkungen«.
Die Schultern des Jungen auf der Treppe sacken herab, als er das hört. Seine Eltern können ihn nicht sehen. Vor Spannung hält er den Atem an.
»Wir werden das Geld auftreiben. Egal wie«, versichert seine Mutter.
»Das werden wir«, verspricht Giovanni. »Trotzdem wird er sein Fußballspiel einschränken müssen.«

Er verstand nicht alles, worüber seine Eltern sprachen. Er weiß auch nicht, wer oder was die Analyseprogramme sind. Nur eines weiß er sicher. Er hasst sie. Er ballt die Hände zu Fäusten und schleicht sich in sein Zimmer.

5. Begegnung mit einem Einhorn

2043:

»Mama, was tust du da?«
Die Frau hebt den Kopf und staunt ihr Kind an.
»Schätzchen, was machst du denn hier? Ich dachte, du bist in deinem Zimmer. Was ist mit deinen Matheaufgaben?«
»Ich bin fertig. Mir ist langweilig.«
Das Mädchen schaut sich um. Ihre Mutter liebt es, umgeben von Pflanzen zu arbeiten. Deshalb ähnelt der Raum eher einem Dschungel als einem Arbeitszimmer. Selbst ihr Tisch fügt sich nahtlos ein. Er besteht aus einer dicken Holzscheibe, geschnitten aus einem jahrhundertealten Eichenstamm.
Der Kopf des Kindes wandert hierhin und dahin. Sie sucht nach einem Versteck, wo ihre Mutter sie suchen soll. Dann entdeckt sie das dreidimensionale Objekt, das über dem Arbeitstisch schwebt.
»Das ist aber ein schönes Einhorn!«, ruft es.
»Gefällt es dir?«, fragt die Mutter. »Möchtest du auch ein Einhorn haben? Wenn du brav bist, bekommst du es vielleicht zum Geburtstag.«
Sie macht ein paar Bewegungen mit den Händen. Schon galoppiert das schneeweiße Fabeltier über eine Wiese. Die Kleine mit den blonden Locken nähert sich dem Objekt ihres Interesses. Es legt seine Hand in den Weg des Tiers. Das Einhorn springt in hohem Bogen darüber.
So schnell gibt das Kind nicht auf. Beim zweiten Versuch legt es seinen Arm in die Laufrichtung. Das virtuelle Tier schnuppert an der Hand. Nach erfolgter Prüfung galoppiert es ein Stück den Arm hoch und springt dann wieder auf die Wiese. »Das kitzelt«, kichert das Mädchen und zieht den Arm zurück.
Die Mutter runzelt die Stirn. Das ViDA ihrerTochter arbeitet mit einem Vibrationstrick, um den Tastsinn zu stimulieren. Das Gehirn eines Kindes lässt sich offenbar täuschen, indem es die Anregungen mit der erwarteten Berührung in Verbindung bringt. Bei ihr selbst funktioniert das nicht so gut.
Nachdem die Kleine das Fabeltier eine Weile beobachtet hat, greift sie plötzlich entschlossen zu. Doch es rutscht durch ihre Hand hindurch. Wie Wasser, das zwischen den Fingern versickert. Fragend sieht sie ihre Mutter an.
Die schüttelt den Kopf. Ihre schulterlangen leicht gewellten Haare folgen der Bewegung. »Das ist mein Einhorn. Das möchte bei mir bleiben. Wenn Du möchtest, kannst ein Echtes haben. Aus Fleisch und Blut.«
Das Mädchen greift sich an den Kopf und schaut über ihre Mutter hinweg zur Decke hoch. Für einen kurzen Moment blitzen ihre smaragdgrünen Augen auf.
»Aber Mama, Einhörner gibt’s doch nur im Märchen. Die kann man nicht verschenken«, belehrt sie ihre Mutter.
»Doch ich kann das«, erklärt die Frau im Brustton tiefer Überzeugung. »Ich bin eine große Fee aus Fantasia. Wenn ich will, kann ich Einhörner herbeizaubern. In jeder Farbe. Welche würde dir denn gefallen?«
»Also Mama, manchmal bist du echt peinlich«, beschwert sich das Kind und verdreht die Augen. Ich bin kein Baby mehr, das sich mit deinen Märchengeschichten abspeisen lässt. Jetzt sag schon, was du da tust.«
Die Mutter seufzt. Die Erziehung eines hochbegabten Kindes hatte sie sich einfacher vorgestellt. Obwohl ihre Tochter erst viereinhalb Jahre alt ist, beschleicht sie immer öfter das Gefühl, eher mit einer Erwachsenen zu reden, als mit einem Kind.
»Na schön«, resigniert sie. »Ich designe Haustiere für andere Menschen.« Mit einer Geste öffnet sie für ihre Tochter einen Zugang in ihre Augmented Reality.
Das Nachwuchsgenie runzelt die Stirn und betrachtet nacheinander die zusätzlichen Diagramme, Grafiken und Tabellen, die mit dem Einhorn in Verbindung stehen. »Wie designst du sie?«, fragt sie schließlich.
Mit vorgerecktem Kinn fokussiert sie ihre Mutter. Diese schaut auf die Uhr und seufzt ein weiteres Mal. Später Vormittag. Eigentlich wollte sie bis Mittag mit dem Einhorn fertig sein. Sie hatte es dem Kunden versprochen. Andererseits will sie die Neugierde ihres Kindes nicht unbefriedigt lassen. Sie lehnt sich in dem weißen Ledersessel zurück und streckt die Arme aus.
»Komm auf meinen Schoß meine Große. Dann erkläre ich es dir in Ruhe.«
Warme Sonnenstrahlen fallen durch das offene Fenster. Die Mutter schließt die Augen, dreht ihr Gesicht zur Sonne. Frühlingsduft weht ins Zimmer.
Akustikmodulaturen wandeln den Berliner Lärm in angenehme Waldgeräusche um. Das System ist gut, aber nicht perfekt. Bei dem Versuch, extreme Geräusche zu kompensieren, entstehen manchmal die absurdesten Misstöne. Man meint dann, einen Geist durchs Zimmer fliegen zu hören. Ein anderes Mal das Brüllen eines Dinosauriers oder das Tschilpen eines exotischen Vogels.
Das Mädchen ist die Geräuschentgleisungen gewohnt. Bei dem Balzruf eines Pteranodons muss es regelmäßig kichern.
»Ich nehme die Gene eines Tieres und verändere sie so, wie der Kunde es haben möchte. Ich kann es größer oder kleiner machen, indem ich den Knochenbau verändere, ich kann die Muskulatur kräftiger oder schwächer machen, die Farbe des Fells verändern. Fast alles lässt sich anpassen.«
Während sie spricht, verändert sie Parameter an einem Bedienfeld. In Echtzeit wird angezeigt, wie die Veränderungen sich an dem Tier auswirken.
»Und wo hast du das Genom für das Einhorn her?«
Die Frau runzelt die Stirn und staunt über die präzise Frage ihrer Tochter. Sie kann kaum glauben, dass die das alles auf Anhieb verstand. Ohne sich etwas anmerken zu lassen fährt die Mutter mit der Lehrstunde fort.
»Ich habe als Ausgangsmaterial das Genom eines Pferdes genommen, das einem Einhorn ähnlichsieht. Dann habe ich gezielt einzelne Gene verändert, um einen zierlichen Knochenbau, gespaltene Hufe, ein geschraubtes Horn auf der Stirn und das schneeweiße Fell zu erzeugen.«
»Dann sieht es zwar aus wie ein Einhorn, aber es hat immer noch den Charakter eines Pferdes.«,
Das Mädchen spitzt die Lippen und legt den Kopf zur Seite. Demonstrativ nimmt es sein ViDa ab und legt das Kunststoffgestell auf den Tisch. Es ist eines der neuesten Modelle, bei denen die Netzhautdatenprojektoren kaum zu sehen sind.
Aufmerksam betrachtet die Kleine das Gesicht ihrer Mutter. Nicht die geringste Regung entgeht ihr. Ein schrilles Zirpen von draußen lässt Mutter und Tochter zusammenfahren. Die Frau ist sich der strengen Prüfung durch ihr Kind bewusst. Sie weiß, was das bedeutet.
»Das ist kein Problem für mich«, fährt sie unbekümmert fort. Ich weiß genau, welche Gene dafür zuständig sind und wie ich sie verändern muss, um die Charaktereigenschaften zu bekommen, die der Kunde haben will.«
Das Mädchen schließt die Augen und greift sich ans Kinn. Es lässt sich Zeit mit seiner Antwort.
»So ein Tier möchte ich nicht«, erklärt es schließlich. Draußen schiebt sich eine Wolke vor die Sonne. Doch es ist der kühle Blick ihrer Tochter, der die Frau frösteln lässt.
»Wieso denn nicht?«, fragt sie und runzelt die Stirn.
»Wenn du alles bestimmst, wie es aussieht und welche Eigenschaften es hat, dann ist es kein Tier mehr. Dann ist es nichts weiter als eine Biomaschine, die deinen Befehlen gehorcht.«
Man sieht es dem Mädchen an, wie ernst es ihm mit dieser Feststellung ist.
»Nein, mein Kind. So ist es nicht«, verteidigt die Mutter ihre Arbeit. »Es ist nach wie vor ein Tier, das einzig und allein seinen Instinkten gehorcht. Alles was ich mache, kann früher oder später auch in der Natur vorkommen. Nur dauert es dort viel länger. Ich helfe nur der Natur auf die Sprünge.«
»Das Einhorn tut mir leid.«
Tränen glitzern in den Augen des Kindes.
»Wieso tut es dir leid? Es ist ein Tier wie jedes andere auch.«
»Nein Mama. In der Natur haben alle Tiere Eltern. Dieses Einhorn hat keine.« Entschlossen wischt das Kind die Tränen weg. »Ein Glück, dass ich euch habe«, sagt das Mädchen plötzlich und umarmt seine Mutter so fest es kann.

6. Überzeugungsarbeit

2051:

Grinsend schießt der blonde Lockenkopf eine Ladung Farbe in Richtung des Lehrers. Die futuristische Kanone auf ihrem Schreibtisch erzeugt ein passendes Abschussgeräusch, der Flug des Projektils wird von einem schrillen Pfeifen begleitet. Mit einem Schmatz liebkost die Flüssigkeit ihr Ziel. Giftgrüner Schleim tropft vom Lehrkörper herab und platscht auf den Boden. Die Schützin unterdrückt ein Kichern. Der Lehrer redet ungerührt weiter.
»Zu komisch«, murmelt sie.
»Was ist so komisch?«, fragt ihre beste Freundin über den geheimen Kommunikationskanal. Die Blondine nimmt Miriams Avatar neidisch zur Kenntnis. Die sexy Figur mit dem rotweißen Badeanzug ist für zwölfjährige Mädchen definitiv verboten. Wäre ihr Kanal im Schul-Cybernet sichtbar, würde dieser Avatar von der Zensur herausgefiltert und mit einem Verweis geahndet.
»Wow! Du musst mir unbedingt sagen, woher du das Teil hast«, fordert Vilca. Gleichzeitig öffnet sie ihre Augmented Reality für Miriam. Dafür benutzte sie eine Geste, die sie sorgfältig vor dem Tutor verbirgt.
Beim Anblick des verschleimten Lehrers staunt die bewunderte Freundin mit offenem Mund.
»Mach das sofort weg. Du weißt, dass du einen Verweis bekommst, wenn sie dich noch einmal erwischen«, ermahnt Miriam ihre Freundin.
Doch die Ruhestörerin denkt nicht daran aufzuhören. Schon gar nicht, wenn ihre Freundin mit so einem Avatar auftrumpft. Stattdessen schickt sie animierte Schweinchen ins Rennen, die mit rosa Zungen den Vortragenden ablecken. Die Mädchen kichern.
»Fräulein Tomaček, darf ich fragen, was an meinem Vortrag so lustig ist?« Der Lehrer schaut mit ernstem Gesicht auf sie herab. Dermaßen unsanft aus der virtuellen Welt gerissen findet sich Vilca alleine in ihrem Zimmer sitzend. Der Unterrichtsraum und ihre Mitschüler sind verschwunden. Nur der Tutor ist noch da und sieht aus, wie man sich einen Geschichtslehrer vorstellt. Leider.
Die Schülerin ärgert sich darüber, dass sie ertappt wurde, aber sie fühlt sich kein bisschen schuldig.
»Nichts. Das ist ja gerade das Problem«, antwortet sie frech auf die Frage.
Der Tutor blinzelt. Seine Augen wandern zwischen Vilca und imaginären Fixpunkten hin und her.
»Ich verstehe das nicht. Mein Lernoptimierungsalgorithmus hat errechnet, dass der Unterricht optimal auf deine Persönlichkeit und Lernbedürfnisse abgestimmt ist.«
Die Blondine kneift die Augen zusammen.
»Dann hat Ihr Algorithmus einen Fehler. So wie Sie Geschichte vermitteln, langweilt mich das zu Tode.«
Die Miene des Geschichtsdidaktikers verfinstert sich.
»Gut. Dann sollten wir das mit deinen Eltern besprechen. Am besten gleich.« Der Avatar erstarrt. Vilca weiß was das bedeutet. Er spricht gerade mit ihrer Mutter und behält sie gleichzeitig im Auge. Es wird vermutlich nicht lange dauern, bis sie in ihr Zimmer gestürmt kommt. Sie fragt sich, was schiefgelaufen ist. Ein Verdacht drängt sich auf.
Bevor das Mädchen den Gedanken weiterspinnen kann, kommt auch schon ihr weiblicher Elternteil mit wehenden Haaren und flatterndem Rock ins Zimmer geschossen. Ohne Umschweife kommt sie zum Punkt.
»Jetzt habe ich aber genug von deinen Faxen«, schimpft sie. »Wenn du glaubst, du brauchst wegen deiner Hyperbegabung deinen Unterricht nicht ernst zu nehmen, hast du dich geirrt.«
»Aber Mama«, verteidigt sich die Schülerin mit dem Ausdruck perfekt gespielter Unschuld, »da ist ein Fehler im Lernprogramm. Da kann ich doch nichts dafür. Der Geschichtsunterricht geht total an meinen Bedürfnissen vorbei.«
»Gegen diese Behauptung protestiere ich energisch«, wehrt sich das Lernprogramm. »Ich funktioniere einwandfrei. Ich unterrichte Millionen Schüler. Kein Einziger macht solche Schwierigkeiten wie ihre Tochter, Frau Tomaček.«
Mit der Bemerkung begibt sich das Programm, ohne es zu ahnen, auf gefährliches Terrain. Für Ivanna hat die Integrität der Familie nach außen höchste Priorität. Sie warnt ihn mit einem misstrauischen Blick. »Und wie viele sind dabei mit einem IQ von einhundertachtundsiebzig?«, fragt sie kühl.
Das Programm ist auf solche Herausforderungen bestens vorbereitet.
»Die Intelligenz des Kindes ist nur einer der Faktoren, welche in die individuelle Adaption eingehen. Mit einer theatralischen Geste zaubert er eine Liste in die Luft. »Das sind alle Parameter, die ich berücksichtige«, erklärt er, »und hier die Werte ihrer Tochter auf einer Skala von eins bis zehn ...« Au Backe, schießt es Vilca durch den Kopf, als sie das sieht. Sie weiß, dass sie in Schwierigkeiten ist. Die Werte sind alle falsch. Zwangsweise, denn sie benutzt ein Programm zum besseren Schutz ihrer Privatsphäre. Dummerweise ist das verboten. Dabei hatte sie versehentlich nicht zugelassen, dass das Lernprogramm Daten über sie sammelt. Jetzt muss sie sich schnell etwas einfallen lassen, um zu retten, was noch zu retten ist.
»Die Daten in Ihrer Liste sind irrelevant. Es ist sonnenklar, dass die falsch sind. Die Frage ist doch, wieso Sie die falschen Daten haben«, greift das Mädchen das System an.
»Deine Einstufung basiert auf deinem Verhalten und deinen Lernfortschritten«, kontert das Programm. Der Lehrer blickt streng auf seine Schülerin herab. »Dein ungebührliches Verhalten zeugt von schlechter Erziehung und ist durch nichts gerechtfertigt.«
Wider Erwarten erhält Vilca Unterstützung von ihrer Mutter.
»Was erlauben Sie sich?«, empört sich Ivanna. »Meine Tochter ist bestens erzogen. Der Fehler muss in der Auswertung ihres Verhaltens liegen. Es ist eindeutig ein Problem des Lernprogramms.«
So geht das noch eine Weile hin und her. Zufrieden grinst Vilca in sich hinein. Sie ist sich sicher, dass niemand herausfinden wird, dass alles an ihrem Privatsphärenschutzprogramm liegt. Der Dealer versicherte ihr, dass das Programm nicht aufspürbar ist. Solange sich ihre Mutter mit dem Lernprogramm streitet, bleibt sie die lachende Dritte.

***

»Wieso können wir uns nicht im Rainbow Club für virtuelle Kids treffen?«, textet Miriam.
Vilca seufzt hörbar unter der Bettdecke, wo sie sich vor den Überwachungskameras in ihrem Zimmer versteckt. Langsam tippt sie auf ihrem SmartCom-Bildschirm. Das ist alles andere als ein Smarter Communication Computer. Mit den eingeschränkten Nutzerrechten bleibt ihr nichts anderes übrig als Buchstabe für Buchstabe per Hand einzugeben. So zu kommunizieren ist sie nicht gewohnt.
»Weil ich eine Woche Cybernet-Verbot habe. Ich darf es nur zum Lernen benutzen und jede Abfrage läuft über einen Filter, den meine Eltern kontrollieren. Selbst meine Rechnerleistung haben sie auf das Nötigste reduziert.«
»Oh Mann. Da hast du dir ja was Schönes eingebrockt. Eine Woche. Das ist ja eine Ewigkeit. Deine Eltern sind echt streng. Spätestens nach zwei Tagen würde ich vor Langeweile sterben.«
»Ich bin jetzt schon tot«, textet Vilca zurück. Sie überprüft das verbleibende Datenvolumen. Selbst die paar Bits für die Textnachrichten muss sie umständlich von den erlaubten Anfragen abzweigen. »Zum Glück wissen meine Eltern von diesem uralten Textnachrichtenprogramm nichts. Das stammt aus Zeiten, als man noch Bildschirme und Tastaturen benutzte.
»Komm doch zu mir«, schlägt Miriam vor. »Sag ihnen, dass wir zusammen lernen. Da können sie nicht nein sagen.«
»Schön wärs«, murmelt Vilca. »Habe auch Hausarrest«, antwortet sie kurz.
»Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, wieso du so streng bestraft wurdest. Es war doch nur ein Scherz. Niemanden ist etwas passiert. Das Lehrprogramm ist doch kein Mensch, dessen Gefühle man verletzen kann. Also echt. Deine Eltern übertreiben maßlos.«
Vilca stöhnt. Soll sie es ihrer Freundin sagen oder nicht? Schließlich entscheidet sie sich, ihr Geheimnis mit Miriam zu teilen.

***

Ivanna staunt ihren Mann an. »Woher wusstest du, dass sie ein illegales Programm zum erweiterten Schutz ihrer Privatsphäre benutzt?«, fragt sie ihn.
Marek steht mit dem Rücken zur wandhohen Fensterfront ihres Wohnzimmers. In der Hand hält er ein mundgeblasenes Weinglas, mit dem er eine rubinrote Flüssigkeit schwenkt. Leises Knistern von einem offenen Feuer erfüllt den Raum.
»Von dem Hacker, den ich engagierte über unsere Privatsphäre zu wachen. Du weißt schon, derjenige, der dafür sorgt, dass bestimmte Dinge geheim bleiben, die unbedingt geheim bleiben müssen«, gibt er unumwunden zu.
Ivanna stellt ihr Glas ab, schlägt die Beine übereinander und verschränkt die Arme. Ihre Augenbrauen treffen sich über ihrer Nase.
»Und wann hattest du vor, mir das zu sagen?«, bohrt sie mit frostiger Stimme nach.
Marek lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Die stimmungsvoll gedimmte Beleuchtung wird mit dem Flackern des Feuers verstärkt. Er nimmt einen Schluck aus seinem Glas in der Hoffnung, dass seine Gattin dem Beispiel folgt. Ein bisschen Alkohol kann nicht schaden. Vielleicht löst das ihre Anspannung.
Er vertreibt sich die Zeit, indem er das Aroma seines Weins analysiert. Er riecht Vanille und Zimt. Im Abgang schmeckt er auch die Lakritze heraus. Der Tabak entzieht sich seiner Wahrnehmung. Laut Werbung sollte man ihn riechen.
Eisblaue Augen fixieren ihn von unten herauf. Schließlich greift Ivanna nach ihrem Glas und nippt an dem Wein. Nach kurzer Überlegung entschließt er sich, ihr unumwunden die Wahrheit zu sagen.
»Es erschien mir nicht wichtig genug, dich damit zu behelligen. Du machst aus solchen Dingen immer gleich eine Staatsaffäre.« Obwohl Ivannas Ausdruck sich noch weiter verfinstert, fährt er unbekümmert fort.
»Ich dachte mir, unsere Tochter braucht das Gefühl gewisse Freiräume zu haben. Jeder hat seine kleinen Geheimnisse. Ich wusste ja Bescheid und konnte gegebenenfalls korrigierend eingreifen ...«
»Ach«, höhnt Ivanna eisig. »Das hat ja prima geklappt mit dem Eingreifen. Ich muss dich wohl daran erinnern, dass auf die Benutzung solcher Programme empfindliche Strafen stehen. Da sie noch ein Kind ist, fällt das auf uns zurück.«
Marek nickt beiläufig. Per Augensteuerung dreht er die Heizung höher. Vielleicht entspannt sich seine Frau ja, wenn es wärmer wird. Ein bisschen Kiefernduft aus der Heimatmo-Box kann auch nicht schaden. Für sie beide wird die höhere Heizleistung als stärkeres Feuer in ihrer Augmented Reality übersetzt. Es knistert lauter im Kamin.
»Genau dafür haben wir den Hacker. Der passt auf, dass wir keine Probleme mit den Behörden bekommen.«
Ivanna steht auf, geht zur Feuerstelle und stellt sich mit dem Rücken davor. Wohlig saugt sie die Wärme in sich auf und betrachtet ihren Mann. Der Feuerschein flackert in seinem Gesicht. Hinter ihm die Lichter der Großstadt. Sie weiß, dass fast alles eine Illusion ist. Die Glasfront besteht in Wirklichkeit aus einer Wand mit schlichten Fenstern. Auch der Blick auf die nächtliche Großstadt ist in Wahrheit weitaus weniger spektakulär.
Sie nimmt einen tiefen Schluck von dem edlen Getränk. Um herauszufinden was echt und was virtuell ist, bräuchte sie nur das ViDA abzunehmen. In Mareks Gehirn zu schauen, ob sie ihm trauen kann, ist nicht so einfach.
»Was weißt du noch über unsere Tochter, das du mir verschweigst?«, fragt sie plötzlich.
Der Genetiker zuckt die Schultern.
»Sie benutzt andere verbotene Programme, die aber alle harmlos sind. Zum Beispiel eines, mit dem sie sich heimlich mit Miriam während der Schulstunden unterhalten kann.«
Ivanna schüttelt den Kopf.
»Harmlos? Das sehe ich nicht so. Sie soll sich gefälligst auf den Unterricht konzentrieren.«
»Komm schon«, beschwichtigt Marek. »Wir haben in der Schule auch geschwätzt. Das ist bei Kindern doch ganz normal.«
Marek registriert, wie seine Frau ihre kirschroten Lippen aufeinanderpresst.
»Du weißt, dass Vilca individuelle Lernprogramme braucht, um ihre Persönlichkeit zu stabilisieren. Jede Abweichung davon ist ein Risiko. Außerdem sind sie viel zu teuer. Wir können nicht erlauben, dass sie ihre kostbare Zeit mit nutzlosem Geplapper und belanglosem Zeug verschwendet«, kontert die Mutter.
Er nimmt einen weiteren Schluck und spürt den einzelnen Geschmacksnoten nach, während der Rebensaft über seine Zunge fließt.
»Schon«, stimmt er zu, »aber unsere Tochter ist keine Maschine. Ab und zu braucht sie auch etwas Zeit für sich und zum Spielen.«
»Spielen?«, fragt Ivanna und stellt ihr Glas auf den Kaminsims. Alles, was unsere Tochter interessiert, ist ihre Karriere als Sängerin. Und wir sollten alles tun, was wir können, um sie darin zu unterstützen.«
Mit ein paar Schritten ist Marek bei seiner Frau. Er stellt sein Glas so nah wie möglich neben ihres.
»Ich bin mir da nicht so sicher. Neben der Schule, dem Gesangsunterricht und Tanzstunden hat sie jetzt schon einen Zehnstundentag.«
»Sie braucht das«, stellt Ivanna trocken fest. Mit verschränkten Armen steht sie ihm gegenüber. Immerhin sind ihre Lippen wieder entspannt, stellt er fest. Marek widersteht dem Drang, sie zu küssen.
»Und jetzt soll noch eine Stunde Aikido dazukommen. Meinst du nicht, dass das allmählich zu viel wird für sie?«, fragt er stattdessen.
»Nein, ganz und gar nicht«, bleibt die Mutter bei ihrer Linie. »Im Gegenteil. Das ist gut für sie. Speziell dieser Kampfsport schult Gleichgewichtssinn und Koordinationsfähigkeiten. Das ist wichtig für ihre Bühnenchoreographie.«
»Da magst du recht haben. Aber trotzdem finde Ich das Alles für ein zwölfjähriges Mädchen ein bisschen viel.« Marek legt die Hände auf die Taille seiner Frau und zieht sie zu sich heran. Sie hält die Arme verschränkt.
Er weiß um seine Wirkung auf Ivanna. Der gut aussehende Genetiker schaut ihr tief in die Augen. Er spürt, wie sie sich etwas lockert.
»Ich weiß nicht«, zögert sie. Trotzdem legt sie ihre Hände auf seine Schultern. Sie zupft an seinem Hemd herum. Marek zieht sie noch fester an sich heran. Er lässt sie seine Muskeln spüren.
»Ich habe ihre Leistungen analysiert. Sie wird auf Dauer bessere Ergebnisse erzielen, wenn wir mehr Freiräume geben. Es braucht gar nicht so viel. Im Wesentlichen kommt es darauf an, dass sie das Gefühl hat, mehr selbst gestalten zu können.«
Noch bevor seine Frau antwortet, sieht er an ihren Augen, dass er sie überzeugt hat.
»Na gut«, lenkt sie ein. »Der Leistungsanalyse kann ich schlecht widersprechen. Vorausgesetzt, sie hält meiner Überprüfung stand. Falls dem so ist, sollten wir ihr Pflichtprogramm kürzen, damit unsere Kleine mehr Zeit für sich bekommt. Meinetwegen können wir ihr auch ihren Tagesablauf etwas flexibler gestalten. Aber das Aikido wird nicht gestrichen. Darauf bestehe ich.«
»Okay«, stimmt Marek zu. »Dann habe ich aber auch eine Bedingung. Die Strafe für den kleinen Scherz mit dem Lernprogramm ist zu hart. Sie hat jetzt zwei Tage ohne Internet hinter sich. Das sollte reichen. Ich denke, sie hat verstanden, dass sie sich in erster Linie selbst schadet, wenn sie die teuren adaptiven Lernprogramme mit falschen Daten füttert.

***

Als Marek das Zimmer seiner Tochter betritt, findet er ein durch und durch gelangweiltes Mädchen. Sie liegt auf dem Bett und starrt an die Decke. Neben ihr liegt ein altes Papierbuch. Geschlossen.
»Was willst du?«, fragt sie mürrisch ohne den Blick von der Decke abzuwenden.
Marek versucht, seine Tochter mit einem Lächeln aufzuheitern.
»Ich bin gekommen, um dir zu sagen, dass Dein Cyberspace-Verbot ab sofort aufgehoben ist.«
»Wag‘ es bloß nicht, mich zu verarschen«, brummt Vilca. Die Decke scheint wesentlich interessanter als ihr Vater.
»Nie im Leben«, beteuert Marek und setzt sich zu ihr auf das Bett. »Dafür hat es mich viel zu viel Aufwand gekostet, deine Mutter zu überzeugen.«
Vilca richtet sich überrascht auf.
»Echt, du hast es geschafft, Mama zu überzeugen? Wie?«
Mareks grinst breit und streichelt ihre Wange. »Das, mein Kind, bleibt mein Geheimnis.«
Für Vilca ist die Sache damit noch nicht erledigt.
»Und was ist mit der Software zum Schutz der Privatsphäre?«, fragt sie betont und rechnet mit dem Schlimmsten. Ihr Vater zuckt die Schultern.
»Von mir aus ist das okay. Das macht doch jeder. Nur sollte man so schlau sein, sich nicht dabei erwischen zu lassen.«
»Aber ...«, Vilcas Mund steht offen. Ihr bleibt die Spucke weg.
Marek hebt warnend die Hand. »Wehe du sagst Ivanna, was ich gesagt habe. Nicht ein Sterbenswort!«, unterstreicht er mit dem Zeigefinger. »Sonst ist wieder der Teufel los.«
Er steht auf, um zu gehen. An der Tür angekommen ruft ihn Vilca zurück. Er dreht sich zu ihr um und wird mit einem strahlenden Lächeln beschenkt.
»Danke Papi!«

7. Verführung

2054:

Der gutaussehende Mann zelebriert sein Entree in das Nachtcafé. Sein Auftritt löst ein Raunen bei den Gästen aus. Er genießt es, wie sich alle Köpfe nach ihm umdrehen. Für einen Moment hält die Welt den Atem an. Nur für einen Augenblick, aber dem jungen Adonis genügt die Aufmerksamkeit für seine Zwecke. Zufrieden bahnt er sich einen Weg durch die Menschenmenge Richtung Bar. Willig weichen die Gäste vor seinen ausladenden Flügeln zurück.
Luca lächelt in sich hinein. Engel zu sein, bringt eben auch Vorteile mit sich. Noch mehr gilt das für gefallene Engel. Wenn die wüssten! In Wahrheit ist seine Kleidung grau und unscheinbar. Auch musste er sich ein paar Jahre älter machen, als er ist, sonst hätte ihn der Türsteher-Roboter am Eingang nicht durchgelassen.
Alles kein Problem mit Augmented Reality. Sie macht die physische Realität zur Nebensache. Wie jemand aussieht und was er ist, bestimmt allein die digitale Signatur. Aber nur für den, der sie sich zu Nutzen machen weiß. Luca hat sie gemeistert. Natürlich nur, wenn alle mitspielen und Augmented Reality verwenden. Aber das tut ja heutzutage jeder.
An der Bar angekommen bestellt Luca zwei Cocktails. »Mit echtem Alkohol und Zucker?«, fragt der Barkeeper.
»Was denn sonst?«, erwidert der Italiener herablassend. »Ich bestelle doch keinen Mai Tai, um dann mit langweiligen gesundheitssystemkonformen Ersatzstoffen abgespeist zu werden. Sehen Sie meine virtuell eigeblendete Freigabe für Alkohol und Zucker nicht?«
Um seiner Forderung Gewicht zu verleihen, breitet er seine Schwingen aus. Die Geste verdunkelt die halbe Bar. Einige Leute weichen unwillkürlich vor den Flügeln zurück, obwohl es in Wirklichkeit nichts gibt, das sie bedroht.
»Wie der Herr meint«, kommentiert der Cocktailmixer mit der liebenswürdigen Herablassung eines echten Wiener Kellners. Luca genießt das Ergebnis. Eine weitere Streicheleinheit für sein Hacker-Ego. Traditionellen Mai Tai bekommen selbst Erwachsene in öffentlichen Bars nicht so leicht. Zwei sind praktisch unmöglich, nachdem die Gesundheitsbehörden weltweit das Kriegsbeil zum Kampf gegen Alkohol und Zucker ausgruben. Immerhin entspricht ein Mai Tai bereits der halben Monatsration eines Durchschnittserwachsenen.
Das minderjährige Hackergenie sieht sich um. Er ist auf der Suche nach einer bestimmten Person. Ein paar Sekunden später entdeckt er sie auf seinem virtuellen Schirm. Die junge Frau sitzt zusammen mit einer Freundin an einem der kleinen Tischchen. Sie unterhalten sich angeregt. Ihr Outfit ist bunt und eine verwirrende Mischung mehrerer Styles, die genauso wenig zusammenpassen, wie eine Badehose und Schlittschuhe zu einem Fisch.
Man kann davon halten, was man will. Luca findet diesen Stilmix okay, aber er ist sich nicht sicher, ob es ihr auch gefällt. Es passt nicht zu ihrer Persönlichkeit. Doch sich so zu zeigen, ist gerade mal wieder in.
Ihr virtuelles Styling könnte sie jederzeit auf Knopfdruck ändern. Das funktioniert allerdings nur bei jenen, die sich an die Spielregeln halten. Luca tut das nicht. Er sieht die Welt und die Menschen so, wie sie wirklich sind. Die Zielperson ist bei weitem nicht so schlank, wie sie glauben machen möchte. In Wahrheit trägt sie einen grauen Jumpsuit. Das Teil sitzt so eng, dass sie darin wie eine schlecht verpackte Presswurst aussieht. Eigentlich steht er auf wohlproportionierte Frauen. Aber nicht, wenn sie sich so unvorteilhaft kleiden.
Der Italiener ist froh, dass er sie so nicht den ganzen Abend sehen muss. Das würde seinen Plan erschweren. Also schaltet er auf Augmented Reality um. Gleichzeitig aktiviert er ein Spezialprogramm, das ihm bei seinem Vorhaben unterstützen soll.
Damit es jeder mitbekommt, stellt der Barkeeper klirrend zwei Designergläser auf den Tresen. Verziert wie es sich gehört, mit Obststückchen und einem Papierschirmchen. Damit macht sich Luca zu dem Tisch der Damen auf. Mit halb ausgebreiteten Flügeln schreitet er durch den Raum. Die Cocktails hält er wie eine Monstranz vor sich. Er ist sich der Aufmerksamkeit sämtlicher anwesenden Damen sicher. Doch ihm kommt es nur auf Eine an. Gebannt beobachtet sie ihn.
Als die junge Frau erkennt, dass er auf ihren Tisch zusteuert, weiten sich ihre Augen. Beiläufig nimmt Luca die angezeigte Zustandsveränderung in seiner Augmented Reality zur Kenntnis. Puls und Hauttemperatur ihres Gesichts nehmen zu. Status: ‚Interessiert' wird angezeigt. Kein schlechter Start. Er gratuliert sich.
Sie streicht sich mit den Fingern durchs Haar. Ein schüchternes Lächeln. Er setzt sich an den Tisch, ohne zu fragen. Demonstrativ stellt er einen seiner Drinks vor der Dame ab.
»Ein Gruß aus der Hölle von dem Boten Gottes. Extra für dich.«
Ihr Blick wendet sich von dem Mai Tai ab. Sie legt den Kopf schief und sieht Luca von der Seite an. Dazu verzieht sie Augenbrauen und Mund. Ihr Puls wird noch schneller.
»Das kann ich mir nicht leisten«, sagt sie. Das Glas bleibt unberührt stehen. »Ich habe meine Zuckerration für diesen Monat fast aufgebraucht. Bei Alkohol bin ich für zwei Monate im Minus.« Braune Augen versenken sich in schwarze. Luca fesselt ihren Blick. Ihr angezeigter Status steigert sich auf leichte Erregung.
»Nimm ihn und lass mich auch probieren«, drängt die Freundin.
Er wirft einen Blick auf ihre Freundin. Die Brünette ist hübsch aber nicht sein Typ. Der Italiener beugt sich vor und greift nach der Hand der Schwarzhaarigen.
»Du kannst. Das geht auf mein Konto.«
Erschrocken zieht sie ihre Hand zurück. Der Puls sinkt. Die Statusanzeige warnt vor abkühlenden Interesse. Das geht ihr zu schnell, informiert die Dating App. In Gedanken verdreht Luca die Augen. Darauf wäre er auch alleine gekommen. Das Programm empfiehlt ein Kompliment zu machen.
»Du hast wunderschöne Augen«, folgt Luca dem Rat.
Die Frau zögert. Ihr Blick wandert zu dem Glas. Einen echten Mai Tai hatte sie schon lange nicht mehr.
»Übrigens, ich heiße Luca«, stellt er sich vor.
»Klingt italienisch«, kommentiert die Frau. Sie verzichtet darauf, sich vorzustellen. Luca lässt das durchgehen. Er kennt ihren Namen sowieso. Ebenso ihre Vorlieben.
»Ist es auch, Signorina. Warst du schon einmal in Roma?«
Der Engel aus der Hölle nimmt einen großzügigen Schluck von seinem Getränk und lässt sich Zeit, den Genuss vorzuführen.
Sie schüttelt den Kopf. Wieder wandert ihr Blick zu dem Glas. Luca weiß, dass verbotene Dinge die junge Frau reizen. Allerdings ist sie auch schüchtern. Deshalb hebt er seine Flügel und schirmt den Tisch vor den Blicken der Gäste ab. Ihre Freundin weiß, was von ihr erwartet wird. Diskret zieht sie sich zurück und verschwindet in der Menge.
Mit einer Geste ermuntert er seine Auserwählte zu trinken. Noch immer kann sie sich nicht entscheiden. Um ihre Hände davon abzuhalten nach dem Glas zu greifen, spielt sie mit ihren Haaren. ‚Mehr Romantik', empfiehlt die Dating App. Gerne greift er den Ratschlag auf.
»Es gibt in Roma noch ein paar Cafés wo man bei Kerzenschein abends draußen sitzen kann, molto romantico«, erklärt Luca. »Frühling ist genau die richtige Zeit dafür. Nicht zu heiß und es duftet überall nach Blumen. Tief in der Nacht, wenn nach und nach die Lichter ausgehen, sieht man sogar Sterne.«
Erneut fängt er ihren Blick mit seinen Augen ein. »Wenn du deine Augmented Reality mit mir teilst, kann ich uns ein bisschen Romantik herbeizaubern. Nur für uns zwei.«
Das zieht. Die Dating App zeigt wieder beschleunigten Puls und zunehmende Erregung. Sie gibt ihm den Code. Er vermeidet tunlichst, eine Reaktion zu zeigen, als er feststellt, dass sie ihm lediglich einen Gastzugang gewährte. Das ist noch nicht die Berechtigungsstufe, die er braucht, aber er zweifelt nicht daran, dass er den Rest auch noch bekommt.
Luca startet ein vorbereitetes Programm. Auf dem Tisch erscheint eine Kerze. Sie flackert und mit ihr tanzen die Schatten. Langsam ändert sich die Umgebung. Als die Umwandlung beendet ist, sitzen die beiden in einem malerischen Café. Allein. Grillen zirpen zu italienischer Musik, die leise im Hintergrund spielt. Die Geräusche des Wiener Nachtcafés sind dank aktiver Geräuschunterdrückung verschwunden.
Lucas Blick geht hoch zum Sternenhimmel. Die junge Frau gibt einen anerkennenden Laut von sich.
»Fantastisch! So etwas habe ich noch nie gesehen«, bewundert sie das Kunstwerk.
Als sie schließlich das Glas greift, weiß der Casanova, dass ihr Herz ihm gehört. Sie nippt zuerst und nimmt dann einen großen Schluck. Die Frau fährt mit der Zunge über ihre Lippen. Sie lässt sich Zeit dabei. Braune Augen versinken in Schwarzen.
Luca tastet vorsichtig nach ihrer Hand. Diesmal lässt sie die Berührung zu. Der Rest ist ein Kinderspiel. Bei ihr zu Hause erhält er einen unbeschränkten Zugang zu ihrer virtuellen Realität. Die romantische Szene mit dem italienischen Café beeindruckte sie dermaßen, dass sie nicht genug davon bekommen kann.
Der Italiener ist mit sich selbst mehr als zufrieden. So sehr er das Zusammensein mit der Frau genießt, für ihn ist sie doch nur ein Mittel zum Zweck. Neben der sexuellen Befriedigung erhält er weit mehr von ihr, als er selbst in seinen kühnsten Träumen zu hoffen wagte.
Er glaubt es anfangs nicht. Aber seine Berechnungen lassen keinen Zweifel. Immer wieder prüfte er sie. Immer wieder gelangte er zum gleichen Ergebnis über den Ablauf zukünftiger Geschehnisse.
Der Zugangscode, den er von der Frau bekam, ist der Ursprung einer unvermeidlichen Ereigniskette. Nur ein kleiner Dominostein, aber einmal angestoßen, werden immer größere fallen.
Es wird Jahre dauern, sein Ziel zu verwirklichen. Doch der Fall des letzten Steins in dieser Kette ist vorherbestimmt. Er wird ihm den Schlüssel zu praktisch unbegrenzter Macht in die Hände spielen.

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Virtual Space Composition

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