Idee und Inhalt meines Buches

"Jede entsprechend weit fortgeschrittene Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden" (Zitat von Arthur C. Clarke)


Diese Idee hat mich nicht mehr losgelassen bis ich schließlich damit begonnen habe ein Buch darüber zu schreiben. Es geht um virtuelle Welten, die so perfekt simuliert sind, dass sie von der realen Welt nicht mehr zu unterscheiden sind. Da in der virtuellen Welt alles möglich ist, gibt es in meinem Buch sowohl Zukunftstechnologie, wie sie in Science Fiction Romanen zu finden ist, als auch typische Fantasy Elemente wie Magie, Fabelwesen und Fantasiewelten.

In meinem Blog werde ich nicht nur über den Fortschritt meines Buches berichten, sondern auch allgemein zu SciFi und Fantasy Themen.

Gerne lasse ich mich hierbei von euch inspirieren.

Wer mag, kann mich gerne direkt kontaktieren: roy.ofinnigan@t-online.de

Diesen Blog durchsuchen

Mittwoch, 9. Dezember 2015

Ökotherapie - Kurzgeschichte von Roy O'Finnigan - Teil 1/2







Nach längerer Abstinenz gibt es mal wieder eine Kurzgeschichte von mir. Ich habe sie geschrieben als ich eine Auszeit von meinem Buch „Nanobots“ brauchte, um Abstand zu gewinnen. Wer „Nur der Tod macht frei“ gelesen hat, kennt einige der Akteure bereits.

Sperber ist verzweifelt. Seine Frau ist verschwunden. Einfach so. Sie ging ins Schlafzimmer und löste sich dort in Luft auf. Vor den digitalen Augen der Hausüberwachungskamera.
Die Polizei kann ihm nicht helfen. Deshalb sind die Spezialisten von „AntiPRISM“ seine letzte Hoffnung.

Ich wünsche viel Spaß beim Lesen.

P. S. Über Feedback und Kommentare würde ich mich sehr freuen.




Ökotherapie




»Lebt er noch?«
»Keine Sorge, den kriegen wir schon wieder hin. Keine der Verletzungen ist lebensgefährlich«, höre ich den Med-Androiden sagen. Ich halte das für eine Lüge. Entweder hat die Maschine einen katastrophalen Fehler im Diagnoseprogramm oder sie sagt das nur, um mich zu beruhigen. So wie ich mich fühle, kann die Aussage keinesfalls medizinisch fundiert sein.
Als ich das nächste Mal zu Bewusstsein komme, sehe ich meine Frau. Erleichtert lächelt sie mich an. »Endlich bist du wach. Dann können wir gleich mit der Auswertung beginnen«, legt sie los ohne ein Wort über meinen Zustand zu verlieren. Nachdem, was ich durchgemacht habe, hätte ich eine andere Begrüßung verdient.
»Bist du bereit?«, fragt sie und stülpt mir den Brainscanner über den Kopf. Offenbar bin ich zurück im Analyselabor unserer Agentur »AntiPRISM«. Hier entwickeln und erproben wir die neuesten Technologien für kundenspezifische Datenästhetik. Ich bin beunruhigt. Unsere Geräte sind allesamt Prototypen. Dementsprechend sieht es aus. Manch fliegender Aufbau wird nur notdürftig von Klebebändern und Kabeln zusammengehalten.
Angeblich sind die Apparate zum Memorecording zehnmal besser als die der NSA, aber ich traue der Sache nicht. Bei unseren Probeläufen ist bisher noch jedes Mal etwas schiefgegangen. Teilweise mit schmerzhaften Folgen für mich. Meine Frau scheint das nicht zu kümmern. »Versetz dich zurück«, sagt sie kühl, ohne auf meinem Zustand Rücksicht zu nehmen.
Mir geht das alles zu schnell. Ich bin höchstens zur Hälfte im Jetzt angekommen, da soll ich mich schon wieder in die Vergangenheit begeben? »Wohin?«, frage ich verwirrt.
»Na an den Anfang.« Ich kann ihr Gesicht nicht sehen, da sie im Hintergrund mit irgendeinem Gerät hantiert. Dafür spüre ich umso deutlicher, wie sie mit den Augen rollt. Zum Glück hat sie ein Einsehen mit mir. »Tut mir leid, dass wir so schnell machen müssen, aber sie haben bereits begonnen, die Spuren zu verwischen. Uns läuft die Zeit davon. Wenn das hier vorbei ist, werde ich alles wieder gut machen, Leon. Am besten du fängst mit der Szene an, als Sperber in unsere Agentur kam. Du erinnerst dich doch?«
Und wie ich mich erinnere. Ich habe ein fotografisches Gedächtnis. Ich merke mir alles. Am besten klappt es bei Dingen, die ich am liebsten vergessen möchte. Und bei Versprechen wie gerade eben.
Ich atme tief durch und konzentriere mich auf das Ereignis. Ein Bild taucht aus den Tiefen meines Gehirns auf. Erst vage und dann immer detaillierter. »Kannst du es sehen?«
Etwas verzögert antwortet sie: »Verschwommen. Wir sind noch am Kalibrieren. Mach' einfach weiter. Während du die Szene vor deinem inneren Auge abspielst, stellen wir die Geräte ein.«
Ich vertiefe mich in das Geschehen. Langsam versinkt die Gegenwart, ich bin wieder in der Vergangenheit.

Elomines Stimme reißt mich aus meiner Nachmittagsmeditation. »Leon mach‘ dich bereit, da kommt ein Kunde. Seine Frau ist verschwunden. Die Polizei kann sie nicht finden«, fasst sie seine Probleme zusammen, bevor er den Raum betritt.
Ich synchronisiere meine Augmented Reality mit Elomines und beobachte, wie unser Analyseprogramm die Informationen vervollständigt. Jeder, der sich unserer Agentur nähert, wird von Kameras erfasst. Anhand der biometrischen Daten, wie Gesicht, Körpergröße oder Gang ermitteln wir seine Identität. Wir haben Zugang zu allen Datenbanken der Welt. Naja, zu fast allen. Mit Hilfe der Daten stellen wir fest, wer unser Büro aufsucht und warum.
Wir haben die weltweit besten Algorithmen. Nur wenige Staaten kommen an die Leistungsfähigkeit unserer Analyseprogramme heran. Zum Glück wissen die das nicht, denn das meiste, was wir tun ist streng verboten. Doch solange uns niemand auf die Schliche kommt, spielt das keine Rolle.
Während meine Frau den Hintergrund unserer Klienten analysiert, sorge ich für deren Schutz. Im Moment sind sechs Drohnen in der Luft. Dann sind da noch neun Passanten. Schön brav tragen sie alle Augmented-Reality-Brillen. Einer der Passanten benutzt eine besonders starke Verschlüsselung. Das können sich nur Geheimagenten oder Versicherungsdetektive leisten. Ich aktiviere einen unserer Quantencomputer von D-Wave Systems. Gegen die 64.000 Q-Bits hat kein Verschlüsselungsalgorithums eine Chance. Während der Kunde unsere Agentur betritt, sehen ihn alle anderen weitergehen und um die Ecke verschwinden.
»Guten Tag, was kann ich für Sie tun?«, begrüßt ihn meine Frau.
Der Mann sieht sich in unserer exklusiven Empfangs-Lounge um. Er ist Mitte vierzig, athletisch, hat dunkle Haare und braune Augen. Er trägt eine Jeans, ein T-Shirt und darüber ein kariertes Hemd. Die Textilien haben schon bessere Zeiten gesehen. Meine Augmented Reality behauptet, er hätte 64.311,34€ auf seinem Konto. Damit kann er sich unsere Dienstleistungen nicht leisten. Elomine wird seinen Auftrag vermutlich trotzdem annehmen. Seine Story ist einfach zu interessant.
»Mein Name ist Sperber. Frank Sperber. Meine Frau ist vor einer Woche aus unserer Wohnung verschwunden. Eben war sie noch da, plötzlich ist sie weg. Spurlos. Die Polizei kann uns nicht weiterhelfen. Sie sagen das Ganze sei ein Rätsel. Eigentlich unmöglich.«
Elomine streicht sich wie immer ihre schwarze Strähne aus dem Gesicht. »Wann haben Sie sie denn das letzte Mal gesehen?«, fragt sie.
Ich sehe in der AR, dass meine Partnerin die Antwort schon kennt. Sie fragt nur der Form halber. Viele Menschen erschreckt es immer noch, wenn man sie unvorbereitet mit persönlichen Details und Tatsachen konfrontiert. Obwohl sie wissen, dass wir im Zeitalter der Totalüberwachung leben. Es gibt nichts, was nicht digital erfasst wird. Deshalb wissen wir auch immer, wie es unseren Kunden geht und welche Probleme sie haben.
Ich kann verstehen, daß Sperber zögert. Seine Story ist unglaubwürdig. Früher hätte man ihn sofort als Haupttatverdächtigen verhaftet.
»Sie ging ins Schlafzimmer. Ich hinterher. Als ich in das Zimmer komme, ist es leer. Auf dem Weg von der Tür zum Bett löste sie sich in Luft auf. Einfach so. Wie ein Geist. Zum Glück hat unsere Wohnraumüberwachung das aufgezeichnet.«
»Da können Sie mal sehen, wie wichtig es ist, alles zu überwachen«, kommentiert meine Frau. »Ohne das Video säßen Sie jetzt in U-Haft.«
Sperber nickt zustimmend. »Ich liebe meine Frau. Ich bin sicher, dass sie noch lebt. Sie muss es einfach. Man hat mir gesagt, ihre Agentur sei die Beste. Finden Sie sie!«
Elomine schaut ihn abschätzend an. »Sie können sich uns nicht leisten.«
Ein Schatten legt sich auf sein Gesicht. »Ich weiß. Aber ich gebe Ihnen alles, was ich habe.«
Meine Frau zaubert mit ihren Händen ein dreidimensionales Diagramm in die Luft zwischen sich und Sperber. Auf ihre typische Art zupft sie daran herum. »Hmmm. Normalerweise verlangen wir 50.000 Euro pro Tag plus Spesen. Aber ...«
Erwartungsvoll schaut er sie an. Ich ahne, was sie vorhat.
»... für Regierungsbeamte gibt es Sonderkonditionen. Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Sie zahlen uns 60.000 Euro und schulden uns einen Gefallen, den wir jederzeit einfordern können.«
Misstrauisch schaut er uns an. Zuerst mich, dann Elomine. »Sie verlangen doch nichts Illegales, oder?«
Elomine tut entsetzt. »Natürlich. Was den sonst? Alles, was wir tun ist, illegal. Wenn Sie eine vermisste Person legal suchen lassen wollen, müssen Sie zur Polizei gehen.«
Sperber ist plötzlich sehr blass. Er schwankt. »Ich ... muss mich setzen«, stammelt er und lässt sich in einen Sessel fallen, der genau dafür bereitsteht.
Ich weiß, wie er sich fühlt. Unser Roboter reicht ihm ein Glas Wasser. Er trinkt es in einem Zug leer. Danach fängt er sich. »Sie erpressen mich«, protestiert er im Tonfall eines empörten Staatsdieners.
Elomine zaubert ihren unschuldigsten Ausdruck aufs Gesicht. »Aber ganz und gar nicht. Ich habe Ihnen ein geschäftliches Angebot gemacht. Sie können annehmen oder ablehnen. Wenn Sie jetzt gehen, sind Sie nie hier gewesen. Das garantieren wir.«
Sperber atmet schwer. »Können Sie sie überhaupt finden?«
»Ja«, antwortet Elomine mit göttlicher Zuversicht. Darin ist sie unschlagbar. Wenn man sie so sieht, muss man ihr einfach alles glauben. Trotzdem teile ich ihren Optimismus nicht. Der Fall ist kompliziert.
Er seufzt. »Sie wissen, dass ich keine Wahl habe. Ich liebe meine Frau. Also gut.«

»Was hast du«, fragt sie mich, nachdem Sperber gegangen ist.
Ich lasse sie ein wenig zappeln und genieße den Anblick. Erwartungsvoll schauen mich ihre braunen Augen an. Sie ist mal wieder perfekt gestylt. Die Frühlingswiesenanimation auf ihrem Kleid passt sich ihrer Stimmung an. Ihre Ungeduld überträgt sich auf die Schmetterlinge, die aufgeregt von Blume zu Blume flattern. Bevor Elomine die Lipidoptera auf mich hetzt, beschließe ich fortzufahren.
»Es gibt eine Reihe ähnlicher Fälle, den Ersten vor knapp drei Jahren. Danach wurden es von Jahr zu Jahr mehr. Allein dieses Jahr waren es 436 Fälle.«
Sie nickt, ergreift meine Daten und breitet sie vor sich aus. Dann beginnen wir, darin herumzuwühlen.
»Alle Polizeiakten wurden manipuliert«, stellt sie fest.
»Ja«, bestätige ich. »Aber nur so, dass es den statistischen Auswertungen keine Häufungen auffallen. Die Tatsachen sind nicht verändert worden. Es ist immer das Gleiche. Die Personen verschwinden und tauchen nie wieder auf.«
»Moment!« Elomine greift einen Datensatz heraus und hält ihn in die Höhe. »Fast alle Personen hatten einen Krankenhausaufenthalt hinter sich, der nicht länger als 14 Monate zurückliegt.«
Eine Zeitlang sehen wir uns Videos im Zeitraffer an. Meistens handelt es sich um eine Krebsoperation oder eine Organverpflanzung. Weder die Videos von der OP noch die über das Leben der Personen nach der OP bis zum Verschwinden zeigen etwas Ungewöhnliches. Sie enden alle gleich. Eines Tages verlässt die Person ihre Wohnung, begibt sich in eine große Menschenmenge, geht darin verloren und taucht nie wieder auf.
Wir stöbern noch eine Zeitlang in den Daten. Plötzlich zieht Elomine einen Fall heraus.
»Hier, das solltest du dir mal ansehen. Dieser Fall passt in das Schema. Schwerer Verkehrsunfall. Wird wahrscheinlich gelähmt bleiben.«
Das ist mal wieder typisch. Elomine bleibt im Büro und ich bekomme den Außeneinsatz. Andererseits muss ich zugeben, dass mein fotografisches Gedächtnis mich dafür prädestiniert. Fälle wie dieser lassen sich selbst heute nur unter Ermittlung in der physikalischen Realität lösen.
»Also gut«, stimme ich zu. »Ich treffe mich mit seiner Freundin. Bis ich da bin, ist sie mit ihrer Vorlesung über Quantenphysik fertig. Danach hat sie einen Termin mit einem Vertreter der Versicherung ihres Freundes. Das trifft sich gut.«

Die Professorin sitzt mit dem Versicherungsagenten an einem Tisch in der Mensa. Ich habe noch nie eine so ausgeflippte Quantenphysikerin gesehen. Eigentlich habe ich überhaupt noch nie jemanden getroffen, der die Farbladungen der Quantenchromodynamik so konsequent umsetzt. Ein weiblicher Einstein mit rosa und neongrünen Strähnchen im Haar. Nur dass sie wesentlich besser aussieht als der Nobelpreisträger.  
Die beiden abzuhören ist nicht ganz einfach. Sie benutzen aktive Schallauslöschung und halten sich die Hände vor den Mund, damit man nicht von den Lippen ablesen kann.
Offenbar kennen sie nicht alle Tricks. Meine Ultra-HD Kamera ist durchaus in der Lage die Schwingungen der Kaffeetassen aufzulösen. Akustisch ist eine halbvolle Kaffeetasse kein Genuss aber es reicht, um jedes Wort zu verstehen.
Als ich höre, was der Versicherungsvertreter der Quantenphysikerin auftischt, stellen sich mir die Haare zu Berge. Er behauptet, die Operation ihres Freundes sei ein voller Erfolg gewesen. Schmerzensgeldzahlung lehnt er kategorisch ab, da ihr Freund in zwei Wochen bereits nach Hause darf. Pflege wird nicht notwendig sein. Die beiden streiten heftig.
Die Inhaberin des Lehrstuhls für Quantenphysik schlägt vor, das Verhalten der Versicherung mittels eines mehrdeutigen Werbepostings auf ihrem Blog ’Quantum Lifestile' zu dokumentieren. Bei über 20,000 Klicks im Monat würde die Sache die öffentliche Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdient.
Das scheint den Versicherungsvertreter zu beeindrucken. Als Zugeständnis bietet er ihr ein neuartiges Augmented-Reality-System an. Es besteht aus ultramodernen Kontaktlinsen und einem Transkranealen Stimulator. Er versichert, dieses System ermögliche ganz neue Erfahrungen in der virtuellen Welt. So real, als ob der andere physikalisch anwesend wäre. Sogar Berührungen können damit simuliert werden. Das sei praktisch gleichwertig mit einer sofortigen Entlassung ihres Freundes.
Die Quantenphysikerin schaut skeptisch auf die Gerätschaften, die er vor ihr auf dem Tisch ausbreitet. Das ist echt heißes Zeug. Die Kontaktlinsen kosten richtig viel Geld und das Gerät zur elektromagnetischen Stimulation von Gehirnarealen ist selbst mir neu. Zumindest in dieser Kompaktform, die man wie ein Stirnband tragen kann. Selbst Elomine kann darüber auf die Schnelle nichts in unseren Datenbanken finden.
Ich frage mich, was die Versicherung damit bezweckt. Ein böser Verdacht drängt sich mir auf. Ich erkundige mich bei meiner Frau, was sie davon hält.
»Ich weiß nicht so recht«, meint sie skeptisch. »Sperber hatte so etwas nicht. Falls das von Bedeutung ist, brauchen wir handfeste Beweise.«
Nachdem der Versicherungsvertreter gegangen ist, bleibt die Professorin unschlüssig sitzen. Ich habe eine Idee. Während ich zu ihrem Tisch unterwegs bin, verschafft mir Elomine in Windeseile eine neue Identität.
Ich stelle mich als Journalist einer auflagenstarken Tageszeitung vor. Eine, spezialisiert darauf in einer Schlagzeile Geschichten zu erzählen, für die andere eine halbe Seite brauchen. Offenbar ist meine Identität halbwegs glaubwürdig. Die Quantenphysikerin sieht mich an, als wäre ich Schrödingers Katze.
»Was wollen Sie?«, fragt sie misstrauisch.
»Das hängt ganz von Ihnen ab«, kontere ich. »Ich recherchiere schon eine Weile über die Kostenerstattungspraktiken einiger Versicherungen. Sie trafen sich gerade mit einem Vertreter, dessen Arbeitgeber mir in diesem Zusammenhang besonders aufgefallen ist. Ich habe natürlich nichts von Ihrem Gespräch mitbekommen aber Ihre Körpersprache zeigte, dass Sie nicht zufrieden sind.«
Ihr Ausdruck wird noch kritischer. Jetzt fühle ich mich sogar wie Schrödingers Katze. Halb tot und der Rest meines Lebens hängt am seidenen Faden. »Was wissen Sie über mich? Schnüffeln Sie etwa in meinen Daten?«
Ich setzte mein unschuldigstes Gesicht auf und gestikuliere beschwichtigend. »Ich weiß gar nichts. Ich habe mich nur an die Fersen dieses Versicherungsvertreters gehängt, um mit den Opfern in Kontakt zu kommen. Was Sie mir erzählen möchten, hängt ganz von Ihnen ab.«
Sie schaut mich eine Weile prüfend an. So flippig ihr Äußeres auch sein mag, hinter diesen Augen wohnt ein messerscharfer Verstand. Der kommt wohl zu dem Ergebnis, mir eine Chance zu geben. »Meine Geschichte kostet zwanzigtausend Euro«
Ich schaue sie bedauernd an. Den Ausdruck habe ich von Elomine abgeguckt. »Ich habe kein Budget für solche Geschichten. Es wäre wohl auch wenig glaubwürdig, wenn ich Ihnen was zahlen würde.«
»Schön und gut«, brummt sie. »Aber was habe ich dann davon?«
»Das ist doch offensichtlich. Wenn ihre Story dazu beiträgt, öffentlich Druck auf die Versicherung aufzubauen, dann haben Sie wesentlich bessere Chancen auf einen außergerichtlichen Vergleich.«
Sie sieht mich nachdenklich an. »Also gut«, stimmt sie zu. Sie entspannt sich und erzählt mir die ganze Geschichte.
»Ist Ihnen bei ihrem Freund in letzter Zeit etwas Ungewöhnliches aufgefallen?«, erkundige ich mich.
Sie schüttelt den Kopf. »Nein.« Sie zögert. »Vielleicht doch. Er wirkte etwas niedergeschlagen, seit sich herausstellte, dass sein Ansatz nicht funktioniert, den Widerspruch zwischen der Invarianz unter Raumzeit-Diffeomorphismen der Relativitätstheorie mit dem bevorzugten Referenzsystem, gegeben durch die kosmische Hintergrundstrahlung, mit Hilfe der Formdynamik in Einklang zu bringen.
Ich verstehe kein Wort von dem, was sie sagt. Aber, dass man von diesem Fachchinesisch leicht Depressionen bekommen kann, leuchtet mir ein.
»War ihr Freund ein sportlicher Typ?«, frage ich, um das Thema zu wechseln.
Sie schüttelt den Kopf. »Der? Nein. Der Tollpatsch stolpert sogar über seine eigenen Schuhbänder, wenn man nicht aufpasst. Wieso fragen Sie das?«
Ich zucke mit den Schultern. »Naja, ich muss ja auch etwas über ihn als Mensch schreiben. Mit einem doppelten Wirbelsäulenbruch wird er in Zukunft wahrscheinlich in seiner Bewegungsfreiheit erheblich eingeschränkt sein.«
»Ich hoffe nicht. Der Versicherungsvertreter sagte, dass er wieder vollständig gesund wird.«
»Das freut mich für Sie und ihn.« Meine Aufmerksamkeit wandert zu dem Transkranealen Stimulator. Sie folgt meinen Blick.
»Das habe ich von dem Versicherungsvertreter bekommen. Wissen Sie, was das ist?«
»Nein«, sage ich ehrlich. »Ich habe schon viel gesehen, aber so etwas noch nicht. Das muss ein Prototyp sein.«
Die Quantenphysikerin nimmt den Stirnreif in die Hand und betrachtet ihn von allen Seiten. Entschlossen setzt sie ihn auf. Gespannt wartet sie ab. Nichts passiert. Plötzlich weiten sich ihre Augen. Sie gibt einen überraschten Laut von sich. Dann verschwindet das Ding. Es ist als hätte es sich in Luft aufgelöst.
»Interessant«, sage ich. »Wie fühlt es sich an?«
»Was?«, fragt sie.
»Na das Stirnband zur Gehirnstimulation«, das Sie soeben aufgesetzt haben.
Die Professorin schaut mich verwundert an. Welches Stirnband? Ich trage kein Stirnband.«
In diesem Moment schaltet sich Elomine ein. »Lass es gut sein, Leon. Wir wissen jetzt alles, was wir wissen müssen. Der transkraneale Stimulator ist mit einem Metamaterial beschichtet. Das leitet das Licht um ihn herum, wenn er aktiviert wird. Gleichzeitig dämpft er gewisse Stellen im Gehirn so, dass man ihn nicht mehr spürt und offensichtlich sofort vergisst, dass man ihn trägt.«
Ich verstehe. Eine raffinierte Konstruktion. Freiwillig wird sie das Ding vermutlich nie wieder abnehmen. Ich verabschiede mich schnell und eile zu meinem Auto. »Hat Sperber auch so ein Ding getragen?«, frage ich Elomine.
»Weiß noch nicht. Das ist schwer herauszufinden. Die Analysen laufen noch.«
»Wie wäre es mit anrufen?«, schlage ich vor.
Elomine hält es nicht für nötig, darauf zu antworten. Stattdessen bekomme ich eine neue Aufgabe. »Es wird Zeit, der Versicherung einen Besuch abzustatten.«
»Einverstanden. Das wird aber nicht leicht. Ich kann ja nicht einfach hineinspazieren, Guten Tag sagen und mich dann in ihre interne Cloud einloggen.«
»Da hast du recht. Es ist sogar noch schwieriger, als du dir vorstellst.« Nach einer kurzen Pause fährt sie fort. »Du kennst doch 'Mission Impossible'.«
Mir wird flau im Magen. »Leider ja. Da gibt es doch diese Szene, wo der Agent Ethan Hunt von einem Hubschrauber aus in einen Lüftungsschacht springt. Nicht dein Ernst?«, frage ich beunruhigt. Aber Elomine scherzt mit solchen Sachen nicht.

...

Fortsetzung folgt



Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de

Blogverzeichnis

Blog Top Liste - by TopBlogs.de







RSS Verzeichnis


Virtual Space Composition

Virtual Space Composition
© Agsandrew | Dreamstime.com